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24.9.2007 | Von:
Anne Siemens

Die Opfer der RAF

Moral und Heldennimbus

Das RAF-Grundsatzpapier "Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front" leitete zu Beginn der 1980er Jahre eine neue Phase des Terrors ein. Eine "dritte Generation" hatte sich gebildet. Die meisten Mitglieder der zweiten Generation waren mittlerweile in Haft. Fortan sollte sich der behauptete Befreiungskampf der RAF "gegen den Imperialismus in Europa" richten. Ziel der Terroristen war die Bildung einer antiimperialistischen Front - grenzüberschreitend in ganz Europa.

Am 10. Oktober 1986 wird Gerold von Braunmühl, Politischer Direktor im Auswärtigen Amt in Bonn, von zwei vermummten Personen vor seinem Haus erschossen. Das RAF-Kommando "Ingrid Schubert" bekennt sich zu dem Attentat und begründet den Mord unter anderem damit, von Braunmühl sei ein "Vertreter des militärisch-industriellen Komplexes" gewesen. Einen Monat nach dem Mord veröffentlicht die Familie von Braunmühl den von den Brüdern unterzeichneten offenen Brief "An die Mörder unseres Bruders." Die "tageszeitung" druckt den Brief.

"Dort war die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Brief von den Tätern und von Menschen aus dem Sympathisantenfeld gelesen wird," erklärt der Sohn des Ermordeten, Patrick von Braunmühl. Über das Motiv seiner Familie sagt er: "Da es kein natürlicher Tod war, den mein Vater gestorben ist, ist automatisch auch das Bedürfnis da, sich mit den Tätern und den Motiven - der Frage des Warum' auseinander zu setzen. Aus diesem Bedürfnis wuchs der Wunsch, das auch öffentlich zu tun. Wir wollten die Terroristen zur Rede stellen und ihren Argumenten im Bekennerschreiben etwas entgegensetzen, ihnen aufzeigen: Euer Weltbild ist absurd.' Wir wollten die Argumente der Täter, ihre avantgardistische Moral und ihren Heldennimbus entlarven. Die Art, in der sie meinen Vater im Bekennerschreiben dargestellt hatten - als Geheimdiplomat im Zentrum des militärisch-industriellen Komplexes des imperialistischen Gesamtsystems -, hatte nichts mit seiner Person gemein. (...) Wir wollten den Tätern auch klar sagen: Ihr habt jemandem das Leben genommen, der eine Familie hat, und damit habt ihr auch im persönlichen Umkreis des Opfers Schlimmes angerichtet' - es war uns wichtig, auch diese Dimension der Tat aufzuzeigen."

Sein Vater, sagt Patrick von Braunmühl, sei ein Mensch gewesen, bei dem Meinung und Handeln stets übereinstimmten. "Er war ein sehr integrer Mensch, mit analytischem Scharfsinn und großer Gesprächsbereitschaft. Für mich war und ist es unglaublich, dass die RAF, die angeblich für eine gerechtere Welt kämpfte, einen Mord begeht an meinem Vater, den ich stets als politischen Idealisten gesehen habe. Die Berufswahl meines Vaters hatte sehr viel mit seinem eigenen Schicksal zu tun - dem Erleben des Zweiten Weltkriegs als Kind und der Zeit danach. Die Familie lebte damals in Schlesien im heutigen Polen. Die Gräuel der Deutschen während des Kriegs und die Hass- und Rachegefühle der Polen in der Folgezeit, die die deutsche Zivilbevölkerung während der Vertreibung zu spüren bekamen, prägten ihn. Er wollte daran arbeiten, dass ein solcher Krieg nie wieder vorkommt, und sich für den Dialog zwischen den Völkern einsetzen. Da lag der Wunsch nahe, im Auswärtigen Dienst zu arbeiten. Dieser Wunsch hatte sich bei ihm schon zu Schulzeiten entwickelt. Er war ein sehr politisch denkender Mensch, dem die Aufarbeitung der Nazivergangenheit ein wichtiges Anliegen war. Er hat sich oft über das Großmachtgehabe der USA geärgert und deren Militäreinsätze damals in Grenada und Libyen sehr verurteilt. In seinem Beruf hat sich mein Vater sehr engagiert. Sein Leben hat er ganz der politischen Arbeit gewidmet. Das war kein Karrierestreben. Es ging meinem Vater wirklich um die Sache, und er hat sich mit jedem politisch Andersdenkenden auch gern und intensiv auseinandergesetzt. Er hätte vielleicht sogar mit den Terroristen diskutiert, wenn sie nicht gleich geschossen hätten."

Am 20. April 1998 erklärt die RAF ihre Auflösung. "Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte (...). Ab jetzt sind wir (...) ehemalige Militante der RAF", steht in dem bei der Nachrichtenagentur Reuters eingegangenen Schreiben. Es wird von Experten als authentisch bewertet. Die Bilanz von 28 Jahren bewaffnetem Kampf: viele Tote und Verletzte. 500 Millionen Mark Sachschaden. 31 Banküberfälle, Beute: sieben Millionen Mark. 104 von der Polizei entdeckte konspirative Wohnungen. 180 gestohlene PKW, dazu über eine Million Asservate - Geld, Waffen, Sprengstoff, Ausweise.

Zu den Folgen des Terrorismus zählen weit reichende Eingriffe in das Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland und eine Veränderung des innenpolitischen Klimas. Die Auflösungserklärung der RAF enthält das Eingeständnis der Terroristen, keinen Weg zur Befreiung aufgezeigt zu haben - den Toten aus den eigenen Reihen wird gedacht und Helfern und Sympathisanten gedankt. Für die RAF endet die Geschichte hier. Auch zum Zeitpunkt der Auflösung beruft sie sich darauf, in der Bundesrepublik gewalttätige Verhältnisse vorgefunden zu haben, die nur mit der Gewalt der Revolte zu beantworten gewesen seien.

Über die RAF und ihre behauptete Legitimation sagt Patrick von Braunmühl: "Wie man in einen solch weltfremden politischen Mikrokosmos hineingeraten kann wie die RAF, das ist für mich nicht nachvollziehbar. (...) Es ist absurd, wie die Bundesrepublik, die im Vergleich zu vielen anderen Staaten doch eine relativ gut funktionierende Demokratie ist, derart verteufelt werden konnte - und das sich daraus die Idee, in den Widerstand gehen zu müssen, entwickelt hat. (...) Die einzige wirkliche Konsequenz sind der Schmerz und der Verlust für die Angehörigen."