APUZ Dossier Bild

2.11.2007 | Von:
Michael Klein
Ernst-Theodor Rietschel

Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Welches Ziel hat Wissenschaft?

Das Ziel wissenschaftlichen Strebens ist Erkenntnisgewinn und -bewahrung, es geht darum, die Antwort auf eine bestimmte Frage zu finden. Soll nun, spezieller formuliert, die Lösung eines auf die menschliche Existenz bezogenen Problems gefunden werden, so müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Dies sind erstens Kenntnisse der Methoden des Faches und deren Anwendung (etwa Analyse- bzw. Messmethoden in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, kritisches Quellenstudium und regelgeleitete Auslegung in den historischen Wissenschaften sowie Quer- und Längsschnittstudien in den Sozialwissenschaften).

Zweitens muss der aktuelle Wissensstand im jeweiligen Fach überblickt und beherrscht bzw. berücksichtigt werden. Auch die genaue Kenntnis grundlegender Dokumente und Quellen ist von entscheidender Bedeutung, um an einer wissenschaftlichen Debatte sinnvoll teilnehmen zu können. In der aktuellen Diskussion um Charles Darwin und seine Forschungen hat man nicht selten den Eindruck, dass nur wenige Darwins Schrift vom Ursprung der Arten durch Mittel der natürlichen Selektion oder die Erhaltung bevorzugter Rassen im Kampf um das Leben gelesen haben, dafür eine Unmenge von Interpretationen seines Werkes.

Hinzu kommt drittens ein Umstand, der in den Natur- und Technikwissenschaften heute oftmals vergessen wird: Von grundsätzlicher Bedeutung ist auch die Entwicklung von Wissen und Wissenschaft in einem Fach, wenn man Entwicklungsprozesse nachvollziehen und damit Fehler vermeiden will. Auf diese Dimension hatte Blaise Pascal bereits im 17. Jahrhundert hingewiesen, indem er feststellte, dass die Erkenntnisse unserer Väter, selbst wenn wir diese revidieren, deshalb nicht einfach nutzlos sind: "Wir können nur über die Vorfahren hinausschauen, weil wir auf ihren Schultern stehen."

Auf dieser Grundlage, das heißt auf Basis der Kenntnis und Nutzung von Methodik, Forschungsstand und -genese, wird schließlich eine Hypothese oder ein Deutungsvorschlag zur Beantwortung der gestellten Frage entwickelt und in der Fachwelt durch Veröffentlichung zur Diskussion gestellt.