Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Axel Bojanowski

Journalisten im Klimakrieg - Essay

Gutes Umfeld für Lobbyisten

Der Publizistikforscher Mike Schäfer hat diesen Tatbestand empirisch für die Schweiz belegt:[5] Seinen Zählungen zufolge sind es immer dieselben wenigen Wissenschaftler, die in den Massenmedien vorkommen. Die überwältigende Mehrheit der Professoren, rund 96 Prozent, erhält so gut wie keine Medienaufmerksamkeit. Ihre Abwesenheit sorgt für Verzerrung, denn in die Öffentlichkeit drängen nicht unbedingt jene Gelehrten mit ausgleichendem Gemüt. Vielmehr sind es häufig Forscher mit Sendungsbewusstsein oder Karriereinstinkt, die mit starken Thesen den journalistischen Opportunismus füttern.

Diese "Media Scientists", man könnte sie auch "Spindoktoren" nennen, beherrschen die Klimadebatte. Ihr Status als Wissenschaftler sichert ihnen Glaubwürdigkeit. Auch Wissenschaftler sind aber weder interessenlos noch fehlerlos. Und so prägen Media Scientists nicht selten einen Spin, der den Stand der Wissenschaft verzerren kann, beispielsweise indem sie selektiv zitieren: Media Scientists sagen wenig Falsches, lassen jedoch gelegentlich Fakten außen vor, die ihre These nicht stützen. Wissenschaftler indes, die der Komplexität ihres Fachgebietes gerecht werden wollen, haben es schwer in der öffentlichen Debatte. Die omnipräsenten Spindoktoren mit ihren medienaffinen Stellungnahmen lassen Forscher mit differenzierten Aussagen aussehen wie Quertreiber. Unterschiedliche Thesen von Wissenschaftlern kritisch abzuwägen, wäre eigentlich die Aufgabe von Journalisten.

Diese wird allerdings erschwert durch ein hohes Aufkommen von Lobbyisten und Interessenverbänden beim Thema Klimawandel – das gut berechenbare Umfeld bietet der Einflussnahme gute Bedingungen. Bei kaum einem Thema ist es so leicht, mit PR in die Massenmedien zu kommen, wie beim Klima: Ob die "Greenpeace-Studie", oder die "Schlimmer-als-gedacht"-Pressemitteilung – der Opportunismus in den Redaktionen zeitigt oft genug dankbare Abnehmer. Pressestellen von Forschungsinstituten wissen die Lage auf unterschiedliche Weise zu nutzen. Manche verschicken Einladungen zu Pressekonferenzen gezielt nur an Journalisten, auf deren Kooperationsbereitschaft sie sich verlassen können – das Vorgehen bringt Vorteile für beide Seiten: Der Journalist genießt Vorzugsbehandlung, die Pressestelle muss keine Kritik fürchten. Manchmal erreicht nach der Veranstaltung die lobende E-Mail eines Klimaforschers die Journalisten: Der Artikel sei ja "ganz schön geworden, herzlichen Glückwunsch!". So geht der Gegenseitigkeitsverein gestärkt aus der Sache hervor, denn kritische Journalisten – eine Last für beide Seiten, für die anderen Journalisten und die Wissenschaftsinstitute – werden auf diese Weise ausgebootet.

Fußnoten

5.
Vgl. Stephan Russ-Mohl, Immer dieselben Wissenschaftler am Mikrofon, 27.10.2018, http://www.nzz.ch/-ld.1396266«.
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