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24.9.2007 | Von:
Anne Siemens

Die Opfer der RAF

Die Verantwortung der Intellektuellen

Corinna Ponto, die Tochter des am 30. Juli 1977 ermordeten Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Jürgen Ponto, sagt: "Wer einmal Opfer wurde, kann nie Ex-Opfer sein. Bei den Tätern wird heute doch vielfach von 'ehemaligen' Terroristen gesprochen. Dieses 'Ex' ist ein Privileg. Ich kenne keinen Ex-Mörder, auch keinen Ex-Kindesentführer. Ex-Terroristen nennen sie sich aber alle, die in der RAF waren und heute wieder in unserer Gesellschaft leben. Das Ex verwandelt sozusagen ein Minusvorzeichen in ein mir unbekanntes, diffuses Plus. Hat denn ein ehemaliger Terrorist einen klugen Appell an die nächste Generation gerichtet? Oder hat irgendein Ex-Terrorist wahrnehmbar eine Antiterrorismus-Bewegung in Gang gebracht?"

Jürgen Ponto wurde erschossen, als ein Kommando der RAF am 30. Juli 1977 versuchte, ihn zu entführen. Er hatte sich gewehrt. Dem Kommando gehörten Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und Susanne Albrecht an. Es war die Perfektion der Heimtücke: Albrecht ist die Tochter eines alten Schulfreundes von Jürgen Ponto. Dass sie Mitglied der RAF war, ahnte er nicht. So konnten sich die Terroristen unverdächtig Eintritt zum Hause Ponto verschaffen. Sie setzten nach der Ermordung Pontos und dem verfehlten Ziel seiner Entführung weiter alles daran, die inhaftierten Mitglieder der ersten Generation der RAF, darunter Ensslin und Baader - Ulrike Meinhof hatte im Mai 1976 Selbstmord begangen -, freizupressen.

Wenig später, am 5. September 1977, wird der Arbeitgeberpräsident, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) und Vorstandsmitglied von Daimler Benz, Hanns Martin Schleyer, entführt. Im Austausch gegen ihn verlangt das RAF-Kommando "Siegfried Hausner" die Freilassung der inhaftierten RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe, Verena Becker, Werner Hoppe, Karl-Heinz Dellwo, Hanna Krabbe, Bernhard Rössner, Ingrid Schubert, Irmgard Möller und Günter Sonnenberg. Der Krisenstab im Bundeskanzleramt spielt in den Verhandlungen mit den Entführern auf Zeit und hofft, dass in der Zwischenzeit das Versteck Schleyers entdeckt und die Geisel befreit werden kann. Die Ereignisse eskalieren und zwingen zum Handeln, als ein vierköpfiges arabisches Entführerkommando zur Unterstützung der Forderungen am 13. Oktober 1977 das Lufthansa-Passagierflugzeug "Landshut" auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt am Main entführt. In Aden erschießt der Anführer der Terroristen den Flugkapitän Jürgen Schumann. Die Flugzeugentführung endet am 18. Oktober 1977 in Mogadischu. Es gelingt Beamten der GSG 9, die Geiseln zu befreien. Bis auf ein Mitglied des Entführerkommandos werden die Terroristen während der Flugzeugerstürmung erschossen.

Die in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder Baader, Ensslin und Raspe begehen nach Bekanntwerden der Nachricht von der Geiselbefreiung in Mogadischu noch in derselben Nacht Selbstmord. Im Umfeld der RAF verbreitet sich die These von der staatlichen Hinrichtung. Am Abend des 19. Oktober 1977 wird die Leiche des erschossenen Hanns Martin Schleyer im französischen Mühlhausen im Kofferraum eines Autos gefunden. Über Wochen hat die Entführung Schleyers, haben die Fotos seiner Geiselhaft, mit denen die RAF belegt, dass er noch am Leben ist, die Titelseiten der Zeitungen gefüllt: Die Bilder dokumentierten, wie leidvoll es für Schleyer war, auf eine Entscheidung der Bundesregierung zu warten. Am 19. Oktober 1977 gibt die RAF eine Erklärung ab: "Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Péguy in Mühlhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen (...)."

Hanns-Eberhard Schleyer, der älteste Sohn, sagt heute: "Es gibt die ganz persönliche Bewältigung von Verlust, eine emotionale Aufarbeitung der Geschehnisse, die für die Öffentlichkeit verborgen in einem selbst und mit der Familie stattfindet. Sicht- und hörbar wollte ich mich allerdings mit den Intellektuellen auseinandersetzen, die in den Jahren vor der Ermordung meines Vaters zur zunehmenden Radikalisierung der Studentenbewegung beigetragen hatten. Auch das war neben dem Persönlichen ein wichtiger Schritt der Aufarbeitung für mich. Ich sprach nach dem Herbst 1977 mit vielen Literaten und Universitätsprofessoren, die sicher keine klammheimliche Sympathie für die Ermordung meines Vaters empfanden, aber für sich immer in Anspruch genommen hatten, man könne nur aus einer radikalen Position heraus Veränderungen herbeiführen. Das war mein Vorwurf an die Intellektuellen: nicht erkannt zu haben oder erkennen zu wollen, dass sie - die Intellektuellen und geistigen Führer der Studentenbewegung - mit ihren plakativen Positionen auch einen erheblichen Einfluss auf Teile der studentischen Jugend ausgeübt und damit eine besondere Verantwortung hatten. Was sie gesagt und geschrieben hatten, war Baustein des ideologischen Fundaments der RAF geworden, die sich als revolutionäre Avantgarde sah - legitimiert, mit allen Mitteln das bestehende System anzugreifen. Eines meiner Argumente in all diesen Erörterungen mit Intellektuellen war immer wieder: 'Wie reagiert ihr denn, wenn Menschen aus dem rechtsextremen Umfeld für sich in Anspruch nehmen würden: Dieser Staat ist so repressiv - wir können ihn gar nicht mehr auf einem demokratischen Wege zu ändern versuchen. Wir können es nur noch mit Gewalt. Würdet ihr sie auch in ihrer Position unterstützen?' Mit dem Publizisten Jean Améry hatte ich einmal eine öffentliche Diskussion, und gegen Ende räumte er ein, er sei sich nicht bewusst gewesen, welchen Einfluss er auf die jungen Leute gehabt habe: 'Ich hätte wissen müssen, dass bestimmte Thesen und Aussagen in ihrer plakativen Form so ernst genommen werden würden, dass daraus bestimmte Handlungen entstehen. Und das bedauere ich zutiefst', sagte er mir. Auch mit Heinrich Böll gab es ein Gespräch, auch er änderte seine Haltung."

Diese Form der intellektuellen Auseinandersetzung habe es vor 1977 nicht gegeben, so Schleyer - und vor allem seien die geistigen Väter der Studentenbewegung nicht bereit gewesen, Verantwortung zu übernehmen: "Man hatte sich vor dem Deutschen Herbst theoretisch mit den Mitscherlichs, mit Marcuse und Adorno beschäftigt, es gab auch die eine oder andere Debatte im Feuilleton, aber eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Meinungsbildnern der Studentenbewegung war ausgeblieben. Sie begann erst nach den Morden des Jahres 1977. Bei vielen - ich nenne sie Multiplikatoren - haben erst diese Gewalttaten dazu geführt, dass auf ihrer Seite überhaupt eine Diskussionsbereitschaft aufkeimte. Es hatte für mich etwas Versöhnliches und Sinngebendes, dass Bewegung in die gesellschaftliche Debatte kam. Nun wurde das Phänomen Terrorismus und politisch motivierte Gewalt auf einer viel breiteren Basis diskutiert, und viele der Intellektuellen, die sich über die 1950er bis 1970er Jahre nicht nur für eine Aufarbeitung des Dritten Reichs eingesetzt hatten, sondern auch für eine nachhaltige Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland, trennten sich im Zuge dieser Debatte von einer bestimmten Radikalisierung ihrer Positionen und räumten ein: 'Nein, so kann das nicht funktionieren. Wir müssen akzeptieren, dass Demokratie nach Mehrheiten funktioniert.' Der Deutsche Herbst war eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Denn ich bin davon überzeugt, dass sich nach dem Herbst 1977 die Art, wie die RAF, die Bewegung 2. Juni oder die Revolutionären Zellen wahrgenommen wurden, veränderte. Die öffentliche Aufmerksamkeit und vor allem die Bereitschaft junger Menschen im Sympathisantenfeld, zuzuhören und Solidarität mit Baader-Meinhof zu demonstrieren und zu praktizieren, schwanden. Auch im linken Umfeld wurde erkannt, dass die behauptete Logik revolutionärer Gewalt ein Irrweg war. Und es wurde bis ins Sympathisantenfeld hinein erkannt, dass mit Schüssen oder Bomben auf jemand wie Gerold von Braunmühl oder Alfred Herrhausen allein die Angehörigen und Freunde der Ermordeten getroffen wurden, nicht aber der Staat."