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22.10.2007 | Von:
Gerd Koenen

Der deutsch-russische Nexus

Zusammenspiel mit den Bolschewiki

Lenin vertrat unbeirrbar den Standpunkt eines "revolutionären Defätismus". Im Zentrum stand seine unzweideutige Feststellung, "dass vom Standpunkt der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen aller Völker Russlands die Niederlage der Zarenmonarchie, der reaktionärsten und barbarischsten Regierung, (...) das kleinere Übel wäre".[6] Es sei die Pflicht aller Revolutionäre, die Bajonette umzukehren und den Krieg in eine Revolution zu überführen.

So beunruhigend und extrem das klang, so wenig musste sich die deutsche Reichsleitung davon betroffen fühlen - zumal Lenin gegen nichts und niemanden so erbittert polemisierte wie gegen die "Pfaffenlosung" eines demokratischen Friedens ohne Annexionen und Kontributionen, die zum Feldzeichen der linken Sozialdemokraten und Kriegsgegner in Deutschland wie in Russland geworden war. Mit Helphand stimmte Lenin auch darin überein, dass der deutsche Imperialismus das avancierte Modell eines "organisierten Kapitalismus" vertrete und dieses gegen seine westlichen Rivalen England und Frankreich verteidige, "die in der kapitalistischen Technik rückständiger" seien und den "russischen Zarismus zum Angriffskrieg, d.h. zum Raub österreichischer und deutscher Gebiete, gedungen" hätten.[7] Das kam der deutschen Kriegspropaganda weit entgegen. Die Hauptsubventionen erhielten Lenin und seine Parteigänger aber nicht aus Zuwendungen der deutschen Reichsleitung, sondern aus den Erlösen des von Helphand über Kopenhagen und Stockholm abgewickelten, lukrativen Blockadehandels. In Helphands Kopenhagener Kontor arbeiteten Georg Sklarz, ein Handelskommissionär des Berliner Reichskriegsamtes, und Jakub Fürstenberg-Hanecki, der für alle finanziellen Transaktionen zuständige Majordomus von Lenins Zürcher Hausstaat, als Geschäftsführer Hand in Hand.[8]

Die deutschen Transferleistungen an die russischen Revolutionäre waren bis 1917 von keiner wesentlichen Bedeutung; so wenig wie die noch sehr viel höheren Subventionen, die zur "Dekomposition" und Unterminierung des britischen Empire ausgegeben wurden.[9] Bedeutung gewann das Zusammenspiel mit den Leninisten erst nach der Februarrevolution und vor allem in der kurzen Ära der Provisorischen Regierung von Alexander Kerenski. In dieser Phase ab April/Mai 1917, also nach der Durchschleusung Lenins und seiner Exilgenossen im "plombierten Waggon", griffen die deutschen Zersetzungsbemühungen an der östlichen Front und die defätistische Propaganda der Bolschewiki mit ihrer "Schützengraben-Prawda" eng ineinander und trugen wesentlich zum Zusammenbruch der Armee des republikanischen Russland und zur "Involution" des Vielvölkerreiches bei.[10] Nur inmitten dieses vollständigen Machtvakuums konnte die kleine, aber wohl organisierte, von charismatischen Führern wie Lenin und Leo Trotzki geleitete Kampfpartei der Bolschewiki im Oktober/November 1917 die Macht erobern.

Fußnoten

6.
Lenin, Der Krieg und die russische Sozialdemokratie, in: Lenin, Werke, Bd. 21, S. 19.
7.
Ders., Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg, in: ebd., S. 3f.
8.
Vgl. G. Koenen (Anm. 1), S. 94 - 97, sowie meine Darstellung der beiderseitigen Verflechtungen: Rom oder Moskau. Deutschland, der Westen und die Revolutionierung Russlands (Diss.), Tübingen 2002, S. 253ff; http://w210.ub.uni-tuebingen.de/dbt/voll texte/2003/1020/ (3.10. 2007)
9.
Vgl. ders (Anm. 1), S. 76f. Bis Januar 1918 waren von insgesamt 382 Millionen Reichsmark etwa 40,5 Millionen für die Revolutionierung Russlands aufgewendet worden.
10.
Vgl. ebd., S. 119f.