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26.11.2007 | Von:
Aleida Assmann

Konstruktion von Geschichte in Museen

Von der regionalen zur europäischen Geschichte

Machen wir von den 1970er Jahren einen Sprung in die Gegenwart. Im Jahre 2006 wurde - 200 Jahre nach dem Ende des ersten Reiches - dessen über achthundertjährige Geschichte in zwei großen historischen Ausstellungen kommemoriert. Die Ausstellung "Heiliges Römisches Reich deutscher Nation 962 - 1806" wurde in Magdeburg und Berlin gezeigt.[9] In Magdeburg, wo der mittelalterliche Abschnitt der dreiteiligen Ausstellung zu sehen war - das Maskottchen der Ausstellung, den Magdeburger Reiter, konnte man in einer Playmobil-Version erwerben -, wurden zum Teil dieselben Exponate gezeigt wie zuvor in der Staufer-Ausstellung, nun allerdings nicht mehr im Rahmen eines schwäbischen, sondern eines europäischen Geschichtsnarrativs. Die Ausstellung wurde im Auftrag des Europarats ausgerichtet und sie bezog sich nunmehr auf die transnationale Ebene, und das mit gutem Recht, denn der Ursprung der deutschen Nationalgeschichte beginnt ja erst mit der Auflösung des ersten Reiches. Die deutsche Nation begann sich in dem Moment geistig zu formieren, da der immer abstraktere Dachverband des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation" zerfiel und der Außendruck in Gestalt der napoleonischen Eroberungen zunahm. Dieses Ende des Reiches war besiegelt, als der habsburgische Kaiser Franz II. am 6. August 1806 abdankte und die Reichskrone niederlegte. Während das Reich selbst innerlich erodierte und schließlich an den auseinanderstrebenden Mächten Österreich und Preußen zerbrach, überlebte es als nationaler Herrschaftsmythos.[10] Diesem Mythos zufolge hat Deutschland im Jahr 800 mit der Kaiserkrönung das Erbe des alten Römischen Reiches angetreten. Hitler, der im Banne dieser geschichtsphilosophischen Symbolik stand, beschwor die Wiederauferstehung eines großdeutschen Reiches und leitete daraus den hegemonialen Sendungsauftrag der Deutschen als europäische Ordnungsmacht ab. Seine expansiven Bestrebungen verankerte er in dieser Reichsidee, mit der er den Nationalstaat mythisch überhöhte. Mit dieser Sendungsideologie sollte nach dem Ersten Weltkrieg das zerstörte Selbstbild der Nation wie ein Phoenix aus der Asche von Versailles aufsteigen. In einem symbolpolitisch wirkmächtigen Akt hat Hitler nach dem "Anschluss" Österreichs die Reichsinsignien Krone, Schwert und Szepter aus der Wiener Hofburg nach Nürnberg bringen lassen, um sein neues Großdeutschland zu legitimieren. Während das Reich 1806 unterging, ist (worauf die Ausstellung nur ganz am Rande hinwies) der Reichsmythos erst 1945 untergegangen. Im Nachkriegsdeutschland war dieser Begriff tabu. Die Ausstellung von 2006 verschrieb sich einer neuen Historisierung des Themas durch Übernahme einer konsequent europäischen Perspektive.

Dass der alte Reichsmythos aber unterschwellig noch rumort, bezeugt ein Leserbrief, der in der FAZ vom 18. September 2006 abgedruckt wurde. Der Schreiber wollte wissen, warum "in den umfangreichen Ausstellungen in Magdeburg und Berlin die wichtigsten Stücke der deutschen Reichsgeschichte, nämlich die eigentlichen deutschen Reichskleinodien: die Kaiserkrone Konrads II., das Zepter, der Reichsapfel, das Mauritiusschwert" fehlen? Er rekonstruiert die "translatio" der Insignien - 1796 von Nürnberg nach Wien, wo sie vor Napoleon geschützt werden sollten, sodann 1938 von Wien nach Nürnberg durch Hitler, und 1945 durch Verfügung von Dwight D. Eisenhower von Nürnberg zurück nach Wien - und fügt hinzu: "Meines Erachtens hat das Haus Habsburg auch geschichtlich-moralisch nicht verdient, die deutschen Reichskleinodien quasi als letzter Besitzer einer Wandertrophäe' zu behalten. Denn der Kronschatz eines Volkes mag vorübergehender Besitz' eines Herrscherhauses sein, er bleibt jedoch Eigentum' der Nation. Die Nation heißt aber, zumal heute, Deutschland, nicht Österreich. (...) Das Reich Karls V., in dem die Sonne nicht unterging', ist zusammengeschrumpft zu einer Alpenrepublik. (...) Es wäre wichtig für Deutschland, dass es gerade die Reichskleinodien, Symbole einer uralten, traditionsreichen und ehrenvollen Vergangenheit, im eigenen Lande aufbewahren dürfte."[11]

Für diesen Besucher der Ausstellung sind die Objekte, die nicht gezeigt wurden, die wichtigsten. Man kann dem Briefschreiber in seinem Wunsch, die Reichskleinodien auf der historischen Ausstellung zu sehen, nur zustimmen. Diese Leerstelle hätte zumindest einer Erklärung bedurft. Sein Wunsch geht aber weit darüber hinaus: er fordert auch deren Rückgabe von Österreich nach Deutschland im Rahmen eines symbolpolitischen Transfers. Dass die Objekte für die Ausstellung nicht verfügbar waren, zeigt, dass wir es hier offensichtlich mit Reliquien von transhistorischem Wert zu tun haben. Mit dem Nichtausstellen der Reichskleinodien hat die neue Ausstellung eine Leerstelle geschaffen, in die der alte Reichsmythos noch einmal hineinprojiziert werden konnte: "Die Nation heißt aber, zumal heute, Deutschland, nicht Österreich." Der Leserbriefschreiber hat die Ausstellung ganz offensichtlich nicht in einem europäischen, sondern in einem nationalen Rahmen wahrgenommen; er hatte sich erhofft, dass sie das Band der Deutschen zu "ihrem Reich" wieder anknüpfen würde.

Fußnoten

9.
In Magdeburg war der Mittelalterteil von Otto dem Großen bis zu Maximilian I., von 962 bis ca. 1500 zu sehen; in Berlin wurde der neuzeitliche Teil der Reichsgeschichte von 1495 bis 1806 gezeigt (18. Mai bis 27. August 2006).
10.
Vgl. Interview mit Heinrich August Winkler, Erste Macht Europas, in: Der Spiegel, Nr. 32 vom 7. 8. 2006, S. 56f.
11.
Leserbrief von Wolfgang Claus, Kelkheim, "Wo bleibt die deutsche Kaiserkrone?", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 18. 9. 2006.