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9.11.2007 | Von:
Stefan Rahmstorf

Klimawandel - einige Fakten

Wie sicher sind die Aussagen?

Welche neuen Ergebnisse wären denkbar, die diese Erkenntnisse erschüttern? Nehmen wir an, man würde schwere Fehler in einer Reihe von Datenanalysen finden und käme zur Erkenntnis, das Klima sei im Mittelalter bereits wärmer gewesen als heute. Daraus müsste man folgern, dass die Erwärmung im 20. Jahrhundert um 0,7 Grad nicht ganz so ungewöhnlich ist wie bislang gedacht und dass auch natürliche Ursachen noch im vergangenen Jahrtausend ähnlich große Schwankungen verursacht hätten. Demnach wären die natürlichen Schwankungen, die sich jedem menschlichen Einfluss auf das Klima überlagern, größer als gedacht. Es würde jedoch nicht daraus folgen, dass auch die Erwärmung im 20. Jahrhundert natürliche Ursachen hat, ebenso wenig, dass die Klimasensitivität geringer ist als bislang angenommen. Wenn überhaupt, könnte man aus größeren Schwankungen in der Vergangenheit auf eine größere Klimasensitivität schließen. Solange die Abschätzung der Klimasensitivität nicht revidiert wird, bleibt auch die Warnung vor der Wirkung unserer CO2-Emissionen unverändert.

Nehmen wir an, neue Erkenntnisse würden eine starke Wirkung der Sonnenaktivität auf die Wolkenbedeckung ergeben, etwa durch Veränderung des Erdmagnetfeldes und der auf die Erde treffenden kosmischen Strahlung. Man hätte einen Mechanismus gefunden, wodurch sich Sonnenschwankungen wesentlich stärker auf das Klima auswirken als bislang gedacht. Daraus würde jedoch nicht folgen, dass die Erwärmung der vergangenen Jahrzehnte durch Sonnenaktivität verursacht wurde, denn weder Sonnenaktivität noch kosmische Strahlung weisen seit 1940 einen Trend auf. Einen Erwärmungstrend kann man so nicht erklären.

Der einzige wissenschaftliche Grund für eine Entwarnung wäre, wenn man die Abschätzung der Klimasensitivität stark nach unten korrigieren müsste. Dafür gibt es nur eine Möglichkeit: Es müsste starke negative Rückkopplungen geben, welche die Reaktion des Klimasystems auf die Störung des Strahlungshaushaltes durch CO2 abschwächen. Richard Lindzen, der vielen als der einzige fachlich ernst zu nehmende Skeptiker einer anthropogenen Erwärmung gilt, verwendet dieses Argument. Er postuliert einen starken negativen Rückkopplungseffekt in den Tropen, den von ihm so genannten Iris-Effekt, der dort eine Klimaänderung verhindert. Er hält deshalb die Klimasensitivität für praktisch gleich null. Auf das Argument, es habe in der Vergangenheit Eiszeiten und andere starke Klimaänderungen gegeben, erwidert er, dabei habe sich nur die Temperatur der hohen Breitengrade verändert, die globale Mitteltemperatur jedoch kaum.[17] Zu der Zeit, als Lindzen seine Iris-Theorie aufstellte, konnte man in der Tat aufgrund der unsicheren Daten noch so argumentieren; inzwischen gilt es unter Paläoklimatologen aber als gesichert, dass sich auch die Temperaturen der Tropen bei früheren Klimaänderungen um mehrere Grad verändert haben. Auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit lag die globale Mitteltemperatur nach heutiger Kenntnis um vier bis sieben Grad unterhalb der derzeitigen.

Die erheblichen Klimaschwankungen der Klimageschichte sind das stärkste Argument dafür, dass das Klimasystem sensibel reagiert und die heutige Abschätzung der Klimasensitivität so falsch nicht sein kann. Gäbe es starke negative Rückkopplungen, die eine größere Klimaänderung verhindern würden, wären die meisten Daten der Klimageschichte unverständlich. Hunderte von Studien wären falsch, und wir müssten beim Schreiben der Klimageschichte ganz von vorne anfangen. Eine solche noch unbekannte negative Rückkopplung wäre der einzige Ausweg aus der ansonsten unausweichlichen Folgerung, dass eine Erhöhung der Treibhausgaskonzentration die von den Klimatologen vorhergesagte Erwärmung verursachen wird.

Die bislang schon sichtbare Klimaänderung ist nur ein kleiner Vorbote viel größerer Veränderungen, die bei einem ungebremsten weiteren Anstieg der Treibhausgaskonzentration eintreten werden. Bei Annahme einer Reihe plausibler Szenarien für die künftigen Emissionen und unter Berücksichtigung der verbleibenden Unsicherheiten in der Berechenbarkeit des Klimasystems rechnet das IPCC mit einem globalen Temperaturanstieg von zwei bis sieben Grad bis zum Ende des Jahrhunderts, über das vorindustrielle Temperaturniveau hinaus. Die letzte vergleichbar große globale Erwärmung gab es, als vor rund 15 000 Jahren die letzte Eiszeit zu Ende ging: Damals erwärmte sich das Klima global um etwa fünf Grad. Doch diese Erwärmung erfolgte über einen Zeitraum von 5000 Jahren - der Mensch droht nun einen ähnlich einschneidenden Klimawandel innerhalb eines Jahrhunderts herbeizuführen.

Fußnoten

17.
Lindzen, persönliche Mitteilung an den Autor.