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22.10.2007 | Von:
Gerd Koenen

Der deutsch-russische Nexus

Der deutsch-russische Nexus

Die Politik der Bolschewiki und der von ihnen gesteuerten Internationale, die in ihrer Agitation das geschlagene Deutschland als "Industriekolonie" der Westmächte beschrieb und von einer Fusion nationaler und sozialer Energien den revolutionären Durchbruch erwartete, kam diesen Stimmungen zumindest verbal entgegen. Nur auf der Grundlage eines zweifachen - deutschen wie sowjetrussischen - Revisionismus gegenüber der Versailler Weltordnung war es möglich, dass vor allem die Reichswehr, aber auch Teile der Industrie (speziell die Rüstungsfirmen) eine konspirative Nebenpolitik mit Sowjetrussland betrieben, die über die Vereinbarungen der Verträge von Rapallo (1922) und Berlin (1926) weit hinausgriff und in Krisensituationen wie der Ruhrbesetzung 1923 Züge eines potenziellen Kriegsbündnisses annahm.[25] In der politischen Alltagspraxis und im Kleingedruckten blieben alle diese grandiosen deutsch-russischen Prospekte der 1920er Jahre freilich immer "potenziell" oder auch virtuell.

Hat der deutsch-russische Nexus in der Zeit von Revolution und Nachkrieg den Weg Hitlers zur Macht geebnet? Wohl eher durch die permanente Frustrierung übersteigerter Erwartungen. Erst diese Erfahrung gab der antibolschewistischen Wendung Hitlers einen Anschein von Realismus - auch wenn diese Agitation sich in der Phase seines Aufstiegs zur Macht fast ausschließlich gegen die KPD als Bürgerkriegspartei und kaum gegen das Sowjetrussland Josef Stalins richtete, der den "jüdischen Bolschewismus" eines Trotzki ja gerade erst auf seine Weise erledigt hatte und sich inmitten der Weltwirtschaftskrise zu einer gepanzerten Großmacht neuen Typs erhob. Weit entfernt, einen "neuen Germanenzug" gen Osten wie in "Mein Kampf" zu empfehlen, nutzte Hitler diesen Machtaufbau seines östlichen Rivalen, um sich den Westmächten als Bollwerk zu empfehlen und so die "Fesseln von Versailles" abzustreifen - nur um 1939 im Zeichen der flugs wieder beschworenen "traditionellen deutsch-russischen Freundschaft" den Weltkrieg zu eröffnen.

Fußnoten

25.
Vgl. Manfred Zeidler, Reichswehr und Rote Armee 1920 - 1933. Wege und Stationen einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit, München 1993.