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2.11.2007 | Von:
Albrecht Koschorke

Über die angebliche Krise der Geisteswissenschaften

Die Geisteswissenschaften teilen einen Großteil ihrer Schwierigkeiten mit anwendungsfernen Wissenschaften anderer Bereiche. Eine besondere Herausforderung stellt nicht die Missachtung, sondern die Überschätzung kultureller Faktoren dar.

Einleitung

Im Jahr der Geisteswissenschaften ist sie wieder auf dem Spielplan: Die Krise. Krise der Geisteswissenschaften. Aber gibt es sie überhaupt, diese exklusive Misere? Falls ja, worin genau besteht sie? Und warum kreist der Krisendiskurs dauernd und immer nur um die Geisteswissenschaften?

Inzwischen handelt es sich sogar um eine Krisenerzählung mit zwei Teilen: In Teil I wird behauptet, die Geisteswissenschaften seien in Bedrängnis, weil ihnen Gelder entzogen und Stellen gestrichen würden; sie erhielten keine Unterstützung von Seiten der Politik und hätten die öffentliche Meinung gegen sich, nicht einmal mehr die Feuilletons seien ihnen gewogen; sie könnten oder wollten sich nicht ständig ins Rampenlicht stellen und würden dafür bestraft; die Formate der Wissenschaftsförderung, von den Verbundforschungseinrichtungen bis zur Exzellenzinitiative, seien wie das ganze Drittmittelunwesen nicht auf die besonderen Eigenarten und Bedürfnisse geisteswissenschaftlicher Tätigkeit abgestimmt.

In Teil II ändert sich zwar nicht unbedingt der Befund, wohl aber die Tonlage: Es sei nun an der Zeit, hört man, mit dem Lamento aufzuhören; das angeblich schlechte Erscheinungsbild der Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit habe auch mit der Larmoyanz ihrer Vertreter zu tun und sei daher von ihnen mitverschuldet; viele Fächer seien überspezialisiert, und ihre Vertreter könnten ihr Anliegen der Öffentlichkeit nicht mehr allgemeinverständlich vermitteln; aus der Diskussion der großen Fragen der Zeit hätten sich die Geisteswissenschaftler weitgehend zurückgezogen und sich überhaupt stark entpolitisiert. Statt unablässig zu klagen, müsse man endlich wieder in die Offensive gehen und der restlichen Welt begreiflich machen, dass sie die Geisteswissenschaften nötig habe. - Diese Wendung des Narrativs läuft darauf hinaus, dass sich die Geisteswissenschaftler ermannen und neues Selbstbewusstsein an den Tag legen sollen. Allerdings bleibt unklar, wodurch dieser Wandel in der Befindlichkeit motiviert wird. (Es handelt sich dabei um eine Trendwende, die, wir mir scheint, auffällige Parallelen zur wirtschaftlichen Erholung in Deutschland aufweist.)

Aber eine Offensive aus der Defensive heraus ergibt noch keine starke Position. Oft steckt das Problem ja schon in der Art und Weise der Definition: Wer in einem Atemzug von Krise` und Geisteswissenschaften` spricht, löst eine Kette von Reflexen aus. Viele nicht unmittelbar Betroffene werden dann gar nicht mehr zuhören wollen, ist ihnen diese Geschichte doch schon oft genug erzählt worden. Auch flammende Appelle zur Rettung der Geisteswissenschaften im Allgemeinen gibt es mehr, als irgendjemand verkraften kann. Sie erreichen daher selten ihr Gegenüber und haben eher den Charakter von In-group-Kommunikationen, in denen sich eine Gemeinschaft nicht nur ihrer Werte, sondern auch ihrer Grenzen versichert.

Auch die Art und Weise der Argumentation bei solchen Appellen folgt erwartbaren Reflexen. Wer das Schlagwort Krise der Geisteswissenschaften` aufbringt, wird erstens einen gewissen kulturapokalyptischen Ton anschlagen. Er wird zweitens die Geisteswissenschaften als Statthalter der Kultur durch ihre klassischen Gegner bedroht sehen: Technik (einschließlich der technologischen Revolution in den Medien) und Ökonomie. Damit schreibt er eine Konstellation fort, in der sich die Geisteswissenschaften seit ihrer disziplinären Ausformung im 19. Jahrhundert verfangen haben: hier die Realia`, dort das zusehends nutzlose klassische Bildungsgut. Daraus folgt, dass man in die Situation kommt, den Wert des Nutzlosen zu verteidigen. Zwar - so lautet das Argument - sei der ökonomische Nutzen gering, wenn jemand tote Sprachen erlerne, sich in Papyri vertiefe oder den Wanderungsbewegungen künstlerischer Ornamente nachforsche, aber eine Kulturnation müsse sich einen solchen Überfluss ebenso leisten wie subventionierte Opern oder Museen.

Mit diesem Imperativ zum Bestandsschutz für nutzlose, aber wertvolle Bildungs- und Kulturgüter verbindet sich regelmäßig eine pessimistische Gesellschaftsprognose, und zwar mit Blick auf das Überhandnehmen eines rein ökonomischen Denkens. Wie vieles andere auch scheinen dann die Geisteswissenschaften in der Gefahr, einem sich über alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausbreitenden Ökonomismus zum Opfer zu fallen. So lautet der Tenor der meisten Äußerungen, die letztlich auf der alten Opposition von Geist und Geld beruhen und damit auf Argumentationsmuster zurückgreifen, die mindestens so alt sind wie die Wissenschaft der Ökonomie selbst, die also bis weit ins 18. Jahrhundert reichen.