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Was war die Oktoberrevolution?


22.10.2007
Die siegreichen Bolschewiki waren Gewalttäter, die der Krieg hervorgebracht hatte. Ihre Revolution war der Sieg einer vormodernen Gewaltdiktatur über die Freiheitsversprechen des russischen Liberalismus.

Einleitung



Die Menge stürzte sich mit Schreien auf uns: Erschießt sie, die Blutsauger, spießt sie auf die Bajonette usw. Die Menge durchbrach die Wachmannschaft, die einen Kreis um uns gebildet hatte, und wenn Antonow[[1]] sich nicht eingemischt hätte, dann wären die Folgen für uns zweifellos äußerst schwerwiegend gewesen. Man führte uns zu Fuß die Millionnaja-Straße entlang, in Richtung der Peter-Pauls-Festung. Antonow trieb uns die ganze Zeit an, weil er fürchtete, man werde uns lynchen. Wir liefen, umringt von einer wütenden Menge. Als wir die Troitzki-Brücke überquerten, trafen wir auf eine neue Menge Soldaten und Matrosen. Die Matrosen schrien: Warum macht Ihr Umstände mit ihnen? Werft sie in die Newa.' Wieder drohte uns Gefahr. Dann hakten wir uns bei den Wachsoldaten unter und liefen mit ihnen in Reih und Glied. Dann begann auf der anderen Seite der Brücke eine wilde Schießerei. Es schossen Rotgardisten und auch bewaffnete Soldaten von ihren Automobilen. Die uns begleitende Menge zerstreute sich sofort, was uns davor bewahrte, gelyncht zu werden. Wir alle lagen gemeinsam mit den Wachsoldaten auf der Erde (...). Die Schießerei dauerte lange, und erst, als wir die Wachsoldaten vorausschickten und sie erklärten, dass wir zu ihnen gehörten, hörte die Schießerei auf. Wir standen auf und wurden in die Festung geführt."[2]




So erinnerte sich der Menschewik und letzte Innenminister der Provisorischen Regierung, Alexej Maximowitsch Nikitin, daran, wie er den Putsch der Bolschewiki am 25. Oktober 1917 erlebte. Warum ist diese Episode für das Verständnis jenes Geschehens, das von den Historikern Revolution genannt wird, von Bedeutung? Weil sie von einer Revolution erzählt, in der nicht die Idee und ihre Repräsentation, sondern die Gewalt der Straße zur Sprache kommt. Sie bringt den Alltag der Revolution zum Vorschein, der in den Resolutionen und Texten der Revolutionäre nicht vorkam. Niemand wird sich darüber wundern, dass die bolschewistischen Sieger die unterlegenen Revolutionäre verhafteten. Nur schienen die Sieger das Volk ebenso zu fürchten wie die Verlierer. Seinem Hass und seiner Wut hatten sie nichts weiter entgegenzusetzen als die Kraft ihrer Worte.

Was im Oktober 1917 auf der Troitzki-Brücke in Petrograd geschah, hätte sich zur gleichen Zeit auch an jedem anderen Ort in Russland zutragen können. Über die Motive der handelnden Menschen können wir nichts Genaues sagen, denn Soldaten und Matrosen haben keine Auskunft gegeben. Wir wissen allenfalls von den Rechtfertigungen und Selbstdarstellungen der politischen Akteure, die solche Gewalttaten in historische Modelle einordneten und rationalisierten. Aber wir können erfahren, was mit Menschen geschieht, wenn sie in Situationen hineingeraten, die sie nicht kontrollieren, und welche Möglichkeiten sie haben, das eine zu tun und das andere zu unterlassen.

Revolutionen haben keine "Ursachen". Wenn wir davon überzeugt sind, dass die menschliche Geschichte eine Geschichte der Emanzipation ist, dann werden wir auch glauben, dass Armut Rebellionen erzeugt. Wenn wir solche Überzeugungen nicht teilen, dann werden wir möglicherweise andere Urteile über die Rebellion fällen. In jedem Fall aber werden die Geschichten vom Ursprung ideologischen Prämissen folgen und Erwartungen entsprechen. Gehorchte die Revolte den Ideen revolutionärer Visionäre und Verführer?[3] Oder muss man die Russische Revolution nicht vielmehr als letzten Akt eines Aufklärungs- und Freiheitsdramas lesen? Die unterdrückte Kreatur in der Revolte - das ist das Thema all jener Geschichten, die die Revolution als Emanzipationsgeschehen erzählen. Revolutionäre haben in solchen Geschichten gewöhnlich die Funktion, die Unzufriedenheit der Sprachlosen zur Sprache zu bringen.[4] Was immer Historiker sagen und schreiben: Stets zeigt sich in ihren Erzählungen "die Geschichte". Sie zieht die Fäden und gibt den Ereignissen einen Sinn in der Zeit. Das ist auch der Grund, warum alle Erzählungen von der Revolution Kausalketten knüpfen. Sie werden von Zwecken und Zielen, von Ursachen und Wirkungen strukturiert: keine Hungersnot, keine revolutionäre Rede und keine Gewalttat ohne tieferen Sinn und Zweck.

Die Menschen der Vergangenheit aber wussten nicht, dass ihr Leben die Ursache für ein künftiges Ereignis war. Solches Wissen können nur die Nachgeborenen haben. "Vom Ancien Régime sprechen in aller Regel die, die darüber hinweggekommen sind, nicht die, die mit ihm leben." Es gibt nicht nur eine offene Zukunft, sondern auch eine vergangene Zukunft, eine, die "vergeben ist und verspielt sein kann, eher wir ihrer habhaft werden".[5] Was können wir daraus lernen? Vor allem, dass Ereignisse nicht einfach von zurückliegenden Ereignissen verursacht werden, dass nicht alles, was geschieht, miteinander verknüpft ist, und dass die Menschen der Vergangenheit andere Vorstellungen von den zukünftigen Möglichkeiten hatten als die Historiker, die ihre Lebensäußerungen interpretieren. Die Freiheit der Bauern war nicht die Freiheit der Bolschewiki, die Gewalttat des Hooligans kein Bekenntnis zur Emanzipation oder zum Sozialismus. Man muss sich mit der Kontingenz der menschlichen Existenz abfinden. Jedes Ereignis hätte sich auch anders zutragen können.


Fußnoten

1.
Wladimir Alexandrovitsch Antonow-Owsejenko, Mitglied des Militärrevolutionären Komitees in Petrograd und Anführer des "Sturms" auf den Winterpalast im Oktober 1917.
2.
Zit. nach: Pavel N. Miljukov, Istorija vtoroj russkoj revoljucii, Moskva 2001, S. 625 (meine Übs.).
3.
Vgl. neben anderen Richard Pipes, Die russische Revolution, 3 Bde., Reinbek 1991 - 1992.
4.
Vgl. Manfred Hildermeier, Die russische Revolution 1905 - 1921, Frankfurt/M. 1989; Bernd Bonwetsch, Die russische Revolution 1917, Darmstadt 1991; Sheila Fitzpatrick, The Russian Revolution, Oxford 1982.
5.
Dietrich Geyer, Die russische Revolution, Göttingen 19854, S. 13, S. 17.