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2.11.2007 | Von:
Michael Klein
Ernst-Theodor Rietschel

Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Wissenschaft ist disziplingebunden - insbesondere interdisziplinäre Wissenschaft

Das bedeutet, dass wissenschaftliche Erkenntnis zunächst einmal disziplingebunden ist und sich in einem intersubjektiven Kontext - der Diskussion - vollzieht. Ein Fortschritt ist dann erzielt, wenn die Annäherung an die Beantwortung der Fragestellung gelingt, die nicht zwangsläufig in der direkten Beantwortung der Frage, sondern auch in der Differenzierung der Fragestellung bestehen kann. Nun bedeutet die Disziplingebundenheit von Wissenschaft jedoch keinesfalls, dass es eine - heute laufend geforderte - interdisziplinäre Forschung nicht geben kann. Doch existiert diese nicht eo ipso, sondern immer nur in Bezug auf einen gemeinsamen konkreten Gegenstand und eben disziplinbezogen: methodengebunden und durch Diskussion in einer Community.

Entscheidend ist also, dass diejenige wissenschaftliche Fragestellung oder dasjenige Problem, welche(s) mit den Mitteln einer einzelnen Disziplin nicht zu lösen ist, mithilfe anderer Disziplinen (multidisziplinär oder interdisziplinär) einer Lösung zugeführt werden kann. Bloßer Erkenntnisgewinn oder Befriedigung von Neugier reichen meist als Motivation für interdisziplinäre Wissenschaft nicht aus. Natürlich gilt nach wie vor, dass sich der Erkenntnisgewinn in der Beantwortung einer bestimmten Fragestellung vollzieht, doch beinhaltet die eine Interdisziplinarität erfordernde Fragestellung oft eine konkrete Perspektive hinsichtlich eines auf das menschliche Leben konkret bezogenen Problems.

Ein Beispiel für solch einen inter- oder multidisziplinären Ansatz könnten Projekte sein, mit deren Hilfe versucht wird, mittels einer computergestützten antiken Schlachtsimulation historische und psychologische Fragestellungen zusammenzuführen; oder auch das Miteinander von Lebenswissenschaften, Sozialwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, der Architektur und natürlich der Sprachwissenschaften und der Philosophie bei der Beschäftigung mit dem Phänomen der alternden Gesellschaft. Nur Meister der eigenen Disziplin sind zur Interdisziplinarität fähig, die nicht, so die Mahnung des Ökonomen Peter Weise, zum unverbindlichen "Stammtisch der Wissenschaftler" herabsinken darf.

Der große Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz hat das vor 300 Jahren mit seinem Anspruch "theoria cum praxi" ausgedrückt. Und so hat Leibniz nicht nur philosophische Studien betrieben und das Dualsystem sowie die Infinitesimalrechnung (eine Technik, um Differential- und Integralrechnung zu betreiben) entwickelt, sondern sich darüber hinaus mit konkreten Problemen wie der Konstruktion von Unterseebooten, der Verbesserung der Technik von Türschlössern sowie der Entwicklung von Geräten zur Messung der Windgeschwindigkeit befasst. Nebenbei hat er Witwen- und Waisenkassen gegründet, nach Beweisen für das Unbewusste des Menschen gesucht und Ärzten den Rat gegeben, ihren Patienten regelmäßig Fieber zu messen. Er hat hierbei seine verschiedenen Problemstellungen verschiedenartig - eben interdisziplinär - beleuchtet, wozu er als Kenner verschiedener Disziplinen in der Lage war.