Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Frank Uekötter

Kleine Geschichte der Klimadebatte

Zivilgesellschaftliche Mobilisierung

Die Umweltbewegung entfaltete eine enorme gesellschaftliche und mediale Resonanz, die bei euphorisch gestimmten Zeitgenossen Visionen einer Weltbürgergesellschaft sprießen ließ.[3] Das hatte freilich mehr mit naiven Hoffnungen und den Schuldgefühlen des modernen Konsumbürgers zu tun als mit den institutionellen Realitäten. Die politischen Ressourcen der Umweltverbände waren stets überschaubar, und mit den Lobbyisten, die große Energiekonzerne finanzierten, konnten sie nicht einmal ansatzweise mithalten. Eindrücklich zeigte sich dies in den Vereinigten Staaten, wo es auf der einen Seite ein Netzwerk von Umweltverbänden gab, das Anfang der 1980er Jahre weltweit führend war und in den folgenden Jahrzehnten kräftigen Rückenwind aus der internationalen Klimaforschung erfuhr, und auf der anderen Seite die Milliarden der konservativen Koch-Brüder standen, die im großen Stil in Klimaskepsis investiert wurden.

Umweltverbände hingen stets an Mitgliedsbeiträgen und Spenden aus der Zivilgesellschaft, und das machte sich nicht nur in notorisch knappen Budgets bemerkbar. Der anthropogene Klimawandel war für Umweltverbände stets eines von zahlreichen Themen: Naturschutzgebiete, bedrohte Arten, Blei und Ozon in der Luft, Müll, Kernkraft, Supergifte wie Dioxin – immer wieder mussten Bürger und Verbände Entscheidungen treffen, was ihnen wirklich wichtig war, und da war ein globales Problem wie der Klimawandel ein klassisches Verliererthema. Wenn ein Chemiewerk seine Nachbarn krank machte, gab es eine klar umgrenzte Gruppe der Betroffenen und konkrete Maßnahmen, für die sich kämpfen ließ. Aber wie mobilisiert man eine globale Gemeinschaft für schmerzliche Einschnitte, die erst auf lange Sicht ihre Wirkung entfalten?

Die Proteste der vergangenen Monate verstellen leicht den Blick dafür, dass die zivilgesellschaftliche Mobilisierung für den Kampf gegen die globale Erwärmung meist ziemlich schwerfällig war. US-amerikanische Umweltverbände konzentrierten sich lieber auf konkretere Probleme mit überschaubarem Zeitrahmen. Die bundesdeutsche Umweltbewegung, die starken Zulauf aus den Bürgerinitiativen der 1970er Jahre erfuhr, tat sich mit dem Sprung zu globalen Themen ebenfalls schwer, zumal das Klimathema ein wenig quer zum populären Protest gegen die Kernenergie lag. Es gibt sehr zu denken, dass hinter dem legendären "Spiegel"-Titel vom Sommer 1986, der als Menetekel des Klimawandels den im Meer versinkenden Kölner Dom zeigte, nicht etwa ein Umweltverband steckte, sondern der Arbeitskreis Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Diesen Physikern ging es nicht nur um das Weltklima, sondern auch um die Kernkraft, die nach Tschernobyl in der Defensive war.[4]

Nationalstaat als zentraler Akteur

Für eine globale Klimapolitik brauchte man jedoch nicht nur kluge Wissenschaftler und engagierte Verbände, sondern auch politische Institutionen. Seit den 1980er Jahren stehen dabei die nationalstaatlichen Regierungen im Mittelpunkt, und dahinter steckt ebenfalls ein Erbe des Kalten Krieges. Dieser markiert auch einen historischen Höhepunkt für die Autorität der Nationalstaaten, denn er bedeutete eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung: Der Kampf der Systeme tobte auf allen Ebenen bis hin zur US-amerikanischen Einbauküche, über die Richard Nixon und Nikita Chruschtschow 1959 in Moskau ein legendäres Streitgespräch führten. Damit besaßen die Regierungen in Ost und West eine enorme Verfügungsgewalt über gesamte Volkswirtschaften, die gesellschaftlich weithin unumstritten war. Selbst der Neoliberalismus, seit den 1970er Jahren im Aufwind, verstand Deregulierung und Privatisierung zunächst als ein klar umgrenztes Projekt. In der globalen Konkurrenz der Systeme konnte es sich keine Regierung leisten, die eigene Ökonomie einfach aus der Kontrolle zu entlassen.

Die Imagination des mächtigen Nationalstaats prägt die Klimaliteratur bis in die Gegenwart. Rich lässt sein Buch mit einer Regierungskonferenz im niederländischen Noordwijk 1989 enden, auf der sich die USA querstellten. Dort sei eine historische Chance vergeben worden: Wenn sich damals die Regierungen des Westens einem entschlossenen Kampf gegen die globale Erwärmung verschrieben hätten, lebten wir heute in einer anderen Welt.[5] Das war damals eine durchaus populäre Vorstellung, die nicht nur von der idealistischen Sorge um den blauen Planeten beflügelt wurde.

Aus heutiger Sicht ist offenkundig, dass die Krise der Staatlichkeit zu den zentralen Entwicklungen der vergangenen drei Jahrzehnte zählt. Es ist durchaus offen, ob die heutigen Regierungen die politischen Mittel zum drastischen Umsteuern besäßen, selbst wenn sie einen solchen Kurswechsel tatsächlich wollten. Die Macht der Nationalstaaten erodiert in vielfältigen Formen, unterdessen ächzen die Wohlfahrtsstaaten des Westens unter Schuldenbergen, einem Gewirr von rechtlichen und finanziellen Verpflichtungen und apathischen Bürgern, die sich für große politische Programme nicht mehr begeistern lassen.

Die Illusion der nationalstaatlichen Verfügungsmacht wurde jedoch tief in die globale Klimapolitik eingeschrieben. Mit der Klimarahmenkonvention, die 1992 auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro unterzeichnet wurde, wurden die Nationalstaaten zu entscheidenden Akteuren, deren Regierungen sich alljährlich zu Klimakonferenzen mit fünfstelliger Teilnehmerzahl treffen. Klimapolitik ist seither automatisch Klimadiplomatie, auch wenn das von der Sache her nicht unbedingt zwingend war. Man hätte auch die multinationalen Energiekonzerne ins Visier nehmen können oder auch das Anspruchsdenken westlicher Konsumbürger. Vielleicht brauchte man nicht nur eine andere Politik, sondern auch andere Vorstellungen vom guten Leben?

Fußnoten

3.
Vgl. Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt, Frankfurt/M. 1999.
4.
Vgl. Peter Weingart/Anita Engels/Petra Pansegrau, Von der Hypothese zur Katastrophe, Opladen 2008, S. 49.
5.
Vgl. Nathaniel Rich, Losing Earth, New York 2019, S. 165–173.
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