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26.11.2007 | Von:
Aleida Assmann

Konstruktion von Geschichte in Museen

Historische Ausstellungen sind nicht nur ein Spiegel wachsenden gesellschaftlichen Geschichtsinteresses, sondern auch ein wirksames Mittel der Modellierung dieses Interesses in einem sich ändernden geschichtspolitischen Rahmen.

Einleitung

Das Jahr 1977 ist, was uns nach dreißig Jahren soeben wieder durch die Medien ins Bewusstsein (zurück)gebracht wird, als das Jahr der RAF in die Geschichte eingegangen. Der Terrorismus erlebte seinen Höhepunkt mit den Ermordungen von Siegfried Buback (April '77) sowie Jürgen Ponto und Hanns-Martin Schleyer (Oktober '77). Nicht im Herbst sondern im Frühjahr jenen Jahres wurde nur ein paar Kilometer von Stammheim entfernt im Alten Schloss in Stuttgart die Ausstellung über die Staufer eröffnet, in deren Kuratorium als hochrangiger Vertreter der Wirtschaft auch der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer gesessen hatte. Diese Ausstellung hatte einen so durchschlagenden Erfolg, dass 1977 auch als "Stauferjahr" in die Geschichte eingegangen ist. Diese Ausstellung wird heute gemeinhin als ein Durchbruch in der Geschichte des deutschen Geschichtsinteresses gewertet.[1]




Es war aber nicht nur die nie wieder erreichte Zahl von über 671 000 Besuchern, die die Bedeutung dieser Ausstellung ausmachte, sondern der nachhaltige Impuls, der von ihr ausging und die deutsche Museumslandschaft langfristig veränderte. Der große Erfolg der Stuttgarter Staufer-Ausstellung stieß Nachahmungen an; andere Landeshauptstädte kopierten das attraktive Modell und stockten dafür ihren Kulturetat auf: in München waren 1980 die Wittelsbacher zu sehen, 1981 folgte in Berlin eine große Preußen-Ausstellung. Doch das war erst der Anfang der Langzeitfolgen. Vom Erfolg der Preußen-Ausstellung inspiriert, regte Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung 1982 in Bonn den Bau eines Museums zur Geschichte der Bundesrepublik und der geteilten Nation an; fünf Jahre später schenkte die Bundesregierung der Stadt Berlin zum 750. Geburtstag ein Historisches Museum, das die Geschichte der Deutschen in Europa dokumentieren sollte. Mit diesen beiden historischen Museen, dem Haus der Geschichte (HdG) in Bonn und dem Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin, stellte der studierte Historiker Kohl noch vor der Wiedervereinigung langfristige geschichtspolitische Weichen, indem er das Thema Geschichte von der Kulturpolitik der Länderebene auf die Bundesebene hob.

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag beruht auf: Aleida Assmann, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007.