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Das revolutionäre Russland in der Welt


22.10.2007
Das 20. Jahrhundert kann als Zeitalter gelten, in dem das revolutionäre Russland eine neue gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische (Welt-)Ordnung zu errichten suchte.

Einleitung



Die (kommunistische) Bewegung schreitet mit derartigem Tempo voran, dass wir aus Überzeugung sagen können: Bereits in einem Jahr werden wir beginnen, zu vergessen, dass es in Europa überhaupt einen Kampf um den Kommunismus gegeben hat, denn innerhalb eines Jahres wird ganz Europa kommunistisch sein."[1] Das prophezeite Grigori Sinowjew, Präsident der kurz zuvor ins Leben gerufenen dritten Kommunistischen Internationalen (Komintern) im Frühling des Jahres 1919. Für jemanden, der einer politischen Partei angehörte, die 1905 - während der ersten russischen Revolution - in einem Land mit 130 Millionen Einwohnern ungefähr 8.400 und im August 1917, drei Monate vor ihrer Machtübernahme, erst ganze 80.000 Mitglieder zählte,[2] war dies eine forsche Prophezeiung.

Sinowjew war nicht der einzige Optimist unter den Kommunisten: 1919 und 1920 verwandte Wladimir Iljitsch Lenin, der unangefochtene Führer der Partei, ein ungeheures Maß an Energie und Zeit darauf, die Revolution in Europa und anderen Teilen der Welt zu schüren. Auch Lenins Erfolgserwartungen schienen grenzenlos. Als er Anfang 1919 erfuhr, dass in Seattle ein fünftägiger Generalstreik stattgefunden hatte, redete er sich ein, dass in Amerika "Räte nach sowjetischem Muster" errichtet worden seien, "die früher oder später die Macht in die eigenen Hände nehmen werden".[3] Lenin war überzeugt, dass die Kriegsjahre den Kapitalismus unterhöhlt und die Arbeiterklasse radikalisiert hätten.
Petrograd, Mai 1917, Maschinengewehrfeuer, Straßenszene, OktoberrevolutionStraßenszene in Petrograd (später St. Petersburg) im Mai 1917. Menschen suchen Schutz vor Maschinengewehrfeuer. (© picture-alliance/AP)

Heute sind wir geneigt, diese Vorhersagen zu belächeln. Doch im 20. Jahrhundert wurden die revolutionäre Rhetorik Russlands und die Politik der Sowjetunion von vielen nachdenklichen und einflussreichen Menschen im Westen mit großer Besorgnis beobachtet - nicht nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums, sondern auch von liberalen und gemäßigten Sozialisten. Zwischen 1917 und 1991 spielte die Sowjetunion eine entscheidende Rolle bei allen wichtigen Ereignissen, die den Lauf der Weltgeschichte beeinflussten: beim Machtantritt der Nationalsozialisten 1933, im Zweiten Weltkrieg, bei der Teilung Europas, im Kalten Krieg von 1947 bis in die 1980er Jahre, bei der Entwicklung von Atomwaffen, dem Unabhängigkeitsstreben der Kolonien in Afrika, Asien und anderswo sowie in den Konflikten im Nahen Osten. Nur allzu oft ergaben sich aus der Beteiligung der Sowjetunion von den kommunistischen Führern unbeabsichtigte Konsequenzen. So oder so hatte sie einen ungeheuren Einfluss auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts.


Fußnoten

1.
Zit. nach: William Henry Chamberlain, The Russian Revolution, 1971 - 1921, New York 1960, Bd. 2, S. 378.
2.
Vgl. Lenin on the United States, in: Selected Writings by V. I. Lenin, compiled by C. Leiteizen, New York 1970, S. 386.
3.
Vgl. dazu David Lane, The Roots of Russian Communism, Assen 1969, S. 12, sowie Leonard Schapiro, The Communist Party of the Soviet Union, London 1960, S. 171.