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22.10.2007 | Von:
Gerd Koenen

Der deutsch-russische Nexus

Politik der Dekomposition

Wenn der Erste Weltkrieg mit der deutschen Kriegserklärung an das Zarenreich begann, dann ergab sich das weniger aus Konflikten zwischen Berlin und Petersburg oder einer virulenten deutschen "Russlandfeindschaft" als vielmehr aus der Konstellation der Großmächte. Tatsächlich war die Frontstellung gegen die Expansionspläne des Zarenreiches als "Hort der Despotie" nur die propagandistische Formel, die es im Juli 1914 ermöglichte, die SPD und das von Zerfallsängsten getriebene Österreich-Ungarn fest an den deutschen Kriegswagen zu ketten. Nachdem die "russische Dampfwalze" im August 1914 schon im Ansatz zum Stehen gebracht worden war, richtete sich die Wut der deutschen Öffentlichkeit mit umso größerer Intensität gegen den "Erzfeind" Frankreich und vor allem gegen das "falsche Albion". Hinter Großbritannien zeichnete sich bereits die mächtige Silhouette Amerikas ab.

Die deutsche Kriegsideologie drehte sich fast ausschließlich darum, einen fundamentalen Gegensatz zwischen dem idealistischen "deutschen Wesen" und dem materialistischen Ungeist des Westens zu konstruieren. Aber auch militärisch, politisch und wirtschaftlich entwickelte sich der Erste Weltkrieg zu einem Krieg Deutschlands gegen einen "Westen", der sich als politisch-ideologische Einheit seinerseits erst in diesem Krieg konstituierte. Umgekehrt erfand sich Deutschland in dieser Konfrontation noch einmal als ein europäisches "Reich der Mitte". Aber diese Mitte, zusammengefasst im Kriegsziel eines von Deutschland beherrschten "Mitteleuropa", war nun materiell und ideell weit nach Osten verschoben. Während im Westen kein Durchkommen war und die Kaiserworte vom "Platz an der Sonne" und von der Zukunft, die "auf dem Wasser" liege, immer hohler klangen, schien der Osten mit seinen von Zerfall bedrohten, riesigen Vielvölkerreichen für eine "Durchdringung" durch Deutschland weit offen zu liegen.

"Mitteleuropa wird im Kern deutsch sein, wird von selbst die deutsche Welt- und Vermittlungssprache gebrauchen", glaubte Friedrich Naumann in seiner programmatischen Beschreibung von 1915. Er untermauerte seine Sicht mit einer historischen Skizze, wonach der absinkende westliche Privatkapitalismus, dessen Welthauptstadt London sei, "den nach ihm kommenden Typ des Kapitalismus" mit seiner höher organisierten "Massenform des (...) Arbeitsmenschentums", dessen Zukunftswerkstatt Berlin sei, mit aller Gewalt am Aufstieg zu hindern suche. Auch der Sozialliberale Naumann nannte das einen "deutschen Sozialismus", den er dem westlichen Kapitalismus entgegenstellte.[2]

Dass das Kriegsziel "Mitteleuropa" immer weiter nach Osten ausgedehnt und immer offensiver formuliert wurde, hatte auch mit Entwicklungen im Russischen Reich zu tun. Während in den Demokratien des Westens von einer mehr oder weniger festen Übereinstimmung zwischen Regierungen und Volksmassen ausgegangen werden musste, war bald offensichtlich, dass die beschworene "ewige" Einheit von Zar und rechtgläubigem Volk tief untergraben war. Die Rede von einer "russischen Revolution" war nach den Ereignissen des Jahres 1905 - in der Verknüpfung von äußerer Niederlage und inneren Unruhen - zur festen Größe geworden. So forderte der Staatssekretär des Äußeren Zimmermann im Herbst 1914 eine Forcierung der Entscheidung im Osten, wo eine kombinierte Politik von Krieg und Revolutionierung zu bedeutenden Erfolgen führen könne, um dann einen "Krieg bis zum äußersten" gegen Frankreich und England zu führen, wie ihn das deutsche "Volksempfinden" fordere.[3]

Die deutsche Politik einer aktiven "Dekomposition" und Revolutionierung Russlands wurde, nachdem sich alle Pläne eines Sonderfriedens mit dem Zaren zerschlagen hatten, mit bemerkenswerter dynastischer Rücksichtslosigkeit formuliert. "Dieser schwache und unaufrichtige Herrscher, dessen Thron wankt (...), hat eine furchtbare Schuld vor der Geschichte auf sich geladen und das Recht auf Schonung von unserer Seite verwirkt", schrieb der deutsche Gesandte in Kopenhagen, Graf von Brockdorff-Rantzau, in einer Denkschrift vom 6. Dezember 1915 an den Reichskanzler. "Der Sieg und als Preis der erste Platz in der Welt ist aber unser, wenn es gelingt, Russland rechtzeitig zu revolutionieren und dadurch die Koalition zu sprengen."[4] Brockdorff-Rantzau war (neben den Gesandten in Bern, Istanbul und Stockholm) für die diskreten Kontakte mit den im Exil lebenden Oppositionellen und Revolutionären Russlands verantwortlich. Unter diesen ragte der russische Sozialist Alexander Parvus-Helphand heraus, ein Führer des Petrograder Arbeiterrates von 1905, der es im Exil in der Türkei zum Millionär gebracht hatte, aber gleichzeitig marxistischer Großtheoretiker geblieben war. Helphand hatte sich der deutschen Sozialdemokratie angeschlossen und war zum Führer einer Fraktion rechter und linker Parteileute geworden, die sich um die Zeitschrift "Die Glocke" scharten. Sie alle sahen in einer Kombination "preußischer Bajonette und russischer Arbeiterfäuste" eine weltgeschichtliche Kombination, die nicht nur den Zarismus als "Hochburg der politischen Reaktion in Europa" zertrümmern, sondern mit vereinten Kräften auch die "alte" kapitalistische Welt des Westens aus den Angeln heben könne, um auf diese Weise einen Weg vom organisierten "Kriegssozialismus" zu einem entwickelten Sozialismus zu eröffnen.[5]

Helphands Erwartungen und Versprechungen, durch die Finanzierung russischer Streik- und Parteikomitees aus dem "Spezialfonds für Propaganda und Sonderexpeditionen" des Auswärtigen Amtes bereits 1915/16 das Zarenreich zu unterminieren, erwiesen sich zwar als weit überzogen, angesichts der Entwicklungen des Frühjahrs 1917 aber doch als prophetisch. Es war Helphand, der im September 1915 (wenngleich nicht als einziger) die indirekte Verbindung zwischen dem in Zürich lebenden Führer der russischen Bolschewiki, Wladimir Uljanow alias Lenin, und Vertretern der deutschen Reichsleitung herstellte.

Fußnoten

2.
Vgl. Friedrich Naumann, Mitteleuropa, Berlin 1915, S. 102 - 112.
3.
Zit. nach: Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918, Düsseldorf 1967 (dritte, vollständig neu bearbeitete Ausgabe), S. 157f.
4.
Brockdorff Rantzau an Bethmann Hollweg, 6.12. 1915, zit. nach: ebd., S. 129f.
5.
Zu Helphand vgl. die bis heute unübertroffene Biographie von Winfried Scharlau/Zbynek B. Zeman, Freibeuter der Revolution. Parvus-Helphand - Eine politische Biographie, Köln 1964.