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24.9.2007 | Von:
Anne Siemens

Die Opfer der RAF

Wer waren die Menschen, die zu Opfern der Terroristen wurden? Wie dachten sie über Politik und Gesellschaft, über die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit?

Einleitung

In der Nacht zum 14. Oktober 1977 erfährt Gabriele von Lutzau, dass im Austausch gegen sie und die übrigen 90 Geiseln an Bord der Lufthansa-Maschine "Landshut" inhaftierte Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) freigepresst werden sollen.[1] Sie ist Stewardess, damals 23 Jahre alt. Das Flugzeug steht auf dem Flughafen von Bahrain, an Bord verängstigte, verzweifelte Menschen. Es ist heiß in der Maschine. Die Toiletten sind verstopft, es stinkt nach Fäkalien. Der Geruch dringt in Kleidung, Haare, Nase - und wird ein Leben lang in Erinnerung bleiben, so wie die Angst.






Bis heute, sagt Gabriele von Lutzau (52), sei der bleibende Eindruck der Entführung die Hilflosigkeit: "Das Lamm auf der Schlachtbank zu sein, dem gleich die Kehle durchgeschnitten wird - und man sieht, wie die Messer schon gewetzt werden." Die Stewardess, die in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 schließlich von der GSG 9 im somalischen Mogadischu befreit wird, ist eines von zahlreichen Opfern der RAF. Auch wenn die Taten Jahrzehnte zurückliegen, wirken sie nach - bei den überlebenden Opfern wie bei den Angehörigen der Toten.

Durch die RAF wurden in den 28 Jahren ihres "bewaffneten Kampfes" 34 Menschen getötet: Norbert Schmid, Herbert Schoner, Hans Eckhardt, Paul A. Bloomquist, Clyde R. Bonner, Ronald A. Woodward, Charles L. Peck, Andreas Baron von Mirbach, Dr. Heinz Hillegaart, Fritz Sippel, Siegfried Buback, Wolfgang Göbel, Georg Wurster, Jürgen Ponto, Heinz Marcisz, Reinhold Brändle, Helmut Ulmer, Roland Pieler, Arie Kranenburg, Dr. Hanns Martin Schleyer, Hans-Wilhelm Hansen, Dionysius de Jong, Johannes Goemans, Edith Kletzhändler, Dr. Ernst Zimmermann, Edward Pimental, Becky Jo Bristol, Frank H. Scarton, Prof. Dr. Karl-Heinz Beckurts, Eckhard Groppler, Dr. Gerold von Braunmühl, Dr. Alfred Herrhausen, Dr. Detlev Carsten Rohwedder und Michael Newrzella.

Die Terroristen ermordeten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt, deren Fahrer sowie Polizisten, Personenschützer und Soldaten. Edith Kletzhändler etwa wurde nach einem Banküberfall in Zürich zufällig zum Opfer. Zum Zeitpunkt der Tat war aus dem, was als studentische Rebellion gegen überholte Universitätsstrukturen und den Vietnamkrieg begonnen hatte, ein gnadenloser Kampf gegen die Bundesrepublik und ihre Institutionen geworden. Bedingungslos glaubten die Mitglieder der RAF daran, revolutionäre Avantgarde zu sein. Gewaltsam wollten sie die Verhältnisse im Land, ja, der ganzen Welt verändern. Es ist ein dunkles Kapitel bundesdeutscher Geschichte, dessen Ereignisse bis heute präsent sind und Politik und Gesellschaft immer wieder beschäftigen.

Über die Biographien der Täter und ihre Überzeugungen ist vieles bekannt. Die Frage nach den Opfern ist dagegen meist im Hintergrund geblieben. Wer waren die Menschen, die zu Opfern der Terroristen wurden? Wie dachten sie über Politik und Gesellschaft, über die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit?

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag beruht auf: Anne Siemens, Für die RAF war er das System, für mich der Vater. Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus, München 2007.