Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Reiner Grundmann

Die Wissenschaften in der Klimadebatte - Essay

Wetter, Klima, Drama

Ein weiteres Beispiel für boundary work ist die öffentliche Dramatisierung bestimmter Entwicklungen und Risiken. Der Klimawissenschaftler, der das Thema als erster medienwirksam kommunizierte, ist James Hansen, der für seine Anhörung als Experte im US-Kongress im Juni 1988 berühmt wurde. Er machte die legendäre Aussage, dass er "zu 99 Prozent" sicher sei, dass die globale Erwärmung real existiere: "Meiner Meinung nach ist der Treibhauseffekt nachgewiesen, und er verändert das Klima jetzt." Er wurde noch deutlicher, als er einem Reporter der "New York Times" sagte: "Es ist jetzt an der Zeit, aufzuhören, um den heißen Brei herumzureden, und stattdessen festzustellen, dass die Beweislage mehr als eindeutig ist und der Treibhauseffekt bereits da ist."[19] Die Anhörung fand während einer Hitzewelle statt und wurde entsprechend inszeniert.[20]

Patrick Michaels, Professor für Ökologie an der University of Virginia und Fellow am Cato-Institut, stellte den Zusammenhang infrage und bezeichnete Hansen als einzigen Wissenschaftler, der eine Kausalität zwischen den gegenwärtigen Temperaturen und menschlich bedingten Veränderungen in der Atmosphäre postuliere.[21] Zehn Jahre später trafen die beiden in einer Debatte aufeinander. Hansen benutzte damals die Metapher der "gezinkten Würfel", um die Einordnung von Wetterereignissen in globale Trends zu beschreiben.[22] Diese wurde seither immer wieder als plastische Analogie gepriesen: "When people ask if global warming is responsible for the recent streak of heat waves, floods, wildfires, and intense hurricanes, you can say that by loading the atmosphere with excess greenhouse gases, we are loading the dice toward more of these extreme weather events."[23]

Klimawissenschaftler sind heute in den Medien allgemein sehr präsent, und auch in Deutschland sind ihre Äußerungen von einem gewissen Hang zur Dramatisierung geprägt. Am häufigsten werden in deutschen Medien der mittlerweile pensionierte Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, und der Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse am PIK, Stefan Rahmstorf, zitiert.[24] Beide gaben auch in der zweiten Jahreshälfte 2018 Interviews, als der besonders heiße Sommer wieder einmal die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Klima und Wetter aufwarf, die die Tendenz zur Übertreibung illustrieren.

Schellnhuber sagte über den Hitzesommer 2018: "Unsere Forschungen haben gezeigt, dass ein solches Ereignis durch den Klimawandel um einiges wahrscheinlicher geworden ist. Dieses Beispiel zeigt: Die Art, wie der Klimawandel sich vollzieht, ist für jede Menge Überraschungen gut. Ich bin selbst bestürzt, dass sich mit dem einen Grad Erwärmung bereits so durchgreifende Veränderungen manifestieren." Auf den Hinweis, dass man ihm Alarmismus vorwerfe, und die Nachfrage, ob er besonders dick auftrage, antwortete er: "Ich bin Physiker und achte professionell auf präzisen Umgang mit den Fakten. In der öffentlichen Kommunikation verwende ich natürlich auch Symbole und Metaphern, um mich den Menschen verständlich zu machen – aber ich wähle diese Hilfsmittel sorgfältig. Überhaupt: Was ist ein Alarmist? Jemand, der aus einem brennenden Haus auf die Straße läuft und ‚Feuer‘ schreit?"[25]

Wissenschaftlich gesehen sind Kausalnachweise einzelner Wetterphänomene als Resultat des anthropogenen Klimawandels schwierig – deshalb die Formulierung, dass der Klimawandel solche Ereignisse wahrscheinlicher macht. Dennoch wird behauptet, dass der heiße Sommer überraschend war und zu Bestürzung geführt hat, ja dass das Haus schon brennt. Der Zusammenhang zwischen Hitzesommer und Klimawandel, oder präziser, dass der Hitzesommer ein Beleg für den Klimawandel sei, ist ein Stück öffentlicher Rhetorik, die nicht von wissenschaftlichen Studien gedeckt ist. Die Zuversicht, mit der beides verknüpft wird, kann die Argumentation aber auch schwächen. Ein besonders kalter Winter wird – meist auf der anderen Seite des Atlantiks – gern von klimaskeptischen Akteuren als Argument gegen die Erderwärmung vorgebracht, worauf sich viele Wissenschaftler mit dem Satz melden, Wetter sei mit Klima nicht gleichzusetzen. Es stellt sich die Frage, welche Funktion die rhetorische Übertreibung im deutschen Kontext haben soll.

Stefan Rahmstorf erinnerte seinerseits daran, dass bei der Hitzewelle 2003 allein in Europa über 70.000 Menschen gestorben seien. "Stellen Sie sich mal vor, Terroristen würden in Europa 70.000 Menschen umbringen – wir wären bereit, den Rechtsstaat aufzugeben, nur um dagegen anzukämpfen! Bei einer extremen Hitzewelle aber zucken die Leute mit den Schultern."[26] Hier ist eine Andeutung der Grenzen der Demokratie zu erkennen, die das Problem des Klimawandels nicht in den Griff bekommt. Ohne nahelegen zu wollen, Rahmstorf wolle den Rechtsstaat abschaffen, so ist doch seine Hintergrundannahme, dass nicht genug Aufregung herrscht und zu wenig Bereitschaft zum "Kampf" besteht.

Sozialwissenschaftler erklären das Phänomen des Übertreibens in der Klimadebatte mit der Prädisposition der Wissenschaftler, gegenüber Massenmedien "korrigierend einzugreifen".[27] In einer Studie zu deutschen Klimawissenschaftlern wurde festgestellt, dass diese bestimmten Annahmen über den Effekt folgen, den Medienberichte auf Politiker haben.[28] Je stärker sie der Ansicht sind, die Medien würden den Klimawandel herunterspielen, desto mehr glauben sie, dass die Medien Zweifel bei Politikern verstärken, was wiederum ihre Bereitschaft rechtfertigt, wissenschaftliche Ergebnisse in der Öffentlichkeit zu übertreiben. Ein Teil des Problems besteht darin, dass Journalisten Naturwissenschaftler gern zu ihrer Meinung zu klimapolitischen Zielen und Instrumenten befragen. Die Wissenschaftler machen ihrerseits bei der Formulierung ihrer Antwort stillschweigende Annahmen über den Zusammenhang von Medienberichterstattung, öffentlicher Meinung und politischer Effektivität, die nicht im Vordergrund stehen.

In der Vorstellung, dass die Öffentlichkeit überzeugt werden muss, damit die Politik auf die richtige Linie einschwenkt,[29] ist politischer Fortschritt von besserer Wissenschaftskommunikation abhängig. Daraus entsteht eine Dynamik, in der Klimawissenschaftler ständig vor wachsenden Gefahren warnen, um den Druck auf die Politik aufrechtzuerhalten oder zu verstärken. Es ist immer "fünf vor zwölf".[30] In diese Dynamik passt die Polemik gegenüber Kritikern, die diese Rhetorik als alarmistisch brandmarken. Dadurch wird eine wissenschaftliche Ersatzdebatte befeuert, die wenig am realen Klimaproblem ändert. Wie man auf Englisch so schön sagt, produziert diese Debatte "more heat than light".

Fußnoten

19.
Philip Shabecoff, Global Warming Has Begun, Expert Tells Senate, in: New York Times, 24.6.1988, S. A1.
20.
Vgl. Steinar Andresen/Shardul Agrawala, Leaders, Pushers and Laggards in the Making of the Climate Regime, in: Global Environmental Change 1/2002, S. 41–51.
21.
Patrick Michael, The Greenhouse Climate of Fear, in: Washington Post, 8.1.1989, S. C3.9.
22.
Vgl. Timothy O’Donnell, Of Loaded Dice and Heated Arguments: Putting the Hansen-Michaels Global Warming Debate in Context, in: Social Epistemology 3/2000, S. 109–127.
23.
Susan Joy Hassol, Improving How Scientists Communicate about Climate Change, in: Eos, Transactions American Geophysical Union 11/2008, S. 106f.
24.
Vgl. Reiner Grundmann/Mike Scott, Disputed Climate Science in the Media: Do Countries Matter?, in: Public Understanding of Science 2/2014, S. 220–235.
25.
Zit. nach Joachim Wille, Die Haut und die Freiheit retten, in: Frankfurter Rundschau, 1.9.2018, S. 18.
26.
Zit. nach Sabine Rennefanz, Wacht auf, Zombies!, in: Berliner Zeitung, 9.8.2018, S. 8.
27.
Hernando Rojas, "Corrective" Actions in the Public Sphere: How Perceptions of Media and Media Effects Shape Political Behaviors, in: International Journal of Public Opinion Research 3/2010, S. 343–363.
28.
Vgl. Post/Ramirez (Anm. 12).
29.
Vgl. Sunniva Eikeland Tøsse, Aiming for Social or Political Robustness? Media Strategies Among Climate Scientists, in: Science Communication 1/2013, S. 32–55.
30.
Vgl. Oliver Geden, Politically Informed Advice for Climate Action, in: Nature Geoscience 6/2018, S. 380–383.
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