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2.11.2007 | Von:
Michael Klein
Ernst-Theodor Rietschel

Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Zur Entwicklung der Geisteswissenschaften

Die Geisteswissenschaften haben sich, vereinfacht dargestellt, aus den so genannten Artistenfakultäten entwickelt und dort besonders aus den ,artes liberales` wie Literatur, Grammatik, Sprachtheorie, Rhetorik, Geschichte und Logik (Humboldt'sche Neugliederung der Wissenschaften). Aus diesen Fächern hat sich im 19. Jahrhundert zunächst die klassische Philologie (unter dem allgemeinen Namen Philologie) formiert, aus der dann wiederum die anderen Philologien mit dem Gegenstand der unterschiedlichen Volkssprachen entstanden. Geschärft und popularisiert wurde der Begriff Geisteswissenschaften dann Ende des 19. Jahrhunderts durch Wilhelm Dilthey.

Diese Ausdifferenzierung, die alle Fächer betraf, brachte als positiven Aspekt eine fortschreitende Vertiefung im Sinne einer Spezialisierung mit sich, aber zugleich auch eine Vernachlässigung der großen Linien innerhalb eines Faches sowie den Verlust des Bewusstseins für die Verbindungen der Fächer hinsichtlich ihrer methodischen und thematischen Gemeinsamkeiten. Das Wissen um das Ganze und das Verstehen des Ganzen - also unsere Geschichte und unsere Kultur - kann nur als das Resultat der Summe aller Teile erworben werden.

Man kann sich beispielsweise mit der Erinnerungskultur beschäftigen, mit dem Phänomen der Zeit in vormodernen Kulturen, mit Fragen der Identitätenbildung oder dem Kulturtransfer im Mittelmeerraum. Alle diese Themen setzen die Möglichkeit und Notwendigkeit voraus, auf das Wissen zahlreicher Fächer zurückgreifen zu können. Es war die in den vergangenen Jahrzehnten weit verbreitete Geschichts- und Kulturvergessenheit, die dazu geführt hat, die Bedeutung des Gegenstandes der klassischen Philologie, nämlich die klassische Antike als Fundament und den (bewussten oder unbewussten) permanenten Bezugspunkt der westlichen Kulturen, zu vergessen oder gar in Abrede zu stellen.

Insbesondere durch den angelsächsischen Einfluss nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte sich der Bezugshorizont der Geisteswissenschaften in Richtung der so genannten Humanwissenschaften (humanities), und es kam zu einer Verbindung der traditionellen mit den neuen Gesellschaftswissenschaften. Zu dem alten Kern, bestehend vor allem aus der Historie und der Philologie, stießen zum einen nun Philosophie, Ethnologie sowie Literatur-, Kunst- und Rechtswissenschaften, zum anderen aber auch die Soziologie, Pädagogik, Politologie und Psychologie, die sich auch in empirischer Methodik übten. Damit wurde der Begriff der Geisteswissenschaft stark ausgeweitet, vielleicht sogar überdehnt, da die klassische geisteswissenschaftliche Definition der Deutung der vom menschlichen Geist hervorgebrachten Dinge zwar auf einen Teil der neuen Disziplinen zutraf, aber eben nur auf einen Teil. Hier scheint auch eine Doppelgesichtigkeit der Geisteswissenschaften auf (H. Grohmann). So haben die Geisteswissenschaften idiographische Ziele, die charakteristisch sind und die sie verfolgen können (Deutung der vom menschlichen Geist hervorgebrachten Dinge.). Der Versuch, es den Naturwissenschaften mit ihren nomothetischen Zielsetzungen möglichst uneingeschränkt gleichzutun, ist deshalb zum Scheitern verurteilt.

Aktuell ist den Geisteswissenschaften ein eigenes Jahr gewidmet, in dem sich zahlreiche Disziplinen darstellen. Es erscheint für unsere Zeit als symptomatisch, dass es zuvor jeweils ein eigenes Jahr der Physik (2000), der Lebenswissenschaften (2001), der Geowissenschaften (2002), der Chemie (2003), der Technik (2004) sowie das Einsteinjahr (2005) und das Informatikjahr (2006) gegeben hat. Die Geisteswissenschaften kommen also erst an 8. Stelle und dann in toto, nicht differenziert beispielsweise nach Philosophie, Geschichtswissenschaften und Sprachwissenschaften.