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2.11.2007 | Von:
Michael Klein
Ernst-Theodor Rietschel

Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Zur Entwicklung der Naturwissenschaften

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich innerhalb der Naturwissenschaften nicht nur neue Wissensgebiete und Disziplinen, sondern es veränderte sich auch das Wissenschaftsverständnis insgesamt. Die Mathematik entwickelte neue Begrifflichkeiten, die nicht mehr durch Anschauung oder das klassische Verständnis von Quantität gedeckt waren.

In der Physik wurde das von Isaak Newton entwickelte mechanische Weltbild durch Albert Einstein und Max Planck abgelöst, und in der Biologie begann man, nach genetischen Grundlagen des Lebens zu fragen. Das Verständnis der kleinsten Teile sollte beantworten, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die großen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts hatten hier ihre Wurzeln mit der Folge einer neuen kulturellen Bedeutung der Naturwissenschaft. Hatte Galileo Galilei gefordert: Messen, was messbar ist, und was noch nicht messbar ist, messbar machen, so ging Max Planck einen Schritt weiter: Wirklich ist, was messbar ist: die Naturwissenschaften als die messenden Wissenschaften. Wirklich sollte nur das sein, was (naturwissenschaftlich-quantitativ) erfassbar ist, ja wahr schien nur das, was messbar und reproduktiv und damit beweisbar ist.

Indem jedoch - wie wir heute wissen - gerade hier die modernen Naturwissenschaften an ihre Grenzen stoßen, wird deutlich, dass der Begriff der Wahrheit problematisch, da vielschichtig ist. Karl Popper hat am Beispiel der Newton'schen Physik gezeigt, dass auch die scheinbar sichersten naturwissenschaftlichen Grundsätze widerlegt werden können. Dies hatte sinnigerweise schon Newton selbst erkannt und geschrieben: Sein und Wissen ist ein uferloses Meer. Je weiter wir vordringen, umso unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich.

Die Naturwissenschaften stellen sich heute als eine riesige Maschinerie zur Wissensgewinnung dar: mit einer gigantischen Armee von Forschern, einem enormen finanziellen Aufwand und einem unvorstellbaren Einsatz von Spitzentechnologie. Durch immer verfeinertere Geräte, Experimente und Techniken dringen sie in Bereiche der Realität vor, die zunächst einmal sehr weit von unserem Alltagsleben entfernt scheinen, für uns jedoch keineswegs unerheblich sind.

Will man die Welt und den Menschen verstehen, so muss man sich zwangsläufig mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften auseinandersetzen. Entscheidend ist dabei jedoch, aus der unendlichen Menge naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinns das kulturell relevante und bedeutsame Wissen auszuwählen. Hierbei ist das Problem zu überwinden, dass im allgemeinen Verständnis (auch der meisten Naturwissenschaftler) die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse keine wesentliche kulturelle Bedeutung besitzen. Dieses Dilemma ist nicht neu, aber wenig beachtet, obwohl bereits der Physiker und Direktor der English Electric Company, Charles Percy Snow, 1959 in seinem Artikel Die zwei Kulturen darauf verwies. Dabei wird übersehen, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse zwar keinen eigenständigen Sinn haben mögen, dass ihre sinnvolle Nutzung jedoch eine kulturelle Leistung darstellt, die in unserer heutigen Gesellschaft einen ungeheueren Stellenwert einnimmt.