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Revolution, Stalinismus und Genozid


22.10.2007
Die Revolution brachte eine Elite an die Macht. Die extremste Gewalt in der sowjetischen Geschichte fand während der "Zweiten Revolution" und dem Aufstieg Stalins zum allmächtigen Diktator statt.

Einleitung



Der 90. Jahrestag der Russischen Revolution weckt gemischte Gefühle, besonders positive sind nicht dabei. Die marode und autokratische Zarenherrschaft, die 1917 in die Knie gezwungen wurde, hatte viele Schwächen, unabhängig von den Belastungen des Ersten Weltkriegs, die ihr Ende besiegelten. Aber wenn man bedenkt, was danach kam, steht das späte kaiserliche Russland unter den Romanows noch vergleichsweise gut da. Zumindest bestand unter den Zaren die Chance auf gesellschaftlichen Fortschritt. Manche Historiker argumentieren, dass die Oktoberrevolution die Weichen für ein leninistisches System gestellt habe, das von seiner Ideologie her reformunfähig gewesen sei; andere sind überzeugt, dass das Fehlen ernsthafter Systemreformen in der poststalinistischen Ära von zufälligen Faktoren sowohl im internationalen Gefüge als auch im Lande selbst abhing.[1] Eines ist unbestritten: Die Revolution der Bolschewiki hat Russland auf einen Pfad falscher Hoffnungen und aufgezwungener Verhaltensweisen geführt, der in eine Sackgasse mündete. Letzten Endes hatten die führenden Politiker Russlands zu Beginn der 1990er Jahre keine andere Wahl mehr, als die historische Niederlage einzugestehen und neu zu beginnen. Dieser schmerzhafte Prozess dauert bis heute an.






Alexander Solschenizyn bemerkte kürzlich, dass der Staatsstreich von 1917 - er weigert sich, von einer "Revolution" zu sprechen - "Russland das Rückgrat gebrochen" habe.[2] Die totalitäre Ideologie des Klassenhasses und der sozialen Umwälzung habe Gewalt geschürt, anstatt geistige Gemeinschaft zu begründen, und Russlands Gesellschaft auseinandergerissen, anstatt sie zu einen. Die Revolution brachte eine konspirative Elite an die Macht, die für die Gefangennahme und den Tod von Zigmillionen ihrer Bürger verantwortlich war.[3]

Mit Ausnahme der militärischen Konflikte des Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs fand die extremste Gewalt in der sowjetischen Geschichte während der Zeit der "Zweiten Revolution" und dem Aufstieg Stalins zum allmächtigen Diktator - 1928 bis 1938 - statt.[4] Doch selbst in der poststalinistischen Ära lebte die Bedrohung durch die Gewalt, die in der Oktoberrevolution ihren Ausgang genommen hatte, auf subtile Art weiter: in der Überwachung der Sowjetbürger; in der strengen Kontrolle der Ausreise, der Bewegungsfreiheit und der Kontakte mit Ausländern; im Zensurapparat sowie in der Infiltration des öffentlichen und privaten Lebens durch die Partei und die Geheimdienste.


Fußnoten

1.
Vgl. Martin Malia, The Soviet Tragedy, New York 1994; ders., History's Locomotives: Revolutions and the Making of the Modern World (ed. by Terence Emmons), New Haven 2006, S. 2. Vgl. auch die Einleitung zu Ronald Grigor Suny (Ed.), The Cambridge History of Russia, vol. III: The Twentieth Century, Cambridge 2006, S. 27 - 64.
2.
Interview mit Alexander Solschenizyn, in: Der Spiegel, Nr. 30 vom 23.7. 2007, S. 98.
3.
Laut Stephane Courtois (in seiner Einleitung zu Das Schwarzbuch des Kommunismus, München 1998, S. 16 - 22) wurden während des Sowjetregimes 20 Millionen Menschen getötet, einschließlich der Opfer der Hungerkatastrophe in den 1930er Jahren. Alexander Jakowlew, der vorher nie gewährten Zugang zu russischen Archiven hatte, schrieb, dass "sich die Anzahl der Menschen, die in der UdSSR aus politischen Motiven getötet wurden oder in Gefängnissen und Gefangenenlagern starben, in der gesamten Ära der Sowjetherrschaft auf 20 bis 25 Millionen belaufen hat. Und zweifellos muss man auch jene hinzuzählen, die verhungert sind - über 5,5 Millionen während des Bürgerkriegs und über fünf Millionen in den 1930er Jahren." Alexander N. Yakovlev, A Century of Violence in Soviet Russia, New Haven 2002, S. 234. Kritik an einigen Zahlen bei Manfred Hildermeier, Stalinizm i terror, in: Stefan Creuzberger u.a. (Hrsg.), Kommunizm, Terror, Chelovek: "Chernaia Kniga Kommunizma" - Diskussionnye stat'i, Kiew 2001, S. 19 - 28.
4.
Vgl. Nicholas Werth, Ein Staat gegen sein Volk. Gewalt, Unterdrückung und Terror in der Sowjetunion, in: S. Courtois (Anm. 3), S. 292.