Greta Thunberg wird während eines Interviews gefilmt.

15.11.2019 | Von:
Axel Bojanowski

Journalisten im Klimakrieg - Essay

Verödete Debatte

Dass die unkritischen Berichte nicht herausgefordert werden, liegt auch am "Insider-Syndrom": Medien orientieren sich vor allem an anderen Medien. Omnipräsente Fehler werden kaum je problematisiert, weil sie die Redaktionen unter Rechtfertigungsdruck setzen. Selbst grobe Fehler zum Klimawandel werden selten angesprochen, denn solange andere Medien das Gleiche berichten, entsteht kein Handlungsdruck. Korrekturwünsche aus der Wissenschaft erreichen die Redaktionen selten wegen sachlicher Fehler, sondern eigentlich nur, wenn Wissenschaftler sich aufgrund eines Berichts in unpassendes Licht gerückt wähnen oder ihnen die Tendenz eines Artikels nicht passt. Hingegen können gerade korrekte Berichte am Pranger landen. Wenn etwa zahlreiche Medien gleichzeitig Falsches berichten, wie etwa im Sommer 2018, als viele einen Zusammenhang zwischen aktuellen Waldbränden und dem Klimawandel herstellten, geraten ausgerechnet Berichte unter Druck, die sauber den kontraintuitiven Stand der Forschung zitieren, der dokumentiert, dass Waldbrände in den vergangenen Jahrzehnten weniger geworden sind.[9]

Folge ist eine Homogenisierung der Klimaberichterstattung, der es an kritischen Fragen hinsichtlich der Klimaszenarien und auch an Selbstkritik mangelt. Fast jedes noch so abseitige Katastrophenszenario findet den Weg in die Massenmedien, auch zahlreiche falsche Behauptungen. So bleibt die Sorge vor dem Klimawandel in der Bevölkerung zwar präsent, Bedeutung und Konsequenzen jedoch nebulös. Dabei würde es nur eine genaue Kenntnis der Fakten der Bevölkerung ermöglichen, sich vernünftig auf den Klimawandel vorzubereiten.

Erkenntnisse aus der Medienforschung legen nahe, dass die Sorge ums Klima abermals abflauen dürfte, ähnlich wie nach den anderen Phasen großer Aufmerksamkeit 2007, 2009 und 2015: Dramatisierung rüttelt Menschen auf Dauer nicht auf, haben Soziologen herausgefunden.[10] Je auswegloser der Klimawandel dargestellt werde, desto eher wenden sich Leute von dem Thema ab.[11] Immer neue Horrorszenarien schaden demnach dem Klimaschutz.

Die Polarisierung des Themas hat die Klimadebatte auf riskante Weise verödet: Dilemmatisches, das mit der Klimafrage einhergeht, wird erstickt, ein offener Diskurs zum Thema erschwert. Das Klimathema aber erfordert eine Debatte über grundlegende Eingriffe in die Gesellschaft. Gelingt es nicht, zwischen den "Kulturkämpfern" journalistisch zu vermitteln, dürfte sich der Klimakrieg ausweiten und auf weitere gesellschaftliche Milieus übergreifen.

Fußnoten

9.
Vgl. Stefan Doerr/Cristina Santín, Global Trends in Wildfire and Its Impacts: Perceptions versus Realities in a Changing World, in: Philosophical Transactions of the Royal Society B, 1696/2016.
10.
Vgl. Toby Bolsen/Risa Palm/Justin T. Kingsland, The Impact of Message Source on the Effectiveness of Communications about Climate Change, in: Science Communication 4/2019, S. 464–487.
11.
Vgl. Elizabeth Arnold, Doom and Gloom: The Role of the Media in Public Disengagement on Climate Change, 29.5.2018, https://shorensteincenter.org/media-disengagement-climate-change«.
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