APUZ Dossier Bild

22.10.2007 | Von:
Jörg Baberowski

Was war die Oktoberrevolution?

Neue Ordnung durch Terror

Einmal an der Macht, standen die Bolschewiki vor den gleichen Schwierigkeiten wie ihre Vorgänger. Sie beanspruchten die Macht, aber sie besaßen sie nicht. Denn den Bauern war es gleichgültig, wer die Bolschewiki waren und wonach ihnen der Sinn stand, solange diese es ihnen erlaubten, Land zu nehmen und Gutsbesitzer zu vertreiben. "Kaum strecken sich aber die kommunistischen Tatzen nach dem Dorf aus, wird der Bauer unangenehm", kommentierte die Lyrikerin Sinaida Hippius das, was im zweiten Jahr der Revolution geschah.[20] Die Freiheitsversprechen, so wie Arbeiter und Bauern sie verstanden hatten, wurden von den Bolschewiki gebrochen. Und weil sie keines der Versprechen einlösen konnten, schmolz die Gefolgschaft rasch dahin. Dabei blieb es nicht. Die Bolschewiki ließen keine Gelegenheit aus, sich neue Feinde zu machen. Sie terrorisierten nicht nur die Angehörigen der alten Elite und Oppositionelle, die sie als Geiseln nehmen und zu Tausenden erschießen ließen. In ihrem Wahn, eine neue Ordnung durch Terror schaffen zu können, unterband Lenins Regime den freien Handel, es bestrafte Händler als Spekulanten, raubte den Bauern das Getreide und schreckte nicht davor zurück, streikende Arbeiter niederschießen zu lassen.[21]

Während des Bürgerkrieges, als sich der Widerstand gegen die Herrschaft der Roten auch militärisch organisierte, standen die Bolschewiki mit dem Rücken zur Wand. Sie waren von Feinden umgeben und wurden der Gewalt nicht mehr Herr, die sie ausgelöst hatten. Und doch entschieden sie den Bürgerkrieg für sich. Wie konnten die Bolschewiki siegen? Warum kam es zu keiner erfolgreichen Erhebung gegen die neuen Machthaber? Hippius gab eine psychologische Antwort: Die Bolschewiki hätten nur überleben können, weil sie angesichts der "schwarzen Unbeweglichkeit" des Volkes, der Apathie der Hungernden und Elenden, jeden Widerstand mühelos hätten brechen können.[22]

Niemand wusste besser als die Bolschewiki selbst, dass ihre Herrschaft ohne Zustimmung auf unsicherem Grund stand. Sie fürchteten das Volk nicht weniger als ihre Vorgänger in der zarischen Regierung, aber sie hatten weniger Skrupel, sich gegen alle Widerstände mit exzessiver Gewalt durchzusetzen. Man könnte auch sagen, dass es ihre Schwäche war, die sie dazu verleitete, Gewalt immerzu und überall einzusetzen. Nur unter den Bedingungen des Krieges konnte eine solche Strategie erfolgreich sein, weil sie den Handlungsgesetzen des Krieges entsprach. Der Krieg war die Lebensform der Bolschewiki. Hätte es ihn nicht gegeben, hätten sie ihn erklären müssen, um zu tun, was sie tun mussten. Denn der Bürgerkrieg war ein Vernichtungskrieg, in dem nur siegen konnte, wer den Gegner vollständig auslöschte. So sahen es nicht nur Lenin und Trotzki, die sich mit der militärischen Niederlage der Weißen und der Bauern nicht zufrieden gaben. In ihrer Skrupellosigkeit und Gewalttätigkeit, ihrer Bereitschaft, der Vernichtungsrhetorik Taten folgen zu lassen, waren die Bolschewiki allen Akteuren des Bürgerkrieges überlegen. Ihr Sieg war ein Vernichtungssieg, der verbrannte Erde, materielle und seelische Verwüstungen hinterließ. Sie gewannen nicht, weil sie über das attraktivere politische Programm geboten, sondern weil sie ihren Widersachern als Gewalttäter überlegen waren und weil sich die hungernde und abgestumpfte Bevölkerung apathisch dem Wahnsinn hingab. "Wir leben", schreibt Hippius, "schon so lange im Strom der offiziellen Worte erdrücken', ersticken', vernichten', zermalmen', ausrotten', im Blut ertränken', ins Grab bringen' usw., daß die alltägliche Wiederholung unflätiger Schimpfworte auf uns keinen Eindruck mehr macht."[23]

Die Bolschewiki profitierten von den Fehlern ihrer Gegner. Die weiße Bewegung war uneinig und zerstritten, ihre Generäle operierten von den multiethnischen Rändern des Imperiums und vertraten die Auffassung, das eine und unteilbare Russland müsse als Zentralstaat wiedererstehen. Den Bauern hatten sie keine attraktive Alternative anzubieten. Solange die Bauern fürchten mussten, dass die Gutsbesitzer zurückkommen könnten, zogen sie die Roten den Weißen vor. Erst nach der Niederlage der Weißen erhoben sich die Bauern gegen die Kommunisten und ihr Terrorregime, denn nun mussten sie die Wiederherstellung der alten Ordnung nicht mehr fürchten. So stand es auch um die nationalen Minderheiten, die sich in den entscheidenden Auseinandersetzungen des Bürgerkrieges auf die Seite der Roten schlugen oder sich neutral verhielten und den Bolschewiki erst im letzten Jahr des Bürgerkrieges entschlossenen Widerstand entgegensetzten.[24]

Erst nach dem Ende des Krieges befassten sich die bolschewistischen Führer mit der Frage, wie sie das Imperium verstaatlichen und unter ihre Herrschaft bringen sollten. Mit Gewalt allein konnte dieser Kraftakt nicht gelingen, denn es kam den neuen Machthabern darauf an, die Bevölkerung nicht nur zu unterwerfen, sondern sie auch zu mobilisieren, sie für sich zu gewinnen und "alte" in "neue Menschen" zu verwandeln. Zu diesem Zweck mussten sie die Untertanen in ihr Ordnungssystem integrieren und sich ihrer Loyalität versichern. Das geschah 1921, als die Regierung den freien Handel wieder zuließ, berechenbare Steuern einführte, kleinere Industriebetriebe privatisierte und den Terror gegen die Bauern vorläufig einstellte.[25]

Zwei Jahre später kam es zur Neuvermessung und Neustrukturierung des Imperiums, das in nationale Republiken und Gebiete eingeteilt wurde. Die Bolschewiki indigenisierten das Vielvölkerreich, indem sie die einheimischen kommunistischen Eliten am Aufbau des neuen Staates beteiligten und sich auf diese Weise Loyalität erkauften. Aber diese Phase der friedlichen Staatsbildung war nur von kurzer Dauer. Am Ende der 1920er Jahre gelangten Stalin und seine Anhänger in der Parteiführung zu der Einsicht, dass die Neue Ökonomische Politik (NEP) und die Indigenisierung des Imperiums den Kontrollbedürfnissen des Zentrums nicht länger entsprach. Sie hatten die Eigenständigkeit der Bauern und der nationalen Republiken gestärkt und das revolutionäre Umgestaltungsprogramm auf unbestimmte Zeit verschoben.[26]

Die bolschewistische Vision vom neuen Staat konnte nur durch den Einsatz von Gewalt und Terror durchgesetzt werden. So sahen es Stalin und seine Gefolgsleute, und sie griffen auf die Gewalttechniken des Bürgerkrieges zurück, um den vermeintlichen Widerstand der Bauern gegen das Projekt des Sozialismus niederzuwerfen.[27] Staatsbildung als Kriegführung - so könnte man auf den Begriff bringen, worin für die Bolschewiki die Essenz des Sozialismus lag. Es waren die Erfahrungen der Revolution und des Bürgerkrieges, die ihnen die Gewissheit gaben, dass der Sieg am Ende den Gewalttätern gehörte. In diesem Sinn war der Stalinismus eine machtvolle Neuinszenierung der Oktoberrevolution und zugleich ihr krönender Abschluss.

Die Bolschewiki zerrissen die dünne Schicht der Zivilisation, die sich in nur einem Jahrhundert über das alte Russland gelegt hatte, sie vernichteten das europäische Russland, seine Eliten und Wertvorstellungen und ersetzten sie durch eine barbarische und maßlose Gewaltherrschaft. Miljukow fand dafür bereits unmittelbar nach dem Ende des Bürgerkrieges eine einleuchtende Erklärung. Die Revolution sei nicht durch den Import europäischer und sozialistischer Ideen in die Maßlosigkeit getrieben worden. "Denn bei allen der in dieser Revolution aufgestellten ultramodernen Programme, Etiketten und Losungen eröffnete die Wirklichkeit der russischen Revolution ihre tiefe und untrennbare Verbindung mit der ganzen russischen Vergangenheit. Wie eine mächtige geologische Umwälzung hat sie die dünne Decke der obersten kulturellen Schichten abgeworfen und die lange unter ihnen verborgenen Schichten hervorgebracht (...). Lenin und Trotzki sind Pugatschow, Rasin, Bolotnikow, dem 18. und 17. Jahrhundert unserer Geschichte, viel näher als den letzten Ideen des europäischen Anarchosyndikalismus."[28] Nur wer die Revolution für eine Auseinandersetzung um die beste aller Welten hält, wird den Sieg der Bolschewiki für ein Mysterium halten.

Fußnoten

20.
Vgl. Sinaida Hippius, Petersburger Tagebuch, Berlin 1993, S. 26.
21.
Vgl. Sergej Melgunov, Krasnyj terror v Rossii 1918 - 1923, Berlin 1923; Delano DuGarm, Peasant Wars in Tambov Province, in: Vladimir N. Brovkin (Ed.), The Bolsheviks in Russian Society, New Haven 1997, S. 177 - 198; Jonathan Aves, Workers against Lenin: Labor Protest and the Bolshevik Dictatorship, London 1996; George Leggett, The Cheka, Oxford 1981.
22.
Vgl. S. Hippius (Anm. 20), S. 31 - 32.
23.
Ebd., S. 85 - 86. Vgl. auch Jörg Baberowski, Kriege in staatsfernen Räumen: Rußland und die Sowjetunion 1905 - 1950, in: Dietrich Beyrau/Michael Hochgeschwender/Dieter Langewiesche (Hrsg.), Formen des Krieges, Paderborn 2007, S. 291 - 309; Stefan Karsch, Die bolschewistische Machtergreifung im Gouvernement Voronez (1917 - 1919), Stuttgart 2006.
24.
Vgl. Donald J. Raleigh, Experiencing Russia's Civil War. Politics, Society, and Revolutionary Culture in Saratov, 1917 - 1922, Princeton 2002, S. 382 - 387; Nikolaus Katzer, Die weiße Bewegung in Rußland, Köln 1999.
25.
Zur Geschichte der NEP-Phase immer noch unübertroffen: Roger Pethybridge, One Step Backward, Two Steps Forward. Soviet Society and Politics under the New Economic Policy, Oxford 1990.
26.
Vgl. Terry Martin, The Affirmative Action Empire: Nations and Nationalism in the Soviet Union 1923 - 1939, Ithaca 2001; Jörg Baberowski, Stalinismus und Nation: Die Sowjetunion als Vielvölkerreich 1917 - 1953, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, (2006) 3, S. 199 - 213.
27.
Vgl. Sheila Fitzpatrick, The Legacy of the Civil War, in: Diane Koenker/William G. Rosenberg/Ronald G. Suny, Party, State and Society in the Russian Civil War, Bloomington 1989, S. 385 - 198; Jörg Baberowski, Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, München 2004(2), S. 53.
28.
P. N. Miljukov (Anm. 2), S. 17.

Oktoberrevolution, Demonstration, Sevastopol, 2016, 1917
NEU: Sammel-Dossier

Oktoberrevolution

Am 7. November 2017 jährte sich die russische Revolution zum 100. Mal. Sie hatte zwei Phasen. Der Untergang des Zarenreichs im März 1917 im Zuge der "Februarrevolution". Und am 7. November 1917 die Machtübernahme der russischen kommunistischen Bolschewiki unter Lenin, die das Ende sozial-liberaler und demokratischer Strömungen besiegelte.

Mehr lesen