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2.11.2007 | Von:
Michael Klein
Ernst-Theodor Rietschel

Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften

Fazit

Für eine Gesellschaft ist es von grundlegender Bedeutung, kulturell relevantes Wissen zu erkennen und darüber einen Konsens herzustellen. Das klingt abstrakt, doch sind die Fragen, die Sigrid Weigel in diesem Zusammenhang stellt, mehr als konkret: "Was folgt aus der Entschlüsselung des genetischen Erbguts und wie verhält es sich zum kulturellen Erbe? Welche Folgen hat die Reproduktionsmedizin für Familienstrukturen, Generations- und Geschlechterverhältnisse?"

Es besteht Einigkeit darüber, dass die Biologie die Frage "Was ist der Mensch?" nicht in einem umfassenden Sinn beantworten kann. Sie kann seine Einzelteile (im Sinne von Bauteilen) definieren und deren Zusammenwirken erklären, mehr jedoch nicht. Was ist der Mensch? Das ist die aktuelle Grundfrage unserer Kultur, von deren Beantwortung die Art des künftigen Umfeldes eines jeden Menschen abhängt - und das eben insbesondere vor dem Hintergrund der naturwissenschaftlichen Erkenntnisexplosion.

Die moderne Wissenschaft erklärt den heutigen Menschen zum homo sapiens sapiens: zum verstandes- und vernunftbegabten Wesen. Auf diese umfassende Begabung wird es ankommen, wenn es gilt, die Lebensumstände der Menschheit - wie auch des einzelnen Menschen - zu bestimmen. Einfacher formuliert: Während die Frage, welche Erkenntnisse helfen, Krankheiten zu heilen, von den Naturwissenschaften beantwortet wird, reicht zur Beantwortung der viel wichtigeren Frage Welche Medizin für wen? die naturwissenschaftliche Erkenntnis nicht aus. Hier sind kulturwissenschaftliche Leistungen gefordert. Wer also die Frage nach dem Nutzen der Geisteswissenschaften stellt, der stellt zugleich auch die Frage nach dem Nutzen des Menschen. Odo Marquard hat dies Mitte der 1980er Jahre so formuliert: "Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften." Und Detlev Ganten resümierte 2003, dass sich "die Naturwissenschaften aufgrund der Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts immer stärker auf die elementaren Fragen von Leben und Materie und Zeit und Raum fokussieren. Damit kommen wir in Bereiche, in denen die Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Philosophie noch weniger zu trennen sind als in der Vergangenheit."

Das fortschreitende Verständnis neurobiologischer Prozesse des Denkens, Fühlens und Handels fordert so beispielsweise nicht nur die jüdisch-christliche Auffassung heraus, wonach der Mensch als Geschöpf Gottes zur Freiheit gegenüber sich selbst und seinen Mitmenschen geschaffen ist, sondern auch die Grundlagen der Aufklärung.

Bundesforschungsministerin Annette Schavan hat vor diesem Hintergrund Ende 2005 im Deutschen Bundestag festgestellt: "Deshalb werden die ethischen Fragen etwa in den Biowissenschaften uns in den kommenden Jahren immer wieder vor schwierige Abwägungen stellen. Verantwortungsbewusste Güterabwägung in einer solchen Situation geschieht immer in einem kulturellen Kontext, der zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft gehört."

In der modernen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Menschen leuchten daher ebenso die Grenzen wie die Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften auf. Überspitzt formuliert erforschen Naturwissenschaften den Menschen aus der Perspektive von außen als Sache, die Geisteswissenschaften jedoch aus der Perspektive von innen als Person (A. Neschke). Die Trennung von Sache und Person ist für den europäischen Kulturraum fundamental, und bisher wurde diese Trennung von den Natur- und Geisteswissenschaften als konstitutiv respektiert. In jüngerer Zeit dehnen die Naturwissenschaften, animiert etwa durch ihre Erfolge im Rahmen der Hirnforschung, jedoch ihre Grenzen immer weiter auf das traditionelle Gebiet der Geisteswissenschaften aus. Sie tun dies, indem sie die persönliche Form des Menschen zu einer neuronal funktionierenden Sache erklären.

Ob dem Versuch geisteswissenschaftlicher Zweige, auf das Territorium der Naturwissenschaften vorzudringen, in der Absicht, die evolutionsbiologischen Hintergründe der Genese der sächlichen Form des Menschen nicht naturwissenschaftlich erklären zu wollen, ähnliche Bedeutung zukommt, soll hier offen bleiben. In jedem Fall werden die Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften zur Überschneidung. Die gleiche Referenz - der Mensch - wird verschieden interpretiert, die Interpretationen kollidieren.

So ist die heutige Situation einerseits dadurch geprägt, dass Schnittstellen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften positiv wahrgenommen, gemeinsam analysiert und für beide Seiten gewinnbringend genutzt werden. Es muss aber andererseits auch konstatiert werden, dass an der bisherigen Koexistenz von Geistes- und Naturwissenschaften in Bereichen, die den Menschen betreffen, Konfliktlagen entstanden sind. Diese erfordern notwendigerweise das interdisziplinäre Gespräch mit der Verpflichtung des gegenseitigen Anhörens, Verstehens und Korrigierens. Dieser notwendige Dialog dient letztendlich dem Urauftrag aller Wissenschaften, nämlich der Befriedigung des fundamentalen Interesses der Menschen an Erkenntnis.