Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Axel Bojanowski

Journalisten im Klimakrieg - Essay

Starke "Co-Orientierung"

Dass es in Deutschland kaum Konflikte zwischen Wissenschaftsjournalisten und Klimaforschern gibt, haben die Soziologen Hans Peter Peters und Harald Heinrichs bereits 2005 herausgefunden. Zwar beschwerten sich Wissenschaftler gelegentlich über die begrenzte Fachkompetenz der Journalisten. Aber diesen Makel glichen Wissenschaftsjournalisten aus durch eine starke "Co-Orientierung" und eine "geteilte Kultur" mit den Klimaforschern. Die Interessen von Klimaexperten und Journalisten stimmen offenkundig überein, lautete das Resümee.[6] Aufgrund der Polarisierung des Klimathemas hat sich die Allianz in den vergangenen Jahren weiter gefestigt.

Eine Art Nichtangriffspakt zwischen Klimaforschern und Journalisten hat sich etabliert. Der offenbart sich vor allem, wenn doch mal jemand ausschert – wie am 27. September 2013 um kurz nach 10 Uhr: Klimaforscher des UN-Klimarates IPCC stellten auf einer Pressekonferenz in Stockholm gerade den neuen UN-Klimabericht vor, da meldete sich überraschend ein Journalist mit einer kritischen Frage – die Situation kennen Klimaforscher auf Pressekonferenzen kaum. Der Reporter einer britischen Zeitung wollte wissen, warum nahezu sämtliche Computersimulationen das Stocken des globalen Temperaturanstiegs in den vorherigen 15 Jahren nicht abgebildet hätten. Die Antwort des Chefs der Weltorganisation für Meteorologie fiel ungeübt aus: "Ihre Frage ist falsch gestellt", rüffelte er missmutig den Reporter, ohne dessen Frage zu beantworten.

Medienforscher nahmen sich dem seltenen Ereignis an und resümierten im Fachblatt "Nature Climate Change", die Frage sei zu Unrecht abgewiesen worden.[7] Klimaforscher sollten ihre Unsicherheiten deutlicher hervorheben, rügten sie zudem und warnten: Die Ratgebersprache der Wissenschaftler gegenüber der Öffentlichkeit verführe zu Übertreibungen. Die Mahnung verpuffte allerdings, so wie bedauerlicherweise die meisten Studien von Sozialforschern über die Klimadebatte. Auf Pressekonferenzen von Klimatagungen zeigen die Veranstalter den Journalisten zur Einstimmung weiterhin gerne Filme von Wetterkatastrophen. Journalisten würden von Klimaforschern als "willfährige Sekretäre betrachtet, die aufschreiben und massentauglich zu drucken haben", hat der Ethnologe Werner Krauß beobachtet, der die Klimadebatte seit Langem analysiert.[8]

Fußnoten

6.
Hans Peter Peters/Harald Heinrichs, Öffentliche Kommunikation über Klimawandel und Sturmflutrisiken. Bedeutungskonstruktion durch Experten, Journalisten und Bürger, in: Schriften des Forschungszentrums Jülich, Jülich 2005, S. 150.
7.
Vgl. Gregory J.S. Hollin/Warren Pearce, Tension between Scientific Certainty and Meaning Complicates Communication of IPCC Reports, in: Nature Climate Change 5/2015, S. 753–756.
8.
Hans von Storch/Werner Krauß, Die Klimafalle: Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung, München 2013, S. 40.
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