APUZ Dossier Bild

26.11.2007 | Von:
Aleida Assmann

Konstruktion von Geschichte in Museen

Die Wiederkehr der Geschichte im Museum

Die Staufer-Ausstellung markiert eine Wende des deutschen Geschichtsinteresses, die weit über sie hinausging. Diese Wende lässt sich besonders eindrücklich an der Eröffnung neuer Museen ablesen. In Baden-Württemberg, dem Bundesland mit der stärksten Museumsdichte (920) verdoppelte sich die Zahl der Museen seit 1975.[2] Die Ausstellung war konzipiert von der Landesregierung in Stuttgart, um das 25-jährige Bestehen der Vereinigung von Baden und Württemberg zu feiern. Federführend war dabei Ministerpräsident Hans Filbinger, dessen eigenes historisches "coming out" als Marinerichter in der NS-Zeit sich ein Jahr später ereignete. Ein kurzes Kapitel der Landesgeschichte wurde dabei verknüpft mit einer sehr langen Geschichte, die 800 Jahre zurücklag. Der Rückgriff auf das Mittelalter eignete sich ausgezeichnet, um im Sinne Nietzsches monumentalische Geschichtsaneignung zu betreiben: die Staufer wurden als Ahnengalerie aufgebaut, die Strahlkraft des herrschaftlich dynastischen Themas eignete sich für eine repräsentative politische Selbstinszenierung. Es war ein erklärtes Ziel der Ausstellung, "geschichtliches Bewusstsein zu schärfen, das uns hilft, unsere historische Identität wieder zu gewinnen und zu vertiefen".[3] Hans Filbinger, so stellte Günther Oettinger genau dreißig Jahre später in seiner Trauerrede für den verstorbenen Landesvater fest: "wollte ein fortschrittliches, ein modernes und ein bewahrendes Baden-Württemberg. Und er wünschte sich, dass sein Land tief in der Geschichte verwurzelt bleibt: Ein Baden-Württemberg, das sich - ich erinnere an die große Staufer-Ausstellung 1977 - um eine eigene Identität erfolgreich bemüht."[4]

Mit dem Hinweis auf die politische Nutzung des historischen Themas ist aber die Breitenwirkung der Ausstellung noch keineswegs erklärt. Die überwältigend positive öffentliche Resonanz hatte etwas mit einem Nachholbedarf zu tun. Imperiale Themen und markante Herrscherpersönlichkeiten standen in den 1970er Jahren nicht gerade auf der öffentlichen Agenda. An den Universitäten herrschte die unanschauliche Sozial- und Strukturgeschichte zusammen mit unterschiedlichen Varianten der Mikrogeschichte: neben der Frauengeschichte standen die "oral history" und die Alltagsgeschichte hoch im Kurs. Außerdem herrschten Foucault und das marxistische Paradigma. Nichts davon ließ sich in einer glanzvollen Erzählung darstellen oder bot der kollektiven Imagination Stoff für die Produktion innerer und äußerer Bilder. In Frontstellung zum universitären Paradigma präsentierte diese Ausstellung Geschichte so, wie die Masse der Besucher sie sich wünschte: monumental, imperial, glanzvoll, plakativ und vor allem: möglichst weit entfernt von ihrer Gegenwart. Die Befriedigung dieses Geschichtsbedürfnisses der Besucher wurde mit geradezu physischer Genugtuung erlebt. Jemand schrieb ins Besucherbuch: "es war, wie wenn man nach langem Hunger endlich satt wird."[5]

Wir können den Erfolg der Staufer-Ausstellung und der nachfolgenden großen historischen Ausstellungen folglich nicht verstehen, ohne auf eine bestimmte Form von Geschichtsapathie einzugehen, die in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt erreichte. "Wir sind in Gefahr, ein geschichtsloses Land zu werden", hatte Bundespräsident Walter Scheel anlässlich der Eröffnung des Historikertags im Jahre 1976 gewarnt.[6] Die wissenschaftlichen Paradigmen von Sozial- und Strukturgeschichte waren nicht zuletzt eine Verweigerung von Nationalgeschichte. Im Gegensatz zur DDR, die Tausende von Historiken beschäftigte und in Ost-Berlin über ein nationales Geschichtsmuseum im Zeughaus unter den Linden verfügte, hatte die föderale Bundesrepublik auf diesem Gebiet wenig zu bieten.

Es ist signifikant, dass in Westdeutschland die erfolgreichsten historischen Ausstellungen mittelalterlichen Themen gewidmet waren. Während das Zweite und das Dritte Reich in der musealen Thematisierung ausgespart blieben, erfreute sich das erste Reich umso größerer Beliebtheit. In den Festreden zur Einleitung der Ausstellung wurden wiederholt der Mensch als geschichtliches Wesen und die dringende Notwendigkeit von Geschichtsbewusstsein beschworen. Dieses konzentrierte sich jedoch auf Nietzsches Variante des monumentalischen Gebrauchs von Geschichte. Die Aneignung von destruktiven und negativen Aspekten der Nationalgeschichte stand nicht zur Debatte. In einem Buch über große historische Ausstellungen in der Bundesrepublik Deutschland von 1960 bis 2000 zog Martin Große Burlage die Bilanz, dass dem Mittelalter vor anderen Epochen und dynastisch herrschaftlichen vor sozialgeschichtlichen Themen der Vorzug gegeben wurde. Er schrieb: "Die Berücksichtigung problemorientierter und zeitgeschichtlich aufarbeitender Themen jedenfalls blieb im Zeitraum von 1960 - 2000 die Ausnahme"; und er fügte hinzu, dass "die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte vorwiegend regionalen Archivausstellungen und Wanderausstellungen sowie Dauerausstellungen in speziellen Gedenkstätten und Dokumentationszentren vorbehalten" blieb.[7]

Die große historische Wanderausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht", die nach einer ersten Runde aufgrund einiger falscher Bildunterschriften zurückgezogen wurde und in neuer Konzeption wieder auf Tour ging, ist aufgrund ihrer Thematisierung eines Tabuthemas sicherlich die nicht nur von ihren Besucherzahlen, sondern auch von ihrer Wirkung her sichtbarste und einschneidendste historische Ausstellung der 1990er Jahre gewesen, die in direkter Weise sowohl die individuelle wie die nationale Ebene der Erinnerung ansprach.[8]

Fußnoten

2.
Vgl. Gottfried Korff/Martin Roth (Hrsg.), Das historische Museum. Labor, Schaubühne, Identitätsfabrik, Frankfurt/M. 1990, S. 11f.
3.
Zitiert nach Arno Borst, Barbarossas Erwachen. Zur Geschichte der deutschen Identität, in: Odo Marquard/Karlheinz Stierle (Hrsg.), Identität, München 1979, S. 17 - 60, hier: S.19.
4.
Günther Oettinger, Trauerrede am April 2007 in Freiburg, in: www.spiegel.de (12. 4. 2007).
5.
Martin Große Burlage, Große historische Ausstellungen in der Bundesrepublik Deutschland 1960 - 2000, Münster 2005, S. 76.
6.
Zitiert nach ebd., S. 35.
7.
Ebd., S. 303.
8.
Vgl. Hannes Heer, Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei, Berlin 2004; Rosemarie Beier-de Haan, Erinnerte Geschichte - Inszenierte Geschichte, Frankfurt/M. 2005, S. 151ff.