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22.10.2007 | Von:
Jörg Baberowski

Was war die Oktoberrevolution?

Kontext der Revolution

Gleichwohl geschehen Ereignisse unter Umständen, die sie ermöglichen. Was waren die Kontexte, in denen sich die Revolution entfaltete? Sie waren so heterogen wie die Revolution selbst. Es gab eine Revolte der Gebildeten gegen die politische Ordnung des zarischen Regimes, eine Erhebung von Bauern und Arbeitern gegen die Gutsherren und die europäischen Eliten, die das Land beherrschten, und es gab eine Revolte der nationalen Bewegungen und Minoritäten gegen die kulturelle Standardisierung und Homogenisierung des Imperiums. Man könnte die Zahl der Revolten noch vermehren: Revolten von Arbeitslosen, Flüchtlingen und vielen anderen. Diese Revolten ergaben sich aus spezifischen Situationen, und sie waren oftmals nicht miteinander verbunden. Die Untertanen des Zaren sprachen nicht mit einer Sprache. Sie lebten nicht einmal in einer Gesellschaft. Deshalb gab es 1917, als die alte Ordnung zusammenbrach, niemanden, der die Gewalt von einem Ort aus unter Kontrolle bringen konnte.[6]

Seit den Reformen Peters I. im frühen 18. Jahrhundert wurde das Imperium von einer europäisierten Elite beherrscht, die mit den leibeigenen Bauern kulturell nicht mehr verbunden war. Denn das Europäisierungsprojekt hatte die Umerziehung des Adels, nicht der Bauern zum Ziel. Diesen kulturellen Dualismus versuchten die aufgeklärten Bürokraten des Zaren Mitte des 19. Jahrhunderts zu überwinden, um das Imperium in einen modernen Anstaltsstaat nach preußischem Vorbild zu verwandeln. Die Bauern sollten Teil der Gesellschaft, das Vielvölkerreich eine Staatsnation, der Staat ein moderner Rechtsstaat werden. 1861 wurden die Bauern aus der Leibeigenschaft befreit, wenige Jahre später führte die Regierung in den Städten und ländlichen Regionen kommunale Selbstverwaltungen, unabhängige Gerichte und rechtsstaatliche Verfahren ein. 1874 kam auch die allgemeine Wehrpflicht nach Russland. Doch die Großen Reformen weckten Ansprüche, die nicht erfüllt werden konnten, weil sie die Kluft zwischen der Gesellschaft und den Bauern nicht überwand, sondern sie im Gegenteil erst sichtbar machte.[7]

Die Agrarreform des Jahres 1861 beendete das System der Leibeigenschaft in Russland. Aber viele Bauern empfanden das, was die Eliten für Befreiung hielten, als Zumutung. Denn sie erhielten nur einen Teil des Landes zur Nutzung, das sie vor der Befreiung bearbeitet hatten. Für die Bauern gehörte das Land in die Hände jener, die es bearbeiteten. Es war ungerecht, dass der Adel es ihnen vorenthielt. Aus diesem Dilemma gab es schon deshalb keinen Ausweg, weil die Welt der Bauern auch nach Aufhebung der Leibeigenschaft von der Gesellschaft der Besitzenden und Gebildeten getrennt blieb. Weil es keine staatlichen Institutionen im Dorf gab, die die Aufsichtsfunktionen der Gutsherren hätten ersetzen können, mussten die Bauern selbst dafür sorgen, dass Steuern und Ablösesummen gezahlt, Rekruten ausgewählt und Polizeiaufgaben erfüllt wurden. Alle Bauern hafteten kollektiv für die Aufbringung der Abgaben und durften ihre Dörfer nur mit Erlaubnis der Obrigkeit verlassen. Das System der kollektiven Solidarhaftung warf die Bauern auf sich selbst zurück, es begründete eine egalitäre Sozialordnung und eine rigide Sozialdisziplin, die abweichendes Verhalten unnachsichtig bestrafte. Vor allem aber blieben die Bauern unter sich, sie wurden an das Land gebunden und von der Gesellschaft, in die sie sich integrieren sollten, rechtlich getrennt.[8]

Zwar wanderten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Millionen Bauern auf der Suche nach Arbeit und Auskommen vom Dorf in die Stadt. Aber Russlands Arbeiter wurden in den Städten nicht zu Proletariern. Sie blieben als Bauern dem Lebenszyklus, den Sitten und Gebräuchen und der Sozialdisziplin des Dorfes unterworfen. Denn viele Bauern, die als Wanderarbeiter in die Stadt gekommen waren, kehrten während der Erntezeit und am Ende ihres Arbeitslebens in ihre Heimatdörfer zurück. Auch in den Städten blieben sie unter sich, weil sich ihnen dort nichts bot, was einem Abschied vom Dorf Attraktivität verliehen hätte. Wo sie lebten, gab es keine Infrastruktur, keine Krankenhäuser und Schulen, manchmal auch keine staatlichen Strukturen. Deshalb integrierte nicht die Stadt das Dorf, sondern das Dorf unterwarf die Stadt. So kam es, dass die bäuerliche Konflikt- und Gewaltkultur am Ende auch in den Städten die Oberhand gewann.[9]

Unter diesen Umständen scheiterten die Versuche der zarischen Bürokratie, die bäuerliche Bevölkerung zu erziehen, zu disziplinieren und in moderne Staatsbürger zu verwandeln. Die Verwaltung und Rechtsordnung des Zaren war nichts weiter als das Regelwerk einer fremden Kaste von Eroberern, die sich im Leben der Bauern nicht zu Gehör bringen konnte. Auch die Armee des Zaren überwand die kulturelle Kluft zwischen der Gesellschaft und den Bauern nicht. Sie brachte sie vielmehr wie keine andere Institution zum Ausdruck, weil sie die Gebildeten von den Bauern trennte und Soldaten zu Knechten der Offiziere machte.[10] Kurz: Die Bauern mussten alle Pflichten für eine Gesellschaftsordnung erfüllen, deren Mitglieder sie nicht werden konnten. Man könnte auch sagen, dass die zarische Ordnung eine Apartheidgesellschaft mit Emanzipationsanspruch war.

Nicht einmal auf die Loyalität der gebildeten Eliten konnte die Autokratie am Ende noch vertrauen. Denn die Großen Reformen Alexanders II. hatten Hoffnungen im intellektuellen Milieu geweckt, die bitter enttäuscht wurden. Die Funktionsträger in der lokalen Selbstverwaltung, Juristen, Freiberufler, Schriftsteller, Journalisten und Professoren, verlangten, dass die neuen Freiräume auch politisch genutzt werden konnten. Zu solchen Zugeständnissen aber war die autokratische Regierung nicht bereit.[11] Sie allein besaß das Wissen und die Macht, die Bevölkerung zu zivilisieren und zu disziplinieren, und sie brauchte dazu weder die Zustimmung der Untertanen noch die Hilfe der Intelligenzija. Im Gegenteil: Je weiter sich die regierende Kaste vom Volk entfernte, desto größere Freiräume boten sich ihr, unabhängige Entscheidungen zu treffen. Aber diese Unabhängigkeit war zugleich der Grund für ihre Isolation: eine einsame Kaste von Eroberern in einem fremden Land, die nichts anderes besaß als die Legitimation des Zaren und die Waffen der Armee.[12]

Im Revolutionsjahr 1905, als die russische Armee im Krieg gegen Japan stand, mussten die Minister des Zaren erfahren, was es bedeutete, wenn sich Arbeiter, Bauern, nationale Minderheiten und Bürger gegen die bestehende Ordnung erhoben und es niemanden gab, der die Unruhen militärisch beenden konnte. Nur durch den Einsatz überlegener Gewalt und durch politische Zugeständnisse an die Liberalen gelang es der Autokratie am Ende, die Opposition zu spalten und die moderaten Kritiker der Autokratie aus der Revolutionsfront herauszulösen.[13] Denn die bürgerlichen und adligen Eliten hatten die Revolution vor allem als anarchischen, wütenden Gewaltrausch unzivilisierter Massen wahrgenommen. Der Kulturphilosoph Michail Gerschenson brachte diese Erfahrung auf drastische Begriffe: "So wie wir sind, dürfen wir nicht nur im Traume an eine Verschmelzung mit dem Volk denken - wir müssen es mehr fürchten als alle Staatsmacht, und wir müssen diese Macht preisen, die uns mit ihren Bajonetten und Gefängnissen allein noch vor der Wut des Volkes schützt."[14]

Im Ersten Weltkrieg, als Russland in Chaos und Anarchie versank, Millionen Menschen auf der Flucht waren und am Ende auch die bewaffnete Ordnungsmacht zerfiel, blieben dem Regime keine Auswege mehr. Die Agonie der Autokratie dauerte nur wenige Tage, sie verschwand, und es schien, als hätte es sie niemals gegeben.[15] Das war der Kontext, in dem sich die revolutionären Ereignisse des Jahres 1917 entfalteten. Man könnte auch sagen, dass die Verhältnisse nur jenen eine Chance zum Sieg gaben, die keine Skrupel hatten, sich mit überlegener Gewalt gegen ihre Widersacher durchzusetzen und eine neue Ordnungsmacht zu errichten.

Fußnoten

6.
Vgl. anschaulich: Orlando Figes, Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924, Berlin 1998.
7.
Vgl. exemplarisch Bruce W. Lincoln, In the Vanguard of Reform: Russia's Enlightened Bureaucrats 1825 - 1861, DeKalb/Ill. 1982; Daniel Field, The End of Serfdom: Nobility and Bureaucracy in Russia, 1855 - 1861, Cambridge/Mass. 1976; Thomas Pearson, Russian Officialdom in Crisis: Autocracy and Local Self-Government 1861 - 1900, Cambridge 1989; Jörg Baberowski, Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rückständigkeit und Rechtsstaatlichkeit im ausgehenden Zarenreich 1864 - 1914, Frankfurt/M. 1996.
8.
Vgl. exemplarisch Boris N. Mironov, Peasant Popular Culture and the Origins of Soviet Authoritarianism, in: Stephen P. Frank/Mark D. Steinberg (Eds.), Cultures in Flux. Lower-Class Values, Practices and Resistance in Late Imperial Russia, Princeton/N. J. 1994, S. 54 - 73.
9.
Vgl. Robert E. Johnson, Peasant and Proletarian: The Working Class of Moscow in the Late Nineteenth Century, New Brunswick 1979; Charters Wynn, Workers, Strikes and Pogroms: The Donbass-Dnepr Bend in Late Imperial Russia 1870 - 1905, Princeton 1992.
10.
Vgl. John Bushnell, Peasants in Uniform: the Tsarist Army as a Peasant Society, in: Journal of Social History, 13 (1980), S. 565f.; Jörg Baberowski, Europa in Rußland. Justizreformen im ausgehenden Zarenreich am Beispiel der Geschworenengerichte, in: Dietrich Beyrau/Michael Stolleis (Hrsg.), Reformen im Rußland des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt/M. 1996, S. 151 - 174.
11.
Zur Schwäche der fragmentierten zarischen Elite vgl. Alfred J. Rieber, The Sedimentary Society, in: Edith W. Clowes/Samuel D. Kassow (Eds.), Between Tsar and People, Princeton 1991, S. 343 - 366; Abraham Ascher, The Revolution of 1905. Russia in Disarray, Stanford 1988.
12.
Vgl. P. N. Miljukov (Anm. 2), S. 18.
13.
Vgl. O. Figes (Anm. 6), S. 209 - 239.
14.
Michail Gersenzon, Schöpferische Selbsterkenntnis, in: Vechi. Wegzeichen. Zur Krise der russischen Intelligenz, hrsg. von Karl Schlögel, Frankfurt/M. 1990, S. 165.
15.
Vgl. Nikolaj Suchanov, Zapiski o revoljucii, Moskva 1991, S. 126. Zur Bedeutung des Krieges für die Revolution vgl. Eric Lohr, Nationalizing the Russian Empire. The Campaign against Enemy Aliens During World War I, Cambridge 2003; Peter Gatrell, A Whole Empire Walking. Refugees during World War I, Bloomington 1999.

Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
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