Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Axel Bojanowski

Journalisten im Klimakrieg

Wer sich als Wissenschaftsjournalist länger mit dem Thema Klimawandel befasst, kommt um eine Erfahrung nicht herum: Neugieriges Nachfragen zum Thema gibt es selten, Aufregung hingegen im Übermaß – für die Ergebnisse der Klimaforschung interessiert sich kaum jemand, für deren Deutung fast jeder. Die Folge ist, dass weniger Fakten die Klimadebatte bestimmen als eher politische Gesinnung.

Sich im rechten Spektrum Verortende tendieren zur Beschwichtigung des Klimawandels. Sie mögen keinen Dirigismus, also schon gar keine staatlichen Eingriffe im Rahmen internationaler Bemühungen für Klimaschutz. Sich links Wähnende wollen einen Ausgleich zwischen Arm und Reich; sie tendieren zu einer Dramatisierung des Klimawandels, um ihrem politischen Credo Nachdruck zu verleihen. Forschungsergebnisse, die nicht ins Weltbild passen, werden von beiden Seiten gerne ignoriert und häufig bekämpft.

Auf dem Rücken der Wissenschaft wird ein regelrechter Kulturkampf ausgetragen, dem Fakten zum Opfer fallen. Je nach politischer Haltung werden entweder die erheblichen Unsicherheiten der Ergebnisse der Klimaforschung oder die großen Risiken des Klimawandels außer Acht gelassen. Beides geht fehl: Bei der Klimatologie handelt es sich um "postnormale Wissenschaft", hohe Risiken gehen unweigerlich einher mit großen Unsicherheiten.[1]

Umgekehrte Wahrheitsfindung

Klimaforscher haben eine überzeugende und beängstigende Diagnose präsentiert: Der Mensch erwärmt mit seinen Abgasen das Klima. Die Belege dafür sind vielfältig und gefährliche Folgen messbar: Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, Hitzewellen werden häufiger. Eine weitere globale Erwärmung von mehreren Grad birgt massive Risiken, das Thema findet sich zu Recht oben auf der Agenda der Vereinten Nationen. Das ist die eine Seite der Wahrheit.

Die andere: Es lässt sich in den meisten Fällen nicht bestimmen, wie wahrscheinlich die Risiken sind. Die Unsicherheiten durchziehen nahezu alle Ergebnisse der Klimaforschung. Robuste Klimaszenarien für einzelne Regionen etwa sind bislang nicht möglich, weshalb sich konkrete Folgen der Erwärmung nur ungenau bestimmen lassen. Dass Extremwetterphänomene vielfach noch keinen Trend zeigen, bleibt oft unerwähnt.

Der Klimawandel demonstriert, was geschieht, wenn hochkomplexe Wissenschaft mit ihren Tausenden multikausalen Wechselwirkungen, mit ihren Widersprüchen und Wissenslücken in die öffentliche Debatte gerät: Sie wird Opfer von politischem Dualismus. Es bilden sich Lager, denen jeder Debattenteilnehmer zugeordnet wird. Wer sich nicht selbst zuordnet, wird zugeordnet.

Die Wahrheitsfindung wird umgedreht: Nicht mehr Fakten bestimmen die Position, sondern die Position wird zum Faktum. Entweder man ist "Leugner", also Risiken-Verschweiger, oder "Alarmist", also Unsicherheiten-Verschweiger. Gefährlicher Meeresspiegelanstieg? – Wer das korrekt feststellt, muss Alarmist sein, also Unsicherheiten-Verschweiger. Weniger Waldbrände? – Wer das korrekt konstatiert, muss Klimaleugner sein, also Risiken-Verschweiger. Beide Seiten nähren sich gegenseitig. Sie entlarven jeweils die Tendenziösität der anderen, was ihnen Applaus ihrer Gruppe sichert und ihre Strahlkraft vergrößert. Es entwickelt sich ein emotionaler Kampf, bis kaum noch jemand es wagt, sich eigenständig zu äußern, aus Sorge, aus der Gruppe verbannt zu werden.

Fußnoten

1.
Silvio O. Funtowicz/Jerome R. Ravetz, A New Scientific Methodology for Global Environmental Issues, in: Robert Castanza (Hrsg.), Ecological Economics: The Science and Management of Sustainability, New York 1991, S. 137–152, hier S. 137.
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