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26.11.2007 | Von:
Michael Franz

Museen, Beutekunst und NS-Raubkunst

Sobald die Diskussion um NS-Raubkunst und Beutekunst versachlicht wird, ist erkennbar, dass Dokumentation und Transparenz die Voraussetzungen für einen souveränen Umgang mit diesen sensiblen Themen sind.

Einleitung

Werden die Museen geplündert?", "Recovered Artworks Heading to Auction", "Die Angst vor dem Kunsthändler", "Uns drohen keine weißen Wände", "Bloß keine Fristen", "Politik muss bei Beutekunst in Russland aktiv werden", "Bibliotheken gründen nationale Beutekunst-Initiative", "Russland dementiert Einigung im Streit um Baldin-Sammlung", "Die letzten deutschen Kriegsgefangenen".[1] Bereits diese kleine Auswahl jüngerer Schlagzeilen illustriert, wie aktuell und emotional die Diskussion um NS-Raubkunst und Beutekunst[2] auch über sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geführt wird.






Bei der Frage, ob die dargestellten Ängste und Befürchtungen tatsächlich begründet sind, ist zunächst festzustellen, dass an der Diskussion mit Politik, Museen, Juristen, Auktionshäusern, Rechtsanwälten und Provenienzforschern Akteure beteiligt sind, deren Interessen eine scheinbar unauflösbare Gemengelage juristischer, moralischer, politischer und wirtschaftlicher Aspekte implizieren. Um diese Gemengelage zu entwirren und Lösungsansätze zu finden, ist die Diskussion zu versachlichen und daher etwa zu fragen: Was ist der Auftrag bei der Suche nach NS-Raubkunst in Deutschland? Wie wurde dieser Auftrag bisher umgesetzt? Welche Rolle spielen die Museen? Herrscht in Sachen Beutekunst tatsächlich Stillstand? Was kann etwa auf der Fachebene unternommen werden? Wie kann speziell die 1994 gegründete und seit 2001 gemeinsam von Bund und Ländern finanzierte Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste (im Folgenden: Koordinierungsstelle) helfen, deren Aufgabe es insbesondere ist, gefundene und noch gesuchte NS-Raubkunst und Beutekunst zu dokumentieren? Bevor auf diese Fragen eingegangen wird, soll zunächst auf vier aktuelle Ereignisse hingewiesen werden, die den engen Bezug zwischen NS-Raubkunst bzw. Beutekunst, den Museen und der Koordinierungsstelle aufzeigen:

  • Im Dezember 2006 restituierte das Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig das "Bildnis eines bärtigen Mannes" nach Tiepolo an die Erben des von den Nationalsozialisten verfolgten Kunstsammlers Jacques Goudstikker.[3]
  • Im selben Monat gab die Kunsthalle Bremen das Gemälde "Madonna mit Kind" (Umkreis Bartolomeo Vivarini) an die Erben von Jakob und Rosa Oppenheimer zurück.[4]
  • Im Januar 2007 empfahl die "Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz" (im Folgenden: Beratende Kommission), dass das Deutsche Historische Museum Berlin die Plakatsammlung des von den Nationalsozialisten verfolgten Hans Sachs behalten solle und verband dies mit Hinweisen an das Museum zum künftigen Umgang mit den Plakaten.
  • Und kurz darauf gelang es dem Historischen Museum der Pfalz in Speyer, das infolge des Zweiten Weltkriegs verbrachte Gemälde "Pfalzgraf Friedrich Michael von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld" von Johann Nepomuk Reuling, das in Paris aufgetaucht war, wieder zurück zu gewinnen.

    Bei allen diesen Ereignissen war die Koordinierungsstelle involviert: Im ersten Fall gelang die Identifizierung des Tiepolo-Gemäldes erst auf der Grundlage einer Fundmeldung, die das Braunschweiger Museum an die von der Koordinierungsstelle betriebene Internet-Datenbank www.lostart.de gegeben hatte. Bei der "Madonna mit Kind" war es eine in der Datenbank registrierte Suchmeldung der Erben Oppenheimer, die weiterhalf. In der Auseinandersetzung der Erben Sachs gegen das Deutsche Historische Museum fungierte die Koordinierungsstelle als Geschäftsstelle für die Beratende Kommission und im vierten Fall gelang es mit Unterstützung der Koordinierungsstelle, alle Beteiligten rasch zu informieren und dem Museum Hinweise zum weiteren Vorgehen zu geben, um die geplante Versteigerung des Objektes in Paris - die zu einem Eigentumsverlust geführt hätte - rechtzeitig zu verhindern. Am Beispiel dieser vier Fälle wird deutlich, dass eine der Stärken der in Magdeburg ansässigen Koordinierungsstelle in der Unterstützung der Museen liegt.

  • Fußnoten

    1.
    Schlagzeilen (in dieser Reihenfolge) aus Die Zeit, The New York Times, www.netzeitung.de, Kunstzeitung, Der Tagesspiegel, mz-web.de, Die Welt, www.mainpost.de und Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) zwischen August 2006 und Juli 2007.
    2.
    In Ermangelung verbindlicher Definitionen bezeichnet NS-Raubkunst allgemein diejenigen Kulturgüter, welche die Nationalsozialisten insbesondere jüdischen Bürgern entzogen haben, während es sich bei Beutekunst um infolge des Zweiten Weltkriegs verbrachte Objekte handelt.
    3.
    Vgl. Ilona Lenhart, Ein gutes Ende, in: FAZ vom 7. 12. 2006.
    4.
    Vgl. Museum kauft Madonna mit Kind zurück, in: www.spiegel.de (13. 12. 2006).