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24.9.2007 | Von:
Anne Siemens

Die Opfer der RAF

Selbstverklärung und Verharmlosung

Die "Landshut"-Stewardess Gabriele von Lutzau erinnert sich: "Die Gefangenen aus der RAF in Stammheim waren Leute in meinem Alter oder nur unwesentlich älter als ich. Ihre Wurzeln hatten sie in der Bewegung, die ich vor wenigen Jahren noch von ganzem Herzen bewundert hatte." Dem Protest gegen den Vietnamkrieg, der Forderung, die Täter für die Verbrechen im "Dritten Reich" zur Rechenschaft zu ziehen - diesen Zielen der Studentenbewegung hatte Gabriele von Lutzau zugestimmt. Der Bruch kam für sie mit der zunehmenden Gewalt.

Diese Sicht und Kritik teilten viele der Menschen, die zu Opfern der RAF wurden. Der Verteidigungsattaché an der deutschen Botschaft in Stockholm, Andreas von Mirbach, den die RAF 1975 ermordete, hatte Verständnis für die Forderung der Studenten nach Aufarbeitung. Seine Witwe, Christa von Mirbach, sagt: "Ab Mitte der 1960er Jahre hatten sich an den Universitäten die ersten Stimmen geregt, das Verschweigen der Taten und der persönlichen Verantwortungen im Dritten Reich müsse ein Ende haben. Diese Forderung begrüßte Andreas. (...) Es war in seinen Augen ein wichtiger Schritt für die Gesellschaft, sich ehrlich und tiefgehend mit der eigenen Verantwortung auseinander zu setzen - daraus zu lernen und neu zu beginnen."

Auch der Botschaftsrat für Wirtschaft in Stockholm, Heinz Hillegaart, der am 24. April 1975 während des Überfalls und der Geiselnahme nach Andreas von Mirbach zum zweiten Opfer der RAF wurde, hatte Verständnis für die Forderung der Studenten nach Aufarbeitung, für ihren Protest gegen den Vietnamkrieg und ihren Einsatz für Veränderungen der Universitätsstrukturen. Seine Tochter Claudia Hillegaart: "Unser Vater war zwar im Krieg gewesen, aber nie Mitglied der NSDAP. Daher brach für ihn nach dem Ende des Dritten Reichs kein ideologisches Glaubensgerüst zusammen. Das machte es ihm leichter als anderen seiner Generation, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Er erkannte, dass ein Großteil seiner Generation verdrängte und so tat, als hätte es die zwölf Jahre unter Hitler nicht gegeben. Die Menschen richteten sich gemütlich in ihren bürgerlichen Moralvorstellungen ein und blendeten die Frage nach Mitschuld aus. Es verblüffte unseren Vater nicht, dass manche der Jüngeren sich mit diesen in ihren Augen verlogenen Vorstellungen von Moral nicht anfreunden konnten. (...) Den Formen ihres Protests stand er allerdings teils kritisch gegenüber, doch er akzeptierte ihr Recht darauf, ihre Meinung frei äußern zu dürfen."

Noch wenige Tage vor seiner Ermordung hatte Hillegaart mit Studenten aus der Bundesrepublik diskutiert, die sich vor der Botschaft zum Protest versammelt hatten, sagt seine Tochter. Abends sei er zufrieden nach Hause gekommen: Er habe sich mit den jungen Leuten unterhalten können, es sei nach anfänglichen Schwierigkeiten ein guter Austausch gewesen - und man müsse mit dieser Generation mehr reden. Drei Tage später nehmen Siegfried Hausner, Lutz Taufer, Hanna Krabbe, Ulrich Wessel, Karl-Heinz Dellwo und Bernhard Rössner, mit Pistolen und Sprengstoff bewaffnet, elf Geiseln in der deutschen Botschaft. Sie fordern die Freilassung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und 23 weiteren Terroristen. In der ersten Hälfte der 1970er Jahre waren die führenden Köpfe der RAF in der Bundesrepublik festgenommen worden - so wie die Mehrzahl der Mitglieder der ersten Generation. Die Spirale der Gewalt drehte sich dennoch weiter. Denn in der "zweiten Generation" der RAF, die in dieser Zeit nachrückte, hatte sich die Überzeugung gefestigt, ihre inhaftierten Genossen befreien zu müssen. Das wurde in den folgenden Jahren zum Hauptziel.

24. April 1975, mittags: Um die schwedischen Polizeibeamten, die sich in den unteren Etagen des Gebäudes aufhalten, zum Rückzug aus der Botschaft zu zwingen, droht das RAF-Kommando, Andreas von Mirbach zu erschießen. Seit Herbst 1974 hatte er ernstzunehmende Warnungen erhalten, das Leben der Botschaftsangehörigen in Stockholm sei bedroht. Das Bundeskriminalamt hatte die Sicherheitsmaßnahmen in der Botschaft trotz dieser Anzeichen der Bedrohung nicht erhöht. Nachdem sich die schwedische Polizei auch nach erneuter Aufforderung nicht zurückgezogen hat, feuern zwei Terroristen mehrere Schüsse auf Andreas von Mirbach ab. Er stirbt am späten Nachmittag in der Stockholmer Universitätsklinik. Heinz Hillegaart wird, nachdem der Krisenstab unter Bundeskanzler Helmut Schmidt die Forderungen der RAF ablehnt, von den Terroristen an ein Fenster der Botschaft geführt und erschossen. Wenige Stunden später explodiert der von dem RAF-Kommando in der Botschaft installierte Sprengstoff. Ulrich Wessel kommt bei der Explosion ums Leben. Bis heute ist nicht geklärt, wer sie ausgelöst hat. Eine der Thesen lautet, die Täter hätten es versehentlich selbst getan. Siegfried Hausner erliegt einige Wochen nach der Explosion seinen Verletzungen. Die überlebenden Terroristen Dellwo, Rössner, Krabbe und Taufer werden wegen gemeinschaftlichen Mordes in zwei Fällen sowie Geiselnahme und versuchter Nötigung eines Verfassungsorgans zu zweimal lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilt. Ungeklärt ist bis heute - wie in vielen Mordfällen der RAF -, wer von den Tätern geschossen hat. Rössner wird 1994 von Bundespräsident Richard von Weizsäcker begnadigt. Taufer und Dellwo kommen 1995 vorzeitig aus der Haft; Krabbe wird 1996 vorzeitig entlassen.

In dem 2003 gedrehten Dokumentarfilm des schwedischen Regisseurs David Aronowitsch schildert Dellwo seine Version der Geschichte. Er spricht von den Idealen, mit denen er nach Stockholm gereist sei, und von der Gerechtigkeit, für die er kämpfen wollte. Zur Ermordung der beiden Botschaftsangehörigen gibt er an, es sei ein politischer und moralischer Fehler gewesen, dass die Diplomaten Andreas von Mirbach und Heinz Hillegaart erschossen wurden. Clais von Mirbach, der Sohn, sagt dazu: "Ganz so 'harmlos', wie es der Begriff 'erschießen' nahe legen möchte, war es aber nicht. Zwar ist jeder Mord bereits an sich grausam, doch macht es auch einen Unterschied, wie er geschieht. Meinem Vater haben die Mörder Kugeln in Kopf und Rücken, Arme und Beine geschossen, ihn kopfüber eine Steintreppe hinuntergeworfen und dort halbtot liegen und leiden lassen. Heinz Hillegaart haben sie theatralisch zum Fenster marschieren lassen, um ihn in Todesangst angeblich eine Botschaft ausrichten zu lassen, während sie ihn kaltblütig von hinten in den Kopf schossen. Diese Fakten führen die Selbstdarstellung der Terroristen als menschenfreundliche Idealisten, die höherer Ideale zuliebe gegen ihren eigenen Willen geradezu zum Kampf gezwungen wurden, ad absurdum."

Zu einer Äußerung Rössners während eines Fernsehinterviews im ZDF im Jahr 1994, er empfinde keine Reue und kein Bedauern gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen - "Krieg ist Krieg und vorbei ist vorbei", und wer seien überhaupt die Opfer? Die Opfer seien die Armen und die Vernachlässigten dieser Gesellschaft, heute sei Gewaltanwendung allerdings die falsche Methode, politische Ziele zu erreichen -, erklärt Clais von Mirbach: "Ich bin sehr dafür, dass jeder seine Meinung öffentlich sagen darf, auch wenn sie abwegig ist. Das soll für jeden gelten, auch für die Mörder meines Vaters. Ich wünschte mir aber, dass die Öffentlichkeit solchen Selbstverklärungen und Verharmlosungen entschiedener entgegenträte. Rechtsradikalen Tätern ließe man derlei aus gutem Grund nicht durchgehen, Linksradikale umweht eine nicht gerechtfertigte Aura der Nachsicht und des Verständnisses. Auch rechtsradikale Täter versuchen, sich als Opfer zu gerieren; gleichwohl sind die Opfer andere, und sie sollten bei aller Täterfixiertheit nicht vergessen werden. Für meinen Vater war das Leben mit dem Überfall auf die Botschaft für immer zu Ende. Seine Angehörigen erhielten auf ihre Weise 'lebenslang', nicht im rechtlichen Sinne wie die Mörder, sondern im buchstäblichen Sinne. Auslöser war der Mordentschluss von Menschen, die meinen Vater nicht einmal kannten. Es reichte, in ihm einen 'Repräsentanten des Schweinesystems' zu sehen. Er war aber kein 'Schwein', er hatte nie in seinem Leben jemandem etwas zuleide getan, schon gar nicht den Tätern selber. Er hatte es sich im Gegenteil zur Aufgabe gemacht, auch ihre Freiheitsrechte notfalls mit der Waffe in der Hand zu verteidigen."

Dagegen hätten alle überlebenden Mörder seines Vaters die Möglichkeit, nach der Haft noch einmal neu anzufangen, so von Mirbach: "Die Mörder zeigen dies selber ganz offensiv. Im Film Stockholm '75' gewährt Karl-Heinz Dellwo dem Zuschauer auch Einblick in seinen Alltag. Er zeigt seine Lebensgefährtin, die aus dem gleichen Umfeld kommt wie er. Das Signet der RAF ist während des Interviews minutenlang in seiner Küche zu sehen. Man stelle sich einen rechtsradikalen Mörder vor, der in seiner Wohnung einschlägige Zeichen aus der Naziszene vorzeigt. Diese plakative Verklärung des Revolutionären wird bekräftigt durch seine aktuellen öffentlichen Äußerungen zu politischen Ereignissen. Dellwo stellt sich nicht nur in Fernsehinterviews und Filmen dar, er gibt Radiointerviews zu allgemeinen Themen, hält Vorträge über politischen Widerstand in der Nachkriegszeit' und diskutiert öffentlich über Hartz IV. Dellwo sieht sich offenbar immer noch auf einer moralisch höheren Stufe als den Großteil der Gesellschaft, als einer, der Ungerechtigkeiten aufdeckt und diese von seiner überlegenen Warte herab kommentiert. In jedem Moment profitiert er dabei von den rechtsstaatlichen Grundsätzen unseres Landes, die er zwar vor rund dreißig Jahren noch zerstören wollte, die aber seine vorzeitige Haftentlassung ermöglichten und die ihm Unterstützung durch öffentliche Gelder gewähren. Ich will nicht missverstanden werden: Ich gönne Karl-Heinz Dellwo seinen Neuanfang. Ich bekomme meinen Vater nicht dadurch zurück, dass es den Tätern schlecht geht. Doch mich wundert, dass ehemalige oder Noch-Mitglieder der RAF auf diese Weise Selbstdarstellung betreiben können, ohne dass die Gesellschaft sie in ihre Schranken weist."