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31.8.2007 | Von:
Peter Sitzer
Wilhelm Heitmeyer

Rechtsextremistische Gewalt von Jugendlichen

Rechtsextremistische Gewalttaten Jugendlicher werden vorwiegend von männlich geprägten Gruppen verübt. Neben den besonderen Handlungsbedingungen und den "Gewaltgelegenheiten" ist vor allem die individuelle Sozialisation der Täter entscheidend.

Einleitung

Rechtsextremistische Orientierungen sind charakterisiert durch die Verbindung von Ideologien der Ungleichwertigkeit[1] der Menschen mit zumindest der Akzeptanz von Gewalt als Handlungsform.[2] Die Abwertung gesellschaftlicher Minderheiten kann als Vorstufe für rechtsextremistische Orientierungen interpretiert werden, insbesondere wenn feindselige Einstellungen sich mit Gewaltbilligung und Gewaltbereitschaft mischen.




Im GMF-Survey 2006[3] äußerten sich 30,1 % der Befragten fremdenfeindlich, 7,6 % rassistisch und 5,2 % antisemitisch. 12,2 % lehnten Homosexuelle, 10,2 % Obdachlose und 2 % Behinderte ab. 34,1 % der Befragten sympathisierten mit Etabliertenvorrechten, und 16,3 % stimmten sexistischen Aussagen zu. Zwar sind Gewaltbilligung und -bereitschaft weniger verbreitet,[4] aber sie kommen wie die menschenfeindlichen Einstellungen in allen Altersgruppen vor.[5]




In einer ebenfalls 2006 durchgeführten repräsentativen Bevölkerungsumfrage finden auch explizit rechtsextremistische Aussagen teilweise deutliche Zustimmung:[6] 4,8 % der Befragten befürworten eine rechtsautoritäre Diktatur, 19,3 % stimmen chauvinistischen, 4,5 % sozialdarwinistischen Aussagen zu und 4,1 % verharmlosen den Nationalsozialismus. Freilich schlagen menschenfeindliche Einstellungen, rechtsextremistische Orientierungen und auch Gewaltakzeptanz und -bereitschaft nicht zwangsläufig in Gewalthandlungen um. Gleichwohl deuten die quantitative Entwicklung rechtsextremistischer Straftaten und Tatverdächtigenstudien, die wir im ersten Teil dieses Beitrags referieren werden, darauf hin, dass diese gesellschaftlich vorhandenen Überzeugungen einen Legitimationsfundus darstellen, der insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Gewalt mündet. Im zweiten Teil der Arbeit wird dieser Vorgang anhand eines fünfstufigen Prozessmodells analysiert. Das Modell bildet grundlegende Handlungsvoraussetzungen, Handlungskontexte und Eskalationsfaktoren für rechtsextremistische Gewalt ab. Auf dieser strukturierenden Folie werden zentrale Befunde der Forschungen über rechtsextremistische Gewalttäter aus Deutschland skizziert. Aus analytischen Gründen werden die Grundelemente des Prozessmodells (Sozialisation, Organisation, Legitimation, Interaktion und Eskalation) gesondert bearbeitet, obwohl sie einen Zusammenhang bilden. Abschließend wird im dritten Teil rechtsextremistische Gewalt aus der Perspektive der Theorie Sozialer Desintegration interpretiert.[7]

Fußnoten

1.
Ideologien der Ungleichwertigkeit sind das Kernstück verschiedener Facetten rechtsextremistischer Ideologien wie Rassismus (Abwertung anderer aufgrund der Bewertung biologischer Unterschiede), Antisemitismus (Abwertung vom Menschen jüdischer Herkunft oder Religion), Ethnozentrismus (Eigene Aufwertung durch Reklamation kultureller oder ökonomischer Leistung), Fremdenfeindlichkeit (Abwehr von Konkurrenz um Positionen, Plätze etc. aufgrund anderer ethnischer Herkunft), Heterophobie (Angst vor und Abwertung von Norm-Abweichung) und Etabliertenvorrechte (Reklamierung von raum-zeitlicher Vorrangstellung gegenüber Neuen).
2.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen Sozialisation, Weinheim-München 1987, S. 16.
3.
GMF = Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Der GMF-Survey befragt über einen Zeitraum von 10 Jahren (2002 - 2011) jährlich 2 000 repräsentativ ausgewählte Personen in Deutschland zu menschenfeindlichen Einstellungen. Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Ein normaler Dauerzustand?, in: ders. (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 5, Frankfurt/M. 2007. Angegeben sind die prozentualen Zustimmungen nach strengen Kriterien, also nur von den Befragten, die allen Aussagen der entsprechenden Skala eher oder voll und ganz zugestimmt haben. Wir danken Sandra Hüpping für die Berechnungen.
4.
Vgl. Franz Asbrock/Sandra Hüpping, Deutsche Zustände - Unsere Gesellschaft: Unsicher und feindselig?, Vortrag präsentiert bei der Friedrich-Ebert Stiftung in Saarbrücken am 19. 4. 2007.
5.
Vgl. Kirsten Endrikat, Jüngere Menschen, größere Ängste, geringere Feindseligkeit, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 4, Frankfurt/M. 2006.
6.
Vgl. Oliver Decker/Elmar Brähler/Norman Geißler, Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellung und ihre Einflussfaktoren in Deutschland, Berlin 2006.
7.
Die Abbildung basiert auf den Verfassungsschutzberichten 1983, 1984, 1993 bis 1995 und 2001 bis 2006 des Bundesministeriums des Innern sowie dem Ersten periodischen Sicherheitsbericht des Bundesministeriums des Inneren und des Bundesministeriums für Justiz von 2001. Angegeben ist jeweils das Erscheinungsjahr.