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2.11.2007 | Von:
Michael Klein
Ernst-Theodor Rietschel

Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Zur Grenze zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Wo verlief oder wo verläuft die klassische Grenze zwischen Geistes- und Naturwissenschaften? Bei der Beantwortung dieser Frage können drei Ansatzpunkte in Betracht gezogen werden: der Gegenstand der Betrachtung, die Methodik im Sinne des Zugangs oder die Konsequenz, die aus der Beschäftigung mit einem Gegenstand gezogen wird.

Während die Betrachtung einzelner Gegenstände von Wissenschaft zur Herausbildung von Fächern bzw. Disziplinen führte, also beispielsweise der Geschichte (Vergangenheit), der Medizin (der kranke oder verletzte Mensch), der Biologie (Tiere und Pflanzen) oder der Theologie (Gott und der Mensch), hat der Ansatz der methodischen Herangehensweise die Einteilung der Wissenschaften in Naturwissenschaften (Außenperspektive, auf Beobachtung beruhend mit Beschreibung, Versuch und Beweis) und Geisteswissenschaften (Innenperspektive, auf Empathie beruhend mit Beschreibung und Interpretation) zur Folge. So galt die Naturwissenschaft als die beschreibende und erklärende Wissenschaft, während die Geisteswissenschaft als die verstehende und interpretierende Wissenschaft (Hermeneutik) definiert wurde. Interessant ist an dieser Stelle zu bemerken, dass im angelsächsischen Kulturkreis nur die Naturwissenschaften als science anerkannt sind, während die - im deutschen Sprachraum so bezeichneten - Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften als humanities firmieren.

Die Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung und Vorstandsvorsitzende der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin, Sigrid Weigel, weist in diesem Zusammenhang zu Recht darauf hin, dass die Forderung nach einem Gegenpol zur einseitigen Orientierung an der Verwertbarkeit zwar durchaus berechtigt sei, jedoch werde damit zugleich das Bild der "zwei Kulturen" (Charles Percy Snow) wiederbelebt, das heißt die - falsche - Vorstellung einer Grenze zwischen (materiellem) Fortschritt durch Anwendbarkeit (Naturwissenschaft) und (immaterieller) Kulturpflege als Eigenwert (Geisteswissenschaft). Weigel: "So profitiert jede, auch noch so anwendungsferne Forschung (etwa in der Physik) von der Aura des Nutzens, die alle Naturwissenschaften umgibt. Auf der anderen Seite gerät dadurch das tatsächliche Potenzial geistes- und kulturwissenschaftlicher Erkenntnisse aus dem Blick."

Dennoch taugen beide definitorischen Ansätze - Gegenstand und Methodik - letztlich nicht für die Markierung einer Grenze zwischen Geistes- und Naturwissenschaft.

Ein dritter Ansatz jedoch führt an dieser Stelle weiter: die Frage nach den Motiven oder Erkenntnisinteressen, die diese Wissenschaften zuallererst hervorgebracht hatten oder der Konsequenz, die aus der Beschäftigung mit einem Gegenstand gezogen wird. In der aktuellen Diskussion heißt es, dass die Natur- und Technikwissenschaften Verfügungswissen generieren (was mit dem Begriff Verstand markiert wird), während die Geisteswissenschaften danach Orientierungswissen bereitstellen (gekennzeichnet mit dem Begriff Vernunft). Das Ziel müsse es sein, Verstand und Vernunft in ein angemessenes Verhältnis zu bringen.

Während die Ergebnisse der Natur- und Technikwissenschaften (Verfügungswissen) das menschliche Leben zunächst lediglich erleichterten, haben sie es in den vergangenen 150 Jahren zugleich mit einer ungeheueren Geschwindigkeit derart dynamisiert, dass Orientierungs- und Organisationsstrukturen in immer kürzeren Zeitphasen relativiert wurden und werden. Damit haben sich die Naturwissenschaften nicht auseinandergesetzt. Orientierung und Ordnung war und ist nur noch für kleine Gruppen und kürzere Zeiträume organisierbar. Hier liegt die entscheidende Aufgabe der Geistes- bzw. Kulturwissenschaften.

Vor diesem Hintergrund der rasanten Entwicklungen in den Naturwissenschaften hat der Germanist und ehemalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie heutige Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, Wolfgang Frühwald, 1991 von den Geisteswissenschaften gefordert, "ihre Optik auf das kulturelle Ganze, auf Kultur als Inbegriff aller menschlichen Arbeit und Lebensformen, auf die kulturelle Form der Welt, die Naturwissenschaften und sie selbst eingeschlossen" zu beziehen. Genau das ist die Aufgabe der Kulturanthropologie und der philosophischen Anthropologie, die in Deutschland Max Weber viel verdankt. Dieser verstand unter Kulturwissenschaften alle Disziplinen, die "die Vorgänge des menschlichen Lebens unter dem Gesichtspunkt ihrer Kulturbedeutung betrachten" und hat den Kulturwissenschaften so eine Orientierungsfunktion zugewiesen.