Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Frank Uekötter

Kleine Geschichte der Klimadebatte

Enger klimapolitischer Korridor

Materialismus und Wachstumsdenken sind in den Gesellschaften des Westens nahezu zweite Natur, und auch das ist ein Erbe des Kalten Krieges. In Ost und West lebte man in den 1950er und 1960er Jahren den kurzen Traum der immerwährenden Prosperität, der schon damals mehr Schein als Sein war. Auch in der Bundesrepublik der Wirtschaftswunderjahre lebten Menschen in prekären materiellen Verhältnissen, und Vollbeschäftigung gab es erst ab 1961, aber all dies verschwand hinter einem langen Boom mit Wachstumsraten, die in der Geschichte des modernen Kapitalismus ihresgleichen suchen. Nach den multiplen Krisen in der Zeit der Weltkriege war das eine gänzlich unerwartete Wendung, deren praktische Konsequenzen erst nach und nach ins Bewusstsein rückten. Die berühmte Studie "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome konnte nur deshalb 1972 zum Weltbestseller werden, weil die meisten Menschen bei aller Wachstumseuphorie nie darüber nachgedacht hatten, dass exponentielle Wachstumsraten auf einem begrenzten Planeten früher oder später in einer Katastrophe enden mussten.[6]

Das Jahr 1945 gilt inzwischen als umwelthistorische Epochenschwelle erster Güte. Der Schweizer Umwelthistoriker Christian Pfister prägte in den 1990er Jahren den Begriff "1950er Syndrom", sein amerikanischer Kollege John McNeill sprach lieber von einer "großen Beschleunigung", aber im Kern ging es um den gleichen Befund: Nahezu alle Parameter, die den Einfluss des Menschen auf seine natürliche Umwelt maßen, schnellten mit beängstigender Geschwindigkeit und Stetigkeit nach oben.[7] Die Folgen sind nicht nur in dem beständig steigenden CO2-Gehalt der globalen Atmosphäre zu erkennen. Sie stecken gleichermaßen in Siedlungsstrukturen und gesellschaftlichen Leitbildern, Ernährungsgewohnheiten und Mobilitätsansprüchen, elektrischen Küchengeräten und Düsenflugzeugen, und all dies erwies sich als ausgesprochen resistent gegenüber den moralischen Appellen, die ab den 1980er Jahren zur transnationalen Klimadebatte gehörten. Einige zentrale Entwicklungen fallen sogar in die Zeit nach dem Erdgipfel von Rio 1992, so etwa der Boom der Billigflieger oder der globale Siegeszug der Klimaanlage.

So operierten die Klimapolitiken der Welt von Anfang an in einem ziemlich engen Korridor. Die demokratischen Industriegesellschaften des Westens fürchteten, durch eine allzu forsche Politik die eigene Legitimität zu untergraben, und die boomenden Ökonomien des Globalen Südens, allen voran China, folgten dem westlichen Wachstumspfad mit der naiven Begeisterung der bundesdeutschen Wirtschaftswunderjahre. Auch institutionell waren die Würfel gefallen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) war seit seiner Gründung 1988 der zentrale Aushandlungsmechanismus für periodische Berichte über den Stand der Klimaforschung, und die Klimapolitik operierte im Takt der "conferences of parties" der Klimarahmenkonvention. Das war, so der Globalsprech der Diplomaten, "the only game in town".

Das IPCC baute auf der Tradition der vernetzten Großforschung auf, aber seine Mission war bedeutend anspruchsvoller als beispielsweise die gemeinsamen Expeditionen des Internationalen Geophysikalischen Jahres. Seine Aufgabe war Konsensfindung unter intensiver Beobachtung von Medien und Politik, und es fehlte nicht an skeptischen Prognosen. Ein Team um den Wissenschaftssoziologen Peter Weingart ging davon aus, dass die Klimadebatte auf ewig in einem Dreieck von Wissenschaft, Medien und politischen Entscheidungsträgern pendeln würde, weil die Akteure im Umgang mit Unsicherheit ganz unterschiedlich gepolt waren. Für Journalisten sei Unsicherheit eine Neuigkeit, für Wissenschaftler Ausgangspunkt für Forschungsprojekte, und die Politik lege am liebsten die Hände in den Schoß, solange nicht alles klar ist.[8]

Fußnoten

6.
Vgl. Patrick Kupper/Elke Seefried, On the History of the 1972 Study "The Limits to Growth", in: Frank Uekötter (Hrsg.), Exploring Apocalyptica, Pittsburgh 2018, S. 49–74.
7.
Vgl. Christian Pfister (Hrsg.), Das 1950er Syndrom, Bern 1995; John R. McNeill/Peter Engelke, The Great Acceleration, Cambridge MA 2014.
8.
Vgl. Weingart/Engels/Pansegrau (Anm. 4).
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