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26.11.2007 | Von:
Aleida Assmann

Konstruktion von Geschichte in Museen

Nationale Geschichte im europäischen Rahmen

Das Thema der Nation stand gleichzeitig auf der Agenda einer anderen Ausstellung, die in unmittelbarer räumlicher Nähe zur Reichs-Ausstellung gezeigt wurde. Wer im September 2006 aus der Berliner Reichs-Ausstellung im Zeughaus unter den Linden heraustrat, brauchte nur die Straße zu überqueren, um sich gegenüber die Ausstellung "Erzwungene Wege" im Kronprinzenpalais anzusehen, die von der Stiftung für ein "Zentrum gegen Vertreibung" organisiert worden war. Auf beiden Straßenseiten standen sich in Berlin zwei historische Ausstellungen gegenüber, die gegensätzlicher nicht hätten sein könnten. In der einen verdichtete sich zeitlich ferne Geschichte in einer Ansammlung von Herrscher-Porträts und deren höfischer Prachtentfaltung, in der anderen war der Fokus auf anonyme Bevölkerungsmassen gerichtet, deren gegenwartsnahe Lebensgeschichten die traumatischen Folgen der totalitären und gewaltsamen Politik des 20. Jahrhunderts dokumentierten.[12] Auf der einen Straßenseite ging es um Herrscher, die Geschichte gemacht hatten, die wiederum lange Zeit Teil historischen Bildungswissens gewesen waren, auf der anderen ging es um die Opfer von Geschichte und ihre durchaus noch fühlbaren, in erster und zweiter Generation verkörperten Leiden.

Die Ausstellung "Erzwungene Wege" war nicht die erste Ausstellung über Vertreibung in Berlin. Vor der Reichs-Ausstellung hatten die Räume des Deutschen Historischen Museums bereits eine andere Ausstellung mit dem Titel "Flucht, Vertreibung, Integration" aus dem Haus der Geschichte in Bonn beherbergt, die anschließend in Leipzig gezeigt wurde. Die Bonner Ausstellung gehörte sowohl laut Pressespiegel wie nach Statistik der Besucherzahlen zu den erfolgreichsten Projekten des Hauses der Geschichte.[13] Dafür waren nicht zuletzt der noch fühlbare Leidensdruck der Thematik und die damit verbundene geschichtspolitische Aktualität verantwortlich. Worum ging es in dieser Ausstellung? Sie knüpfte an die Darstellung von Geschichte aus der Opfer-Perspektive an, unterschied sich jedoch von vorangegangenen Ausstellungen darin, dass hier die Deutschen im Mittelpunkt standen. Während sich in den beiden Ausstellungen über "Verbrechen der Wehrmacht" Opfer und Täter in trennscharfer und ausschließlicher Eindeutigkeit gegenüberstanden, haben sich in der Vertreibungsausstellung die Täter und Opfergruppen vervielfältigt. Gezeigt wurden hier historische Ereignisse, die vor, neben und nach dem Holocaust stattgefunden und sich zum Teil auch mit ihm überschnitten hatten. Anhand der Stichworte Flucht, Vertreibung und Umsiedlung tut sich eine polymorphe europäische Gewaltgeschichte auf, in deren Verlauf 60 bis 80 Millionen Menschen ihre Heimat und ihre Habe sowie zum Teil ihre Familienangehörigen und ihr Leben verloren. Vertreibungen, die bereits nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall von Vielvölkerstaaten ein politisches Instrument zur Schaffung neuer (ethnisch homogener) Nationalstaaten waren, sind inzwischen zur Signatur des 20. Jahrhunderts erklärt worden.

Anders als beim Holocaust, wo die Rollen von Tätern und Opfern grundsätzlich festgelegt sind, finden sich die Deutschen beim Thema Vertreibung sowohl auf der Seite der Täter wie der Opfer wieder. Die Ausstellung ist Symptom einer Verlagerung der Perspektive und Erweiterung der Geschichtsdeutung, indem sie Ereignisse und Erfahrungen thematisiert, die während der letzten beiden Jahrzehnte vom offiziellen Geschichtsdiskurs bzw. öffentlichen Geschichtsdebatten nicht berücksichtigt oder marginalisiert wurden. Diese Wende der Perspektive war seit Ende der 1990er Jahre schrittweise vorbereitet worden; mit der Bonner Ausstellung über "Flucht, Vertreibung, Integration" erhielt sie nur ihren bislang wichtigsten Akzent.

Gehen wir nun noch einmal über die Straße vom Zeughaus zum Kronprinzenpalais und werfen einen Blick auf die zweite Vertreibungsausstellung "Erzwungene Wege" (10. August bis 29. Oktober 2006). Die Ausstellung wurde ausgerichtet vom "Zentrum gegen Vertreibung", einer Initiative des Bundes der Vertriebenen, dem Erika Steinbach (MdB, CDU) vorsteht. Ziel dieses Zentrums ist es, "Ort der Mahnung zu sein, Vertreibung weltweit zu ächten". "Es trifft sich gut", sagte Joachim Gauck bei der Eröffnung der Ausstellung, "dass das interessierte Publikum hier in der Mitte Berlins zwei Ausstellungen zum Thema Vertreibung sehen kann."[14] Tatsächlich überschnitt sich sogar die Bonner Ausstellung mit der des Zentrums, so dass im August 2006 unter den Linden vis à vis 17 Tage lang zwei Ausstellungen zum Thema Flucht und Vertreibung zu sehen waren. Wie kam es zu dieser merkwürdigen Doppelung vor Ort? Worin bestehen die Ähnlichkeiten und Unterschiede der beiden Ausstellungen?

Beide Projekte hatten mehr im Sinn als nur eine Ausstellung unter anderen zu sein. Beide zielten auf eine Dauerpräsentation des Themas in Berlin ab. Das machte auch der Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) bei der Eröffnung der Bonner Ausstellung in Berlin deutlich, als er in Aussicht stellte, diese zum "Herzstück einer künftigen Dauerausstellung" in der Hauptstadt und damit zu dem geschichtspolitisch "sichtbaren Zeichen" zu machen, von dem seit Monaten unter Politikern und in Mediendebatten die Rede war.[15] Es wird angestrebt, der Berliner Gedenkstättenlandschaft neben der "Topographie des Terrors", dem Holocaust-Mahnmal, der Wannseevilla, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Neuen Wache einen weiteren Ort hinzuzufügen, an dem signalisiert wird, dass ein Teil des beispiellosen Leids, das die Verbrechen der Deutschen über Europa gebracht haben, die Deutschen selbst getroffen hat. Dieses sichtbare Zeichen, so Neumann weiter, könne Deutschland freilich nicht allein setzen, sondern nur im Verbund mit dem "Europäischen Netzwerk Erinnerung und Solidarität", das mit Vertretern aus Polen, Ungarn und der Slowakei vereinbart worden ist. Ein "sichtbares Zeichen" möchte auch Erika Steinbach in Gestalt ihres "Zentrums gegen Vertreibung" in Berlin setzen. Der Träger dieser Initiative ist aus den Vertriebenenverbänden hervorgegangen, die in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte eine rechtslastige geschichtspolitische Lobby bildeten und von denen befürchtet wird, dass ihre separatistischen Aktivitäten einen mit dem neuen Europa unvereinbaren Hort für anhaltende nationale Ressentiments und revisionistische Forderungen darstellen. Einen deutlichen Niederschlag fanden diese Ressentiments im Besucherbuch der Ausstellung "Erzwungene Wege". Hier machte eine große Zahl von Besuchern ihrem Groll darüber Luft, dass sie ihr Ostpreußen, Schlesien usw. nie zurückbekommen hätten und die Einbehaltung von Land und Besitz ein schreiendes Unrecht darstelle.

Obwohl beide Ausstellungen den Anteil deutscher Schuld am Vertreibungsgeschehen klar dokumentieren, waren sie in ihrem Arrangement doch sehr unterschiedlich. Die Bonner Ausstellung ging von 60 bis 80 Millionen Vertriebenen aus und arbeitete den längeren historischen Zusammenhang von der Vorgeschichte bis zur West-Integration der Flüchtlinge heraus; die Ausstellung des Zentrums geht von 80 bis 100 Millionen Vertriebenen aus. Sie wählte ebenfalls eine europäische Perspektive, präsentierte allerdings unkommentiert und auf rein parataktische Weise sehr unterschiedliche Ereignisse deutscher Geschichte wie brutale Formen von "Kolonisierung" in Polen, die Vernichtung ethnischer Gruppen und der Juden, die Umsiedlung von Volksdeutschen und "wilde Vertreibungen" nach 1945. Die Irritation an der Sonderinitiative von Frau Steinbach konzentriert sich auf die Sorge, dass es ihr unterhalb der vergleichenden europäischen Sicht um eine nationale Perspektive geht, welche die Koordinaten der deutschen Geschichtspolitik verschiebt.

Die aktuelle Frage lautet im Klartext: Soll der Zivilisationsbruch des Holocaust durch die Vertreibungen als Signatur des 20. Jahrhunderts verdrängt werden? Wie werden diese Ereignisse im historischen Gedächtnis zueinander in Beziehung gesetzt? Die Spannung, die hinter den rivalisierenden Ausstellungsprojekten steht, hängt mit dieser Auseinandersetzung um Gewichtsverlagerung oder Neuorganisation des Geschichtsbewusstseins zusammen. Geht es um eine Ergänzung oder um eine Revision des Geschichtsbildes? Auf diese Frage hat Joachim Gauck in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung des Zentrums mit klaren Worten geantwortet: "Nachdem zur deutschen Identität das Bewusstsein eigener Jahrhundertschuld gehört, ist die Nation heute nicht mehr in Gefahr, nationalistisch zu werden, wenn sie ihrer eigenen Opfer gedenkt."[16]

Fußnoten

12.
In der Zentrums-Ausstellung konnten 160 Einzelschicksale medial abgerufen werden.
13.
Die Ausstellung umfasste rund fünfzehnhundert Exponate und zog 140 000 Besucher an. Homepage Deutsches Historisches Museum, www.dhm.de/aus stellungen/flucht-vertreibung/index.html (22. 6. 2007).
14.
Katalog Erzwungene Wege 2006, S. 19.
15.
Vgl. Heinrich Wefing, Ihr sollt Zeugnis ablegen, in: FAZ vom 19. 5. 2006.
16.
Erzwungene Wege (Anm. 13), S. 21.