Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Axel Bojanowski

Journalisten im Klimakrieg - Essay

Am Pranger

Journalisten geraten unter Druck – in Deutschland, der Schweiz und Österreich vor allem von einer Seite: Wer den Verdacht auslöst, Risiken des Klimawandels relativieren zu wollen, zieht Kritik auf sich; mancher findet sich gar als namentlich genannter Klimawandelskeptiker in einer Broschüre des Bundesumweltministeriums wieder.[2] Wer hingegen Unsicherheiten der Forschungsergebnisse ignoriert, hat nichts zu befürchten, Protestpost in dieser Hinsicht gilt in Redaktionen meist als reputationsfördernd. Kritische Journalisten hingegen müssen Internetpranger, Online-Petitionen für ihre Entlassung und Beschwerden bei Chefredaktionen über sich ergehen lassen. Einige haben sich deshalb vom Klimathema abgewandt, anderen wurde von Redaktionen das Vertrauen entzogen, sodass sich die Berichterstattung übers Klima zunehmend homogenisiert.

Als Rechtfertigungsmuster für die Anfeindungen dient ein "Gut gegen Böse"-Narrativ: Beide Seiten wähnen sich moralisch im Kampf gegen das Übel. Das schafft positive Gruppenerlebnisse und vertieft die Polarisierung. Die Verschweiger der Risiken des Klimawandels sehen sich als Kämpfer gegen eine korrumpierte Wissenschaft. Die Verschweiger der wissenschaftlichen Unsicherheiten sehen sich als Kämpfer für die überfällige Weltrettung. Selbst der langjährige britische Regierungsberater Nicholas Stern erklärte Gegner seiner ambitionierten Klimaagenda, die den Fokus der Öffentlichkeit von britischen Problemen im Irak-Krieg ablenkte, zu "Forces of Darkness".[3]

Die Polarisierung hat nicht nur Gesellschaft und Medien entzweit, sondern auch die Wissenschaft. Forscher, die früh eindringlich vor dem Klimawandel warnten, wurden von der "Klimaleugner"-Lobby, die in den 1990er Jahren von Energiefirmen gesponsert wurde, über Jahre als Lügner gebrandmarkt, gar als vermeintliche Kriminelle verfolgt. Seither beschwören die Angegriffenen zusammen mit verbündeten Kollegen einen "Klimakrieg", was ihren Status in der eigenen Referenzgruppe, zu der viele Journalisten gehören, deutlich aufgewertet, die Polarisierung der Debatte aber verschärft hat. Ihr Furor richtet sich längst auch gegen Klimaforscherkollegen, die plausible Kritik äußern. Manche von ihnen wurden dabei auf gründliche Weise diskreditiert, sie wechselten das Fach oder zogen sich zurück.

Wenige Quellen

Moralisierung wissenschaftlicher Konflikte bietet den Vorteil, dass sie die Auseinandersetzung erspart – mit dem Bösen redet man nicht, über das Gute lässt sich nicht verhandeln. Soziologen sprechen von der "Noble Cause Corruption", wenn für die Überzeugung von als wichtig empfundenen Zielen Dinge verschwiegen werden, die die eigene Argumentation schwächen könnten. Ob es um die Bewahrung des Vaterlandes in Kriegszeiten oder um den Schutz der Umwelt in Klimawandelzeiten geht – stets glaubt eine Mehrheit von Journalisten, aus noblem Grund die Berichterstattung korrumpieren zu müssen. Was die Berichte dann sicher nicht liefern, ist ein Abbild der Wirklichkeit.

Auch journalistische Berichte über den Klimawandel ergründen häufig nicht den komplexen Sachstand, sondern spiegeln die Lagerzugehörigkeit der Autoren wider. In Deutschland sehen sich die meisten Journalisten in der Pflicht, vor allem über die Risiken des Klimawandels zu berichten. In einer Befragung von 2014 gab die Mehrheit der Journalisten an, weniger über die Unsicherheiten der Forschungsergebnisse informieren zu wollen. Knapp zwei Drittel der Befragten wollten mit ihrer Berichterstattung die Notwendigkeit ökologischer Reformen in Politik und Wirtschaft hervorheben.[4]

Das sogenannte Indexing verstärkt diese Tendenz: Bei komplexen, verästelten Themen wie dem Klimawandel, die sich nicht in ein paar Tagen zu Genüge recherchieren lassen, erleichtert es die Arbeit, sich auf bewährte, "indizierte" Quellen verlassen zu können. Journalisten wissen bei erprobten Experten, was sie bekommen, die Berichte lassen sich anhand dieser Quellen risikolos planen. Der Nachteil: Viele Facetten bleiben außen vor, und das Thema wird mit der Zeit immer schmaler dargestellt.

Beim Klima fragen Journalisten häufig nur noch nach katastrophalen Folgen der Erwärmung, weil solche Berichte erfahrungsgemäß keinen Rechtfertigungsdruck generieren. Unsicherheiten und Grenzen des Wissens und der Weg zur Erkenntnis werden für die Berichterstattung meist nicht abgefragt, weil Geschichten fokussiert auf Klimarisiken angesichts der Dramatik des Themas plausibel genug erscheinen. Das Indexing hat auch die Anzahl der Klimaforscher, die öffentlich zu Wort kommen, erheblich eingeschränkt: Deutsche Medien fragen zumeist die immer gleichen vier Klimaforscher. Die meisten anderen bleiben der öffentlichen Debatte fern.

Fußnoten

2.
Vgl. Hendrik Zörner, Amt brandmarkt Kritiker, 27.5.2013, http://www.djv.de/startseite/profil/der-djv/pressebereich-download/pressemitteilungen/detail/article/amt-brandmarkt-kritiker.html«.
3.
Zit. nach Fiona Harvey, Prince Charles Attacks Global Warming Sceptics, 9.5.2013, http://www.theguardian.com/environment/2013/may/09/prince-charles-climate-change-sceptics«.
4.
Vgl. Michael Brüggemann/Sven Engesser, Between Consensus and Denial: Climate Journalists as Interpretive Community, in: Science Communication 4/2014, S. 399–427.
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