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26.11.2007 | Von:
Martin Düspohl

Das Museum als sozialer Faktor

Gerade in den großstädtischen "Problemquartieren" können sich Stadtteilmuseen als wertvoller integrativer Faktor etablieren, wie zwei Beispiele aus dem Kreuzberg-Museum zeigen.

Einleitung

Auf einer wegweisenden Museumstagung 1975 in Frankfurt am Main forderte der Ulmer Verein (der "linke" Verband für Kunst- und Kulturwissenschaften), die Kulturpolitik und die Museen der Bundesrepublik müssten ihrer sozial- und bildungspolitischen Verantwortung stärker gerecht werden. In der Tagungsdokumentation mit dem programmatischen Titel "Museum - Lernort contra Musentempel" mahnte der damalige Frankfurter Kulturdezernent, "die soziale Funktion von Kunst und Kultur, Kunst als sozio-kultureller Faktor in der gesellschaftspolitischen Strategie für das Ziel einer größeren Bildungsgerechtigkeit künftig eindringlicher herauszustellen".[1]




In den folgenden drei Jahrzehnten unternahmen zahlreiche Museen tatsächlich große Anstrengungen, ihre Angebote besucherorientiert zu gestalten und Schwellenängste abzubauen, um neue, bisher kaum repräsentierte Zielgruppen zu gewinnen und an sich zu binden. Museumspädagogik wurde als eigenständiges Arbeitsfeld etabliert. Die 1980er Jahre erlebten außerdem einen beispiellosen Museumsgründungsboom, so dass die Statistiker Jahr für Jahr neue Rekordzahlen an Museumsbesuchen vermeldeten. Das Konzept "Kultur für alle" schien aufzugehen. Trotzdem fällt die Bilanz der jahrzehntelangen Bemühungen, "Bildungsgerechtigkeit" im Museum herzustellen, d.h. alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen zu erreichen und zu beteiligen, heute bisweilen ernüchternd aus.

Dabei ist gegenüber der Behauptung einer Verallgemeinerbarkeit des Nutzens eines Museumsbesuches durchaus Skepsis angebracht. Einige Vermittlungskonzepte tragen erkennbar kulturmissionarische Züge, auf die manche Zielgruppen sensibel reagieren. Ein Indiz dafür ist in der Fachdiskussion die immer häufigere Verwendung des Begriffes "Kulturvermittlung". Diese Begrifflichkeit fällt zurück hinter den schon erzielten Konsens über eine erweiterte Definition von Kultur, der die Vielfalt der Lebenswelten und Kulturpraktiken umfasst und den Menschen als aktives, gestaltendes Wesen, als Subjekt seiner Verhältnisse sieht. Das Konzept "Kulturvermittlung" dagegen unterstellt den Zielgruppen ein Defizit an Kultur, das es zu beheben gelte. Daraus resultiert wiederum ein falsch verstandenes Konzept von Museumspädagogik als einer nachträglichen Didaktisierung der in der Regel von Wissenschaftlern und Designern erarbeiteten Ausstellungsinhalte.

Mit Blick auf die im Museum wenig repräsentierten Gruppen wäre es zielführender, im Sinne von Empowerment deren positive Ressourcen zu stärken, ihnen Partizipationschancen zu eröffnen, die sowohl eine erweiterte Aneignung von kulturellen Angeboten erlauben als auch eine kulturelle Eigenproduktivität. Rainer Treptow nennt es das "kulturelle Mandat" einer sozial ausgerichteten Museumsarbeit, Ressourcen und Kompetenzen ("kulturelles Kapital") gleichermaßen bereitzustellen für die Verwirklichung kultureller Aneignungs- und Gestaltungswünsche der bisher nicht im Museum präsenten Adressatengruppen.[2] Jutta Thinesse-Demel weist darauf hin, dass in diesem Zusammenhang der Teamarbeit zwischen Museologen und Öffentlichkeit eine wachsende Bedeutung zufällt. Die einstige Betonung formeller Lernprozesse und Vermittlung vorgegebener Museumssettings trete zurück hinter selbst gesteuerten Lernansätzen mit Hilfe von anregenden Lernumgebungen.[3]

Die Verknüpfung von Strategien der Erwachsenenbildung (Zielgruppenarbeit, lebenslanges Lernen) und der sozialen Arbeit mit der Praxis der Museen steht damit erneut auf der Agenda.[4] Um dieses Konzept zu verdeutlichen, werden im Folgenden zwei Projekte des Kreuzberg-Museums für Stadtentwicklung und Sozialgeschichte in Berlin vorgestellt, die auf die Partizipation von Bevölkerungsgruppen setzten, die gegenüber Museen in der Regel eher Distanz wahren.

Das Kreuzberg-Museum befindet sich inmitten eines Gebietes, das seit Jahren ganz unten auf der Berliner Armutsskala rangiert. Das Viertel verzeichnet in Berlin die meisten Empfänger staatlicher Transferleistungen, das geringste Durchschnittseinkommen und eine Arbeitslosenquote von 28 Prozent. Fast die Hälfte der türkischstämmigen Kreuzberger, die hier die größte Migrantengruppe stellen, ist arbeitslos. Von der Presse häufig als "Klein-Istanbul" stigmatisiert, war Kreuzberg nie ein Ort bürgerlicher Traditionspflege. Als das Museum 1991 gegründet wurde, gab es keinen nennenswerten Fundus und kein Archiv, das dem Museum als Grundstock hätte dienen können. Die ersten Ausstellungen über einzelne Aspekte der Bezirksgeschichte dienten so auch dem Aufbau der Sammlung. Sie fanden ihr Publikum bei kulturinteressierten und ehemaligen Kreuzbergern, Schülern und Studenten, vergleichsweise gering war aber das Interesse der ca. 40 000 direkten Nachbarn des Museums - eine Erfahrung, die übrigens auch das Jüdische Museum macht, das im gleichen Bezirk liegt. Es wurde schnell deutlich, dass diese Nachbarn in anderer Weise angesprochen werden wollten: Im Jahr 2000 lud das Museum türkische Kreuzberger ein, unter dem Titel "Wir waren die ersten" ihre persönliche (und kollektive Migrations-) Geschichte für eine Ausstellung aufzuarbeiten. 2003 folgte das Projekt "Geschichte wird gemacht" über die Nachkriegszeit, Stadtsanierung und Protestbewegung in Kreuzberg. Für dieses Vorhaben suchte das Museum in der unmittelbaren Nachbarschaft interessierte Laien als ehrenamtliche Ausstellungsmacher und bot ihnen zur Vorbereitung zwei leere Fabriketagen und alle erforderlichen Arbeitsmaterialien an. Beide Ausstellungen sind bis heute in komprimierter Form Teil der Dauerausstellung des Kreuzberg-Museums.

Fußnoten

1.
Hilmar Hoffmann, Museen in kommunalpolitischer Sicht, in: Ellen Spickernagel/Brigitte Walbe (Hrsg.), Das Museum - Lernort contra Musentempel, Gießen 1976, S. 172.
2.
Rainer Treptow, Kultur und Soziale Arbeit, Münster 2001, S. 185ff.
3.
Vgl. Jutta Thinesse-Demel, Eine Welt im Wandel. Museen als Plattform für lebenslanges Lernen, in: Hartmut John/dies. (Hrsg.), Lernort Museum - neu verortet!, Bielefeld 2004, S. 15.
4.
Bereits 1980 empfahlen die Frankfurter Hochschullehrerin für Erwachsenenbildung Hildegard Feidel-Merz und der Museumspädagoge Wolf-Heinrich von Wolzogen den Museen eine stärkere Berücksichtigung der Bedürfnisse breiter Bevölkerungsschichten, wobei sie sich auf englische und amerikanische Museen als Vorbilder bezogen. Vgl. H. Feidel-Merz/W.-H. von Wolzogen, Das aktive Publikum - Kulturelle Sozialarbeit und Museum, in: Museumsarbeit, Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Band 10, Gießen 1980.