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22.10.2007 | Von:
Gerd Koenen

Der deutsch-russische Nexus

Ein deutscher Agent?

Nach dem bolschewistisch inspirierten Umsturzversuch im Juli 1917 hatte die in Bedrängnis geratene Provisorische Regierung versucht, die führenden Bolschewiki, allen voran Lenin, als "deutsche Agenten" zu verhaften. Die Bolschewiki, die ihrerseits Alexander F. Kerenski und seine Regierung als "britisch-französische Agenten" denunzierten, gaben sich wenig Mühe, auf diese Beschuldigungen zu antworten, zumal das zusammengetragene Belastungsmaterial nur sehr bruchstückhaft war. Umso größer war die Hysterie auf Seiten der Alliierten. Im Sommer 1917 und erst recht nach der Machteroberung der Leninisten wurde die Vorstellung einer "deutsch-bolschewistischen Verschwörung" zur alptraumhaften Zwangsvorstellung. Dabei mischten sich - ähnlich wie in der Dreyfus-Affäre in Frankreich um die Jahrhundertwende - germanophobe mit antisemitischen Vorstellungen. Der Topos vom "jüdischen Bolschewismus" wurde nicht nur in den Milieus der russischen Rechten zum Dauerthema, sondern tauchte auch in der alliierten Publizistik auf. Robert Wilton, der Korrespondent der Londoner "Times", die als informelles Regierungsorgan galt, hatte schon kurz nach der Februarrevolution davon gesprochen, dass die "russische Sozialdemokratie ein Ableger des deutschen Marxismus", somit "ihrem Wesen nach unrussisch und weithin aus Angehörigen einer fremden Rasse zusammengesetzt" sei.[11] In einem Leitartikel der "Times" vom 23. November hieß es: "Lenin und mehrere seiner Mitstreiter sind Abenteurer deutsch-jüdischer Herkunft und in deutschen Diensten."[12]

Den sachlichen Hintergrund bot nicht allein die hohe Zahl und prominente Position jüdischer Bolschewiki (die es unter den eher westlich orientierten Menschewiki und Sozialrevolutionären schließlich auch gab), sondern mehr noch das systematische Spiel der deutschen Reichsleitung mit der "jüdischen Karte". Nicht nur unter den diskriminierten, von Pogromen bedrohten und im "Ansiedlungsrayon" eingesperrten Juden Russlands, sondern auch in der ostjüdischen Diaspora in den USA, Großbritannien und Frankreich war der Hass gegen das Zarentum so stark, dass er einer Parteinahme für die Mittelmächte nahe oder gleich kam. Die deutsche Politik war kaltblütig darum bemüht, diese Affekte für ihre Zwecke auszunutzen, wobei antisemitische Vorurteile über die Finanz- und Pressemacht des internationalen Judentums oder über die zersetzende Energie jüdischer Revolutionäre taktisch ins Positive gewendet wurden.[13]

Die Machteroberung der Bolschewiki, die sich unter dem einhelligen Beifall der deutschen Öffentlichkeit vollzog, zumal sie an der Front Züge einer einseitigen Kapitulation trug und mit einem raschen Waffenstillstand in Brest gesichert wurde, löste unter den Alliierten einen Schock aus. Selbst Georges Clemenceau oder Winston Churchill erörterten ernsthaft die Frage, ob der deutsche Imperialismus dabei sei, mithilfe jüdischer Revolutionäre das Russische Reich unter seine Kontrolle zu bringen.[14]

Trotz allen Widerwillens und eigener Besorgnisse war die deutsche Reichsleitung entschlossen, das auf die "moskowitischen" Kerngebiete Russlands zurückgeworfene Minderheitsregime der Bolschewiki an der Macht zu halten. Diese sahen sich nach der Landung alliierter Kontingente im Norden, Fernen Osten und Süden Russlands im Krieg mit den westlichen Alliierten und deklarierten den innerrussischen Bürgerkrieg zu einem "vaterländischen Krieg" gegen eine angebliche gegenrevolutionäre Intervention.

In dieser Situation suchte Lenin ein stilles, taktisches Bündnis mit dem deutschen Kaiserreich, trotz dessen weiträumiger Landnahmen in den ehemaligen westlichen Reichsgebieten vom Baltikum bis zur Ukraine. Für das eigene Land gab er im Mai 1918 die Parole aus: "Lerne vom Deutschen!" Deutschland vertrete eben nicht nur "den bestialischen Imperialismus, sondern auch das Prinzip der Disziplin, der Organisation, des harmonischen Zusammenwirkens auf dem Boden der modernsten maschinellen Industrie, der strengsten Rechnungsführung und Kontrolle". Die Aufgabe der Bolschewiki sei es, "vom Staatskapitalismus der Deutschen zu lernen, ihn mit aller Kraft zu übernehmen", so wie Peter der Große "die Übernahme der westlichen Kultur durch das barbarische Russland beschleunigte, ohne dabei vor barbarischen Methoden des Kampfes gegen die Barbarei zurückzuschrecken".[15] Diese Generallinie spitzte er suggestiv zu: Deutschland und Russland repräsentierten "zwei getrennte Hälften des Sozialismus (...), wie zwei Kücken unter der einen Schale des Imperialismus".[16] Diese beiden "Kücken" waren dazu bestimmt, gemeinsam die Schale des Imperialismus zu durchbrechen.

Irritierend war nicht nur, dass in dieser bolschewistischen Agitation nach Brest von einer prinzipiellen Politik des "revolutionären Defätismus" nicht mehr die Rede war. Stattdessen ergingen sich deutsche und sowjetrussische Unterhändler (federführend der frühere AEG-Ingenieur Leonid Krassin und der nationalliberale Sprecher des "Russlandkonsortiums der deutschen Industrie" Gustav Stresemann) bei ihren Verhandlungen zu den Berliner Zusatzverträgen im Juli/August 1918 in weiten Perspektiven einer strategischen Zusammenarbeit - auch als klar war, dass die Mittelmächte diesen Krieg nicht mehr gewinnen würden. Lenins Politik einer zielstrebigen Verklammerung der Potenziale Deutschlands und Russlands und seine kaltblütige Nutzung der maßlosen Ambitionen des preußisch-deutschen Imperialismus für die Umwandlung des Weltkriegs in einen Weltbürgerkrieg ist in ihrer herostratischen Kühnheit noch kaum wirklich gewürdigt worden. Es ist erstaunlich, dass alle maßgeblichen Arbeiten über das deutsch-bolschewistische Zusammenspiel in der Weltkriegsperiode drei bis vier Jahrzehnte alt sind.[17]

Fußnoten

11.
"Russian social democracy is the offspring of German Marxism. It is essentially un-Russian and largely composed of men of alien race." The Times vom 30.3. 1917, zit. nach: Tania Rose, Aspects of Political Censorship 1914 - 1918, Hull 1995, S. 111.
12.
"Lenin and several of his confederates are adventurers of German-Jewish blood and in German pay." Zit. nach: ebd., S. 112.
13.
Vgl. Egmont Zechlin, Die Deutsche Politik und die Juden im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1969.
14.
Vgl. Léon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, Bd. VIII, Frankfurt/M. 1988, S. 77ff., S. 150ff.
15.
Lenin, Die Hauptaufgabe unserer Tage, in: Lenin, Werke, Bd. 27, S. 150.
16.
Ders., Über ,linke` Kinderei und über Kleinbürgerlichkeit, in: ebd., S. 332.
17.
Vgl. neben den Arbeiten von Fischer (Anm. 3) und Scharlau/Zeman (Anm. 5): Werner Hahlweg, Der Diktatfrieden von Brest-Litowsk und die bolschewistische Weltrevolution, Münster 1960; Winfried Baumgart, Deutsche Ostpolitik 1918. Von Brest-Litowsk bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, München 1966. Auch nach der Öffnung der sowjetischen Archive in den 1990er Jahren hat sich trotz der reichhaltigeren und mit Sicherheit nicht ausgeschöpften Quellenlage niemand an einer präziseren Gesamtdarstellung versucht. Fast alle neueren Arbeiten über das Zusammenspiel von Bolschewiki und deutschen Stellen tragen publizistischen, spekulativen Charakter oder sind Einzelstudien. Am substanziellsten: Gerhard Schiesser/Jochen Trauptmann, Russisch Roulette. Das deutsche Geld und die Oktoberrevolution, Berlin 1998.