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22.10.2007 | Von:
Gerd Koenen

Der deutsch-russische Nexus

Hysterien der Niederlage

Als Erich Ludendorff das Spiel um die Weltmacht Ende September 1918 verloren gab, spielten angesichts der aufflackernden Militärstreiks die Ängste vor einem Übergreifen revolutionärer Stimmungen auf die Truppe eine wesentliche Rolle. Auch für die sozialdemokratischen und bürgerlichen Konkursverwalter des Kaiserreichs stand bei der Ausrufung der demokratischen Republik im November und während der "spartakistischen" Unruhen im Dezember und Januar 1918/19 das Gespenst eines Übergreifens des Bolschewismus auf Deutschland beklemmend im Raum. Allerdings hatten die schrillen Alarmrufe auch die praktische Funktion, bei den westlichen Siegermächten im Vorfeld der Versailler Friedensverhandlungen möglichst milde Konditionen zu erwirken.

Eine Durchsicht der deutschen Russland-Literatur der Jahre 1917 bis 1924[18] - der heißen Phase von Krieg, Revolution und Nachkrieg also - bietet ein anderes Bild als jenes, das sich im Lichte späterer Entwicklungen festgesetzt hat. Inmitten aller Schreckensberichte, die aus dem russischen Bürgerkrieg mit dem Strom der Emigranten und Flüchtlinge nach Deutschland gelangten, findet sich ein Ton empathischer Anteilnahme, den Thomas Mann 1921 mit seiner Formel von der "Kameradschaft zweier großer, leidender und zukunftsvoller Völker"[19] traf. Bolschewismus, vielfach übersetzt mit "Maximalismus", erschien als erzrussisches Phänomen, das eher mit den Romanfiguren und politisch-philosophischen Schriften Dostojewskis als in den Kategorien des Marxismus oder Leninismus zu erfassen war. Besonders Dostojewski stellte sich als Prophet einer "entzauberten" Welt und Kronzeuge gegen eine geist- und seelenlose Moderne derjenigen Nietzsches zur Seite. Man könnte von einer regelrechten "deutschen Dostojewtschina" reden.[20] Herausgeber und Exeget Dostojewskis in Deutschland war nicht zufällig Arthur Moeller van den Bruck, der Vordenker der (später so genannten) "Konservativen Revolution", eines integristischen deutschen Nationalismus. Für Moeller war die "russische Geistigkeit", die in Dostojewski ihre vollkommene Verkörperung gefunden hatte, ein Antidotum gegen das in Deutschland schon tief ins Blut gedrungene, vergiftende Westlertum.[21]

Schaut man die explizit antisemitische Literatur dieser Jahre durch, zeigt sich ein ähnliches Bild. Wenn die russische Revolution inmitten aller anderen Weltverhängnisse, vom Krieg bis zur Inflation, überhaupt besondere Beachtung fand, dann deshalb, weil die Russen als das neben den Deutschen antisemitischste Volk galten. Eben deshalb seien beide Völker erst aufeinander gehetzt und dann unter das jüdische Joch gezwungen worden. Das Kernsegment der deutschen Antisemiten setzte auf eine gemeinsame nationale Erhebung gegen die "rote Internationale" wie die "internationale Demokratie", die beide nur Werkzeuge der "goldenen Internationale" darstellten. Die Hauptsitze dieser finanzkapitalistischen jüdischen Weltenherrscher waren London, Paris und New York.[22]

Noch überraschender ist ein Blick in die Literatur der deutschen Antibolschewisten der ersten Stunde, wie sie etwa in der "Antibolschewistischen Liga" von 1919 versammelt waren. Die Führer der Bolschewiki, allen voran der "Nationalrusse" Lenin, aber auch seine jüdischen Weggefährten wie Trotzki, Radek oder Sinowjew, wurden mit einem deutlichen Ton der Bewunderung beschrieben. Zwar galt es, ihren revolutionären Zugriff auf Deutschland mit aller Macht zurückzuschlagen. Aber schon in der Zeit des polnisch-russischen Krieges von 1920 wurde gegen das "Joch von Versailles" und die französisch-polnische Amputation und Umklammerung des Reiches die Option eines Eventualbündnisses mit Sowjetrussland drohend ins Feld geführt. 1922 sprach der Ex-Ligaführer Eduard Stadtler bewundernd vom "Sowjetfaschismus", den er dem des gerade zur Macht gekommenen Benito Mussolini an die Seite stellte.[23] Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass das revolutionäre Russland die deutsche Rechte mindestens ebenso intensiv beschäftigt und fasziniert hat wie die radikale Linke. Als Prototypus könnte der junge Joseph Goebbels dienen, der in seinem expressionistischen Jugendroman "Michael" von 1923 seinem deutschen Protagonisten den dostojewskihaften russischen Revolutionär Iwan zur Seite stellte. Noch 1925 verglich er Hitler als national-sozialistischen Erlöser Deutschlands mit Lenin als dem Retter Russlands.[24]

Fußnoten

18.
Vgl. Gerd Koenen, Blick nach Osten. Versuch einer Gesamt-Bibliographie der deutschsprachigen Literatur über Russland und den Bolschewismus 1917 - 1924, in: ders./Lew Kopelew (Hrsg.), Deutschland und die russische Revolution 1917 - 1924, München 1998, S. 827 - 916.
19.
Thomas Mann, Russische Dichtergalerie, in: ders., Aufsätze-Reden-Essays, Bd. 3, 1919 - 1925, Berlin (Ost) 1986, S. 284.
20.
Vgl. Gerd Koenen, Bilder mythischer Meister. Zur Aufnahme der russischen Literatur in Deutschland nach Weltkrieg und Revolution, in: ders./L. Kopelew (Anm. 18), S. 763 - 789, sowie das Kap. "Eine deutsche Dostojewtschina", in: ders. (Anm. 1), S. 348 - 371.
21.
Vgl. Arthur Moeller van den Bruck, Die politischen Voraussetzungen der Dostojewskischen Ideen. Vorwort zu F.M Dostojewski, Politische Schriften, München 1917, S. XVIII.
22.
Exemplarisch für diese Argumentationsfigur die Auslassungen des deutschen Herausgebers der "Protokolle der Weisen von Zion": vgl. Gottfried zur Beek (Ludwig Müller von Hausen), Die Geheimnisse der Weisen von Zion, Charlottenburg 1920.
23.
Zur Publizistik und Entwicklung Eduard Stadtlers und der deutschen Antibolschwisten vgl. die Kap. "Mussolini manqué" und "Konservative Revolutionäre" in G. Koenen (Anm. 1); Zitat auf S. 330.
24.
Joseph Goebbels, Nationalsozialismus und Bolschewismus, in: Nationalsozialistische Briefe, 15.10. 1925.