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31.8.2007 | Von:
Kurt Möller
Nils Schuhmacher

Ein- und Ausstiegsprozesse rechtsextremer Skinheads

Skinheads stehen in der öffentlichen Meinung für das Problem des gewalttätig auftretenden jugendlichen Rechtsextremismus. Wie orientiert sich die Skinhead-Szene kulturell und politisch und wie verläuft der Ein- und Ausstieg?

Einleitung

Was Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher über Skinheads wissen, stammt vorrangig aus den Medien - sofern sie nicht selbst dieser Jugendkultur angehören oder anderweitig Erfahrungen mit ihr gesammelt haben. Das Bild in der öffentlichen Meinung ist glasklar: Wo "Skinhead" drauf steht, ist "Rechtsextremismus" drin. Für kritische Medienrezipientinnen und -rezipienten handelt es sich allerdings um ein unscharfes Bild, geben doch "organisierte Anschauungsweisen"[1] wie die Figur des wilddreisten Glatzkopfes in Bomberjacke, Krempeljeans und derben Stiefeln nur sehr eingeschränkt die Wirklichkeit wieder. Das auf ihnen fußende Wissen erscheint lückenhaft und "schief". Erst recht nicht trägt es zum Verständnis darüber bei, wie und warum Jugendliche zu einer rechtsextremen Orientierung gelangen und warum diese etwa mit einer Hinwendung zur Skinheadkultur einhergeht. Dasselbe gilt für die Frage, auf welche Weise und wieso sie diese politische Orientierung und ihre jugendkulturelle Verknüpfung unter Umständen auch wieder aufgeben. So kann die Reproduktion der immergleichen Bilder nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir letztlich wenig über die Hintergründe des so genannten jugendlichen Rechtsextremismus, seine jugendkulturelle Verortungund seine Entwicklungsdynamiken wissen.




Immerhin verfügen wir über einige offizielle Zahlen. Die Sicherheitsbehörden beobachten seit einigen Jahren einen anhaltenden Zulauf zu militant-rechtsextremistischen Gruppen, also zu "Neonazis" und zur Szene der im Regelfall nicht parteigebundenen und explizit in der Mehrzahl aus Skinheads bestehenden "subkulturell" oder "sonstig Gewaltbereiten". Während sich bei den Neonazis im Zeitraum der vergangenen zehn Jahre eine Erhöhung der Anzahl der Personen um rund 80 Prozent auf jetzt 4.200 Personen vollzog,[2] wuchs das Potenzial des zweiten Spektrums im selben Zeitraum um über 60 Prozent auf jetzt 10.400 Personen.[3] Ähnliche Trends lassen sich für die registrierten rechtsextremen Straf- und Gewalttaten feststellen. Auch wenn im Laufe der letzten Jahre die der Registrierung zugrunde gelegten Definitionen nicht völlig gleich geblieben sind - 2001 erfolgte eine Umstellung auf das Definitionssystem "Politisch motivierte Kriminalität" -, so ist doch eine Entwicklung ablesbar: Die Zahl der jährlichen Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund hat sich in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 70 Prozent erhöht (2006: 17.597), jene der einschlägigen Gewalttaten bewegte sich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre noch auf einem Level zwischen 700 und 800 jährlichen Delikten, stieg dann aber wieder auf ein Niveau von etwa 800 bis über 1.000 (2005: 1.034, 2006: 1.115) und pendelte sich so auf das Zehnfache der späten 1980er Jahre ein.




Welche quantitative und qualitative Rolle Skinheads innerhalb der Szene und der von ihnen begangenen Straf- und Gewalttaten spielen, ist schwer zu ermitteln. In seiner jüngsten Einschätzung ging der Verfassungsschutz von 8.000 bis 10.000 Skinheads in Deutschland aus.[4] Gleichzeitig rechnete er von den rund 10.000 als gewaltbereit eingestuften Rechtsextremisten noch 2005 etwa 85 Prozent der Skinhead-Szene zu.[5] Umgerechnet bedeutet das, dass mindestens 80 Prozent aller Skinheads als rechtsextrem einzustufen sind. Der Realitätsgehalt dieser Zahlen muss allerdings bezweifelt werden: Erstens ist unklar, wie innerhalb der rechtsextremen Szene Skinheads von denen zu unterscheiden sind, die ihnen in ihrer Aufmachung lediglich ähnlich sehen. Zweitens präsentiert sich die Skinheadkultur selbst als in hohem Maße fraktioniert und kennt neben (extrem) rechten Skins auch unpolitische "Oi-Skins", antirassistische "Sharp-Skins" sowie linke "Red- oder Rash-Skins".[6] Drittens tragen die aktuell zusehends an Dynamik gewinnenden kulturellen Veränderungsprozesse innerhalb der rechten Jugendszene und die Diffusion extrem "rechter" Überzeugungen und Symboliken in andere Szenen hinein zu einer abnehmenden Erkennbarkeit und zu einer Abkehr vom klassischen Skinheadstil bei.[7]

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund vermeiden die Sicherheitsbehörden mittlerweile konkrete Zu- und Hochrechnungen. Sie konstatieren lediglich, dass sich das Spektrum der "subkulturell Gewaltbereiten" "hauptsächlich" aus Skinheads rekrutiere.[8] Auch sozialwissenschaftliche Untersuchungen konnten bislang den grundsätzlichen Zusammenhang von Rechtsextremismus und Skinkultur kaum erhellen. Gleiches gilt für die Prozesshaftigkeit ihrer Ver- und Entbindungen bei der politischen Sozialisation von Einzelnen und Gruppen. Zwar gelingt es den Wissenschaftlern zum Teil, das innerkulturelle Leben, die Symbolik, das Selbstverständnis und die Geschichte der Skinheads differenzierter darzustellen; auch wird die Jugendkulturalisierung der rechtsextremen Angebote gut belegt,[9] aber explizite Forschung zum Zusammenhang zwischen Skinheadkultur und Rechtsextremismus gibt es in Deutschland so gut wie gar nicht. Eher am Rande wird der Kontext retrospektiv in psychiatrischen Betrachtungen[10] und Straftäteranalysen auf Aktenbasis[11] thematisiert. Dabei fällt auf, dass der Skinheads zugeschriebene Anteil an rechtsextremen Straftaten je nach Studie stark variiert.[12] Wenn - was relativ selten vorkommt - das Interesse den Prozessen von rechtsextremen Ein- und Ausstiegen gilt,[13] dann wird auch hier kaum nach skinkulturellen, neonazistischen oder sonstigen Kontexten differenziert. Die wenigen vorliegenden Langzeitstudien zu den Bedingungen der Entstehung und Distanzierung von rechtsextremen Orientierungen fokussieren ebenfalls nicht in systematischer Weise Verkoppelungen von rechtsextremer und jugendkultureller Sozialisation.[14]

Vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklungen und des aktuellen Forschungsstandes ergibt sich damit die Notwendigkeit, die Zusammenhänge zwischen (Jugend-)Kultur und Rechtsextremismus genauer in den Blick zu nehmen und darin den Verläufen, Dynamiken und Mustern von Einstiegs- und Distanzierungsprozessen besondere Aufmerksamkeit zu widmen.[15]

Einstiegsmuster - Ausstiegsmuster

Die Wege in die rechte Szene sind vielfältig, lassen sich empirisch aber doch vier Mustern zuordnen:
    1. Interethnisches Konkurrenzerleben, also die Erfahrung bzw. das empfundene Drohen dauerhafter Konflikte mit Gleichaltrigengruppen (Peers) von Migrantenjugendlichen, wird als Hauptbegründung für einen Einstieg in die rechte Skin-Szene genannt.

    2. Man übernimmt Deutungen eines sozialen Milieus, in dem rechtsextreme bzw. menschenfeindliche Positionen, teils auch skinkulturelle Ästhetiken, aufgrund ihrer Verbreitung als "normal" gelten und so auch mit dem Versprechen sozialer Zugehörigkeit assoziiert werden können.[16]

    3. Die Politisierung beginnt erst nach dem Eintritt in die Skinhead-Szene und stellt eher eine Art Anpassungsleistung an dort existierende Verhaltens- und Orientierungsnormen dar.

    4. Oft verquickt mit den genannten Mustern spielen Bedürfnisse nach Abgrenzung gegenüber Eltern oder Gleichaltrigen und nach Rebellion eine den Einstieg begünstigende Rolle.
Wege aus der Szene heraus spielen sich in einem Wirkungsdreieck aus Binnenerfahrungen im Szene- bzw. Cliquenkontext, sonstigen sozialen Zusammenhängen und Bewältigungsversuchen lebensbiographischer Entwicklungsaufgaben ab. Im Einzelnen handelt es sich um:

- Desintegrationserfahrungen im Szenekontext, vor allem durch hier selbst erlittene oder bei Nahestehenden beobachtete Gewalt und Demütigung, aber auch durch erlebte Enttäuschungen zum Beispiel hinsichtlich der für sie zentralen Werte wie "Zusammenhalt" und "Kameradschaft";

- als positiv erlebte Erfahrungen von Integration(schancen) außerhalb der Szene oder als schmerzhaft oder bedrohlich empfundene institutionelle Sanktionierung, die das Risiko eines Verbleibs in Szene- und Orientierungskontexten für eine gelingende Lebensbewältigung aufzeigt;

- die Einsicht, Statuspassagen des Übertritts in ein gesichertes Erwachsenenleben nicht erfolgreich absolvieren zu können, ohne die rechtsorientierte skinkulturelle Orientierung abzulegen.

Wodurch sich Jugendliche und junge Erwachsene allerdings in einer solchen Weise entwickeln, wird mit den oben erwähnten Befunden nicht hinreichend geklärt. Dazu müssen jene komplexen Prozesse der Erfahrungsproduktion und -verarbeitung betrachtet werden, die sich vor allem in den zentralen Sozialisationsbereichen der jungen Leute vollziehen. Hier sind für die Einstiegsprozesse zwei (Affinitätsaufnahme und Affinitätsverfestigung), für die Ausstiegsprozesse drei Stadien (Irritation, alltagspraktische Loslösung, Manifestation der Ablösung) erkennbar.

Sozialisationsbereich Familie

Die Familie stellt die erste und wichtigste Sozialisationsinstanz dar. Bei aller Unterschiedlichkeit der skizzierten Einstiegsmuster im Stadium der Affinitätsaufnahme zeigt sich hier ein typisches Muster: Existierende Konfliktlagen, objektiv vorhandene alltagspraktische Distanzen, unübersehbare Kommunikationsarmut und biographische Brüche und Unsicherheiten werden oft kaschiert oder positiv überzeichnet. Mit einer Idealisierung der familiären Situation geht die Neigung zur Idealtypisierung einher: Erfahrungen wie die Dominanz des Vaters über die Mutter, eine gewisse erzieherische Härte, mehr aber noch Kommunikationsarmut und emotionale Leere im Umgang miteinander dienen als Modell für die eigene aktuelle bzw. zukünftige Lebensführung. Ein enger Zusammenhang zwischen den von den Eltern vertretenen politischen Ansichten und der politischen Entwicklung der Kinder ist indes nicht durchgehend zu erkennen. Zwar fungieren Väter - häufiger noch Großväter - bisweilen als inhaltliche Stichwortgeber, vorherrschend ist jedoch eher das Fehlen politisch-inhaltlicher Auseinandersetzung. Dies setzt sich bis in den Einstiegsprozess hinein fort. Auch wenn dieser häufig von zunehmenden innerfamiliären Auseinandersetzungen begleitet wird, steht in deren Mittelpunkt weniger die politische als die kulturelle Orientierung, konkret: das "auffällige" Verhalten der Söhne oder Töchter. In einer "konformen Rebellion" betonen die Jugendlichen auf der Erscheinungsebene ihre Unterscheidbarkeit und Abgrenzung (von den Eltern als Repräsentanten der Erwachsenenwelt), verhalten sich auf der Inhaltsebene aber konform mit deren (tatsächlichen oder angenommenen) Einstellungen und Ressentiments, etwa gegenüber "Ausländern" und Randgruppen. Eine wichtige Rolle spielen ältere Geschwister. Viele Fälle zeigen, dass deren politische und kulturelle Orientierung einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Befragten ausübt.

Im Stadium der Verfestigung von kultureller Orientierung und politischer Einstellung wird das für die Anfänge der Einstiegsszenarien entworfene Bild verstärkt. Die Idealvorstellungen von Familie werden weiterhin direkt aus den eigenen Erfahrungen mit meist durchsetzungsschwachen, aber umsorgenden Müttern und wenig präsenten oder zumindest emotional unnahbaren Vätern gewonnen. Gleichzeitig nehmen elterliche Interventionen zu, bleiben jedoch hinsichtlich einer Änderung des Auftretens und des Verhaltens der Jugendlichen erfolglos. Vielfach zeigen sich Eltern überfordert und hilflos. Nicht selten resultieren daraus resignative Rückzüge aus der Erziehung.

Anders bzw. verändert stellt sich das Bild bei jenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen dar, die sich irgendwann wieder von einer rechtsextremen oder rechtsextrem aufgeladenen skinkulturellen Orientierung distanzieren. Für das erste Stadium der Abstandnahme zeigt sich zwar, dass Familien nicht in der Lage sind, einen direkten und unmittelbaren Beitrag zu einer Irritation von Überzeugungen und Orientierungen zu leisten. Wenn diese aber von anderer Seite ausgelöst worden ist und ein Prozess der alltagspraktischen Loslösung von der Szene eingesetzt hat, erweist sich, dass die erzieherische Vermittlung sozialer Kompetenzen - etwa das Einüben von verbaler Auseinandersetzungsbereitschaft - positive Effekte hat. In dieser Zeit gewinnt die Familie wieder mehr an Gewicht und wird auch praktisch zu einem zentralen Bezugs- und Orientierungspunkt der eigenen Lebensbewältigung, etwa wenn die Eltern ihren Kindern bei der Vermittlung von Arbeit und Wohnung helfen oder ihnen finanziell und alltagspraktisch unter die Arme greifen. Freilich: Nicht immer und nur kaum einmal deutlich gehen Ausstiegsprozesse aus Szenezusammenhängen mit einer restlosen Distanzierung von bis dahin vertretenen politischen Überzeugungen einher. In der Außendarstellung dieser Haltung kommt es allerdings in allen Fällen und Mustern zu einer deutlichen Anpassung an die familiären Normalitätspostulate.

Sozialisationsbereich Schule, Ausbildung und Beruf

Im Sozialisationsbereich Schule, Ausbildung und Beruf zeigen sich durch die skizzierten Einstiegsmuster hindurch große Ähnlichkeiten. Bereits vor der Hinwendung zur rechten Skin-Szene ist das Gefühl mangelnder Unterstützung und fehlenden sozialen Anschlusses vorherrschend. Häufig gibt es nicht nur mit Lehrkräften, sondern auch mit Mitschülerinnen und Mitschülern Konflikte. Mit dem Leistungsprinzip, das explizit bejaht wird, haben die Befragten zwar kein grundsätzliches Problem, es erweist sich aber praktisch insofern als problematisch, als den eigenen Ansprüchen oft nicht entsprochen werden kann. Wo innerhalb der (Aus-)Bildungseinrichtung selbst keine rechten und skinkulturellen Hegemonialstrukturen vorhanden sind, werden Szene-Anschlüsse in der Regel außerhalb des schulischen Raumes gesucht und gefunden.

Mit der erfolgreichen Anbindung an eine entsprechende Clique verändern sich auch die Wahrnehmungen und Selbstbilder der Befragten. An die Stelle einer bis dahin lamentierenden Haltung tritt ein durch den Rückhalt der Gruppe abgesichertes kämpferisches und agitierendes Auftreten, das sich vor allem gegen das Lehrpersonal richtet, aber auch Mitschüler betreffen kann. Gleichzeitig kann Szenezugehörigkeit - je nach Grad der bereits eingetretenen Politisierung und vermittelt über den Gedanken, einer Art Elite anzugehören - auch eine erhöhte Bereitschaft zu individueller Leistung zur Folge haben.

Phasen schulischer und beruflicher Neuorientierung eröffnen neue, teilweise auch neuartige soziale Kontakte; sie führen etwa zu Begegnungen mit "eigentlich ganz netten" Migranten. Mitunter lösen diese Irritationen bislang kohärenter Überzeugungen aus, sie können aber so lange in die vorhandenen Deutungsraster eingeordnet werden, wie es gelingt, sie als "Ausnahmen von der Regel" zu betrachten oder anderweitig subjektiv zu rationalisieren. Dennoch fördern solche Erfahrungen offensichtlich auf längere Sicht und im Verbund mit anderen Faktoren die Distanzierung. Deutlich zu erkennen ist daneben ein Zusammenhang zwischen motivierenden Arbeitsverhältnissen und daraus erwachsenden individuellen Aufstiegsinteressen auf der einen und dem abnehmenden Interesse auf der anderen Seite, sich in subkulturellen Kontexten zu bewegen. In diesem Prozess verliert die Vorstellung an Attraktivität, über ein bestimmtes Outfit und Auftreten Respekt gezollt zu bekommen; der Aufbau von Selbstwertgefühl durch Erfolge in Schule und Beruf kann helfen, die Ablösung zu sichern.

Sozialisationsbereich Partnerschaft

Der Bereich partnerschaftlichen Erlebens spielt im Einstiegsprozess für Mädchen wie für Jungen eine weniger wichtige Rolle als vielfach angenommen. Allerdings zeigen sich starke geschlechtsspezifische Unterschiede. Bei den männlichen Jugendlichen dominieren Beziehungsmuster und -vorstellungen, die ihr Vorbild oft in den bereits beschriebenen familiären Strukturen finden. Dies bedeutet, dass Mädchen grundsätzlich als passiv wahr- und tendenziell weniger ernst genommen werden. Beziehungen werden zunächst - anders als in der Phase der Konsolidierung und Fundamentalisierung der rechtsextremen Haltung[17] - vorrangig außerhalb des Szenerahmens gesucht; die in der eigenen Wahrnehmung von "Kampf" und "Härte" geprägte (Männer-) Welt der rechten Skins bleibt von der Nestwärme garantierenden Welt der Zweierbeziehung noch strikt getrennt. Dem entgegen stehen die Partnerschaftsvorstellungen der Mädchen. Sie suchen Gleichberechtigung, auch wenn sie klassische Rollenverteilungsmuster keinesfalls grundsätzlich ablehnen. Passend dazu stellen weibliche Einstiege in die Szene auch Versuche dar, sich von gängigen Rollenerwartungen zu emanzipieren und Stärke, Durchsetzungsfähigkeit, Respektwürdigkeit und Selbstbestimmung zu demonstrieren; dies auch dann, wenn solche Ambitionen in vielen Fällen mit fortschreitender Integration in die Szene praktisch darauf zurückschrumpfen, sich einer im Cliquen- oder Partnerschaftsverbund von männlichen Freunden "geliehenen Autonomie" (besser: Schein-Autonomie) zu vergewissern.

Eine den persönlichen Entwicklungsverlauf tatsächlich stark beeinflussende Funktion bekommen Partnerschaften erst im Prozess der Distanzierung. So können einerseits in szeneinternen Partnerschaften erste Irritationen von Zugehörigkeit und Einstellung vertrauensvoll kommuniziert werden, andererseits können neu entstehende, emotional als intensiv erlebte szeneexterne Partnerschaften bisher vertretene Annahmen erschüttern und eingeschliffene Verhaltensweisen in Frage stellen. In beiden Fällen fungieren Partnerschaften im Prozess der Loslösung als jene sozialen Zusammenhänge, die den Verlust von Szenekontakten maßgeblich auffangen. Im Manifestationsstadium der Ablösung setzen sich allerdings meist sehr konventionelle Vorstellungen von Partnerschaftlichkeit durch.

Sozialisationsbereich Peer-Zusammenhang

Als einer der sowohl für Einstiege als auch für Ausstiege wichtigsten Sozialisationsbereiche können Peer-Zusammenhänge gelten, nicht zuletzt deshalb, weil in ihnen und durch sie die Ver- und Entflechtungen von politischen Orientierungen und jugendkulturellen Zuordnungen wie nirgendwo sonst vollzogen werden.

In der Praxis ist der Ausgangspunkt der Annäherung musterunabhängig das Gefühl, nicht über hinreichend verlässliche Peer-Netzwerke zu verfügen. Wo sie doch vorhanden sind, herrscht gerade auf der Ebene der Handlungsorientierung bereits eine starke Ähnlichkeit mit dem, was die Jugendlichen später in der rechten Skin-Szene vorfinden und praktizieren. Die Suche nach solchem Anschluss hat darüber hinaus ganz offenbar auch etwas mit einem nur gering ausgeprägten Interesse bzw. fehlenden Möglichkeiten zu tun, Individualität und persönliche Unverwechselbarkeit auszubilden. Gerade über die Teilhabe an einer mit Stärke oder wenigstens Standfestigkeit assoziierten Gruppe soll Selbstwertgefühl gewonnen werden. Die entstehenden Gruppen ähneln sich in ihrem niedrigen Grad an verbaler Kommunikation und hoher Orientierung an Körperlichkeit. Dies spiegelt sich auch in der zahlenmäßigen Dominanz männlicher Jugendlicher wider. Besonders dort, wo Konflikte von Jugendlichen aus Zuwandererfamilien das Ausschlag gebende Einstiegsmotiv sind, werden die Ästhetik und das Auftreten der Skinheads für die Demonstration von Stärke, Härte und Wehrhaftigkeit in Dienst genommen. In einer Gruppe stilistisch uniformierter junger Leute wird darüber hinaus das Gefühl erzeugt, gemeinsam mit anderen eine Meinung zu vertreten, die nicht "jugendlichen Flausen" entspringt und daher gesellschaftlich irrelevant ist, sondern Aufmerksamkeit und Respekt verdient.

In dreifacher Hinsicht verspricht die Zugehörigkeit zu den Skinheads Sicherheit: Sie mobilisiert gegen die Gewalt der anderen eigene Gewaltfähigkeit, bietet Sinnstrukturen und Orientierungsmuster an und integriert das persönliche Handeln in eine überindividuelle Gültigkeit beanspruchende Idee sinnvoller Lebens-, Freizeit- (und bei den "Rechten" auch: Politik-)gestaltung. Auch in dem Muster, in dem interethnisches Konkurrenzerleben die Jugendlichen zusammentreibt, mehr jedoch in den anderen Mustern, wird deutlich, dass die entstehenden Cliquen anfänglich weder politisch noch kulturell so einheitlich sind, wie die Befragten dies sehen oder gerne hätten, und dass sie in erster Linie allgemeine cliquentypische Aufgaben wahrnehmen, keinesfalls also etwa als "Kameradschaften" auftreten.

Dies ändert sich im Stadium der Affinitätsverfestigung, dessen Charakter und Tempo stark von der entstehenden Gruppendynamik abhängt. Auf der individuellen Ebene erfolgt Verfestigung in diesem Zusammenhang als Wissensaneignung und -vertiefung, auf der strukturellen Ebene vereinheitlichen und vernetzen sich die Gruppen, während szenefremde Kontakte mehr und mehr abgebrochen werden. Interpersonale Gewalt spielt weiterhin bzw. zunehmend eine wichtige Rolle, was immer stärker dazu beiträgt, sich über gemeinsame Gegner und Bedrohungen als Gruppe Gleichgesinnter zu definieren.

Wie oben angedeutet kommt im Zusammenhang mit Distanzierungsprozessen Cliquen ebenfalls eine herausragende Bedeutung zu. Negative Erfahrungen befördern Irritationen und Loslösungsprozesse. Die Integrations- und Sicherheitserwartungen an die Szene reiben sich dann an deren Wirklichkeit, weil statt "Kameradschaft" und "brüderlicher" Unterstützung "Verrat", "Neid" und Gewalt vorherrschen. Wenn über solche Situationen allen meist zunächst einsetzenden Verdrängungs- und Verleugnungsstrategien zum Trotz - mit Partnern und Freunden sowie mit der Familie - gesprochen werden kann, besteht die Chance zu einer Abkehr. In relativer Distanz verliert sich dann allmählich auch die Orientierung am Kollektiv. Individuelle Zielsetzungen erhalten stärkere Betonung, und an die Stelle von "Kameradschaft" treten diskursive Freundschaftsnetze.

Sozialisationsbereich mediales Erleben

Mediales Erleben spielt in Einstiegsprozessen in extrem rechte politische Orientierungs- und Szenezusammenhänge, aber auch dann, wenn es um Fragen der kulturellen Identifizierung geht, eine wichtige Rolle. Zum einen kann massenmediales Erleben ganz wesentlich dazu beitragen, dass überhaupt erst ein einschlägiges Bild von Skinheads entsteht. Das zeigt sich besonders bei jenen Befragten, die mit Skinheads von Beginn an Ausländerfeindlichkeit oder Rebellion assoziieren. Zum anderen existiert mit "Rechtsrock" ein kultureller Ausdruck, der im Zuge des Einstiegs angeeignet wird und den Einstiegsprozess über die mit ihm gebotenen sozialen, sinnlichen und emotionalen Erfahrungsmöglichkeiten weiter verstärkt: Er wird zum leicht einsetzbaren Mittel, um die Zugehörigkeit zur Szene akustisch, symbolisch und gestisch zum Ausdruck zu bringen. Abweichend ist das Bild nur dort, wo die politische auf die kulturelle Annäherung folgt. Hier wird der "richtige" Konsum von "Rechtsrock" erst im Verlauf der Zugehörigkeit als "notwendiger" Teil der eigenen Skin-Identität anerkannt. Insgesamt ist "Rechtsrock" ein zentraler Teil kultureller Rahmungsstrategien und Abgrenzungsbemühungen. Er beginnt jedoch erst im Kontext des Selbstverständnisses als Kampfgemeinschaft und unter Bedingungen rechter skinkultureller Hegemonie, mehr und mehr eine Rolle als alternatives Informationsmedium zu spielen.

Entsprechend geht Distanzierung vor allem mit einem Bedeutungsverlust von Szenemedien einher. Das heißt nicht, dass der Konsum etwa von "Rechtsrock" eingestellt wird, sehr wohl aber, dass er seine Ausstrahlungskraft und damit seine Bedeutung für die Herausbildung der eigenen Haltung verliert. Ebenso wenig, wie eine Bereinigung des Musikmarktes von "Rechtsrock" die Ursachen für die Orientierung Jugendlicher nach rechts beseitigen würde, kann der Entzug dieser Musikrichtung bei bereits rechtsextrem Orientierten ein auslösendes Moment dafür sein, Abstand zu nehmen. Aussteiger entledigen sich - wenn überhaupt - erst dann ihrer einschlägigen CD-Sammlung, wenn im Stadium der Loslösung auch die kulturellen Rahmungen der bisherigen politischen Haltung abgelegt werden.

Fazit und Grundlinien von Konsequenzen

Einstiegsprozesse in von der Skin-Kultur geprägte rechtsextreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge werden nicht durch jugendkulturelle Zusammenhänge ausgelöst, sondern basieren auf Alltagserfahrungen, die in erster Linie durch drei Faktoren gekennzeichnet sind: dem subjektiven Empfinden eines Mangels an Chancen, die eigenen Lebensbedingungen verbessern zu können; einer emotionalen Verarmung sowie der (relativen) sozialen Ausgrenzung. Dem soll offenbar durch den Anschluss an ein Bedrohlichkeit inszenierendes, augenscheinlich kontrollmächtiges Kollektiv von gesellschaftlicher Relevanz begegnet werden, das Einbindung grundlegend über leistungsunabhängige ethnische Zugehörigkeit gewährt und über seine jugendkulturelle Rahmung symbolische Einstiegs- und Verfestigungshilfen bietet, die sozioemotionale Einbindung suggerieren.

Ausstiegsprozesse kommen in Gang, wenn Irritationen der Kohärenz von alltagsrelevanten Deutungen diskursiver Reflexion zugänglich gemacht, zugleich oder danach reale Teilhabe und Wertschätzung szeneextern alltagspraktisch erfahren und Selbstwirksamkeitserfahrungen in zentralen gesellschaftlichen Leistungsbereichen gemacht werden können.

Welche Maßnahmen zur Einstiegsverhinderung und Ausstiegsförderung eingeleitet werden sollten, ist damit offensichtlich: Politik, Pädagogik und andere gesellschaftliche Einrichtungen können sich nicht darauf beschränken, über den Einzug rechtsextremen Denkens und Auftretens in die Jugendkultur aufzuklären und diesem durch Skandalisierung und Repression entgegenzutreten. Vielmehr müssen die Maßnahmen darauf gerichtet sein, die Bedingungen für eine eigenständige Lebensgestaltung zu verbessern. Es gilt, Ausstieg als Umstieg anzubieten: Erfahrungen der Kontrollierbarkeit der eigenen Lebensbedingungen zu vermitteln, Möglichkeiten der sozialen Integration in attraktive und zugleich demokratische Kontexte und die Bedingungen für die Erfahrung von emotionalem Aufgehobensein im sozialen Nahraum zu verbessern sowie die Entwicklung von Kompetenzen zu fördern, die eine eigenständige und sozial verantwortliche Lebensführung ermöglichen.[18] Weichen in diese Richtungen zu stellen, ist auch bei jungen Leuten noch Erfolg versprechend, die bereits eine rechtsextreme Orientierung aufweisen. Daher ist die soziale und pädagogische Arbeit mit Rechtsorientierten nach wie vor unverzichtbar.
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Fußnoten

1.
Uwe Pörksen, Weltmarkt der Bilder. Philosophie der Visotypie, Stuttgart 1997.
2.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2006, Berlin 2007.
3.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2005, Berlin 2006; Bundesministerium des Innern 2007 (Anm. 2).
4.
Vgl. Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2004, Berlin 2005.
5.
Vgl. ebd.
6.
"Oi", in seinem Ursprung vermutlich auf das englische "Joy" verweisend, wird als Schlacht- und Grußruf in allerlei Alltagssituationen, aber auch als Gattungsbegriff für eine besonders einfach gespielte, bodenständige Form des Punk verwendet, "Sharp" steht für "Skinheads against racial prejudice", "Rash" ist die Abkürzung für "Red and Anarchist Skinheads".
7.
Vgl. Bundesministerium des Innern 2007 (Anm. 2).
8.
Vgl. ebd.
9.
Vgl. z.B. Josef Drexler/Markus Eberwein, Skinheads in Deutschland. Interviews, Hannover-München 1987; Erika Funk-Hennigs, Zur Musikszene der Skinheads - ein jugendkulturelles und/oder rechtsextremistisches Phänomen unserer Gesellschaft?, in: Heiner Gembris/Rudolf-Dieter Kraemer/Georg Maas (Hrsg.), Musikpädagogische Forschungsberichte 1993, Augsburg 1994; Gabriele Rohmann, Spaßkultur im Widerspruch, Bad Tölz 1999; Susanne El-Nawab, Skinheads - Ästhetik und Gewalt, Frankfurt/M. 2001; Klaus Farin (Hrsg.), Die Skins. Mythos und Realität, Berlin 2001; Christian Menhorn, Die Skinheads. Portrait einer Subkultur, Baden-Baden 2001.
10.
Vgl. Andreas Marneros, Blinde Gewalt. Rechtsradikale Gewalttäter und ihre zufälligen Opfer, München 2005; Andreas Marneros u.a., Der soziobiographische Hintergrund rechtsextremistischer Gewalttäter, in: MSchrKrim, (2003) 5, S. 364 - 374 (MSchrKrim = Monatszeitschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform).
11.
Vgl. Helmut Willems/Stefanie Würtz/Roland Eckert, Erklärungsmuster fremdenfeindlicher Gewalt im empirischen Test, in: Roland Eckert (Hrsg.), Wiederkehr des "Volksgeistes"? Ethnizität, Konflikt und politische Bewältigung, Opladen 1994, S. 195 - 214; Robert Mischkowitz, Fremdenfeindliche Gewalt und Skinheads - Eine Literaturanalyse und Bestandsaufnahme polizeilicher Maßnahmen, Wiesbaden 1994; Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.), Skinheads und Rechtsextremismus. Instrumentalisierung einer Subkultur, Düsseldorf 2001; Helmut Willems/Sandra Steigleder, Täter-Opfer-Konstellationen und Interaktionen im Bereich fremdenfeindlicher, rechtsextremistischer und antisemitischer Gewaltdelikte. Eine Auswertung auf Basis quantitativer und inhaltsanalytischer Analysen polizeilicher Ermittlungsakten sowie von qualitativen Interviews mit Tätern und Opfern in NRW, Trier 2003.
12.
Zwischen 4,7 Prozent (Mischkowitz) und 44,9 Prozent, vgl. H. Willems/S. Steigleder (Anm.11).
13.
Vgl. Benno Hafeneger, Rechte Jugendliche. Einstieg und Ausstieg. Sechs biographische Studien, Bielefeld 1993; Burkhard Schröder, Aussteiger. Wege aus der rechten Szene, Ravensburg 2002; Birgit Rommelspacher, "Der Hass hat uns geeint". Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der rechten Szene, Frankfurt/M.-New York 2006.
14.
Vgl. etwa Wilhelm Heitmeyer u.a., Die Bielefelder Rechtsextremismus-Studie. Erste Langzeituntersuchung zur politischen Sozialisation männlicher Jugendlicher, Weinheim-München 1992; Kurt Möller, Rechte Kids. Eine Langzeituntersuchung über Auf- und Abbau rechtsextremistischer Orientierungen bei 13- bis 15-Jährigen, Weinheim-München 2000; Klaus Wahl/Christiane Tramitz/Martin Blumtritt, Fremdenfeindlichkeit. Auf den Spuren extremer Emotionen, Opladen 2001.
15.
Die folgende Darstellung nimmt selektiv Bezug auf eine zwischen 2002 und 2005 durchgeführte qualitativ angelegte Studie, in der insgesamt 40 ost- und westdeutsche Jugendliche und junge Erwachsene, die sich dieser Szene zugehörig fühlen bzw. einmal zugehörig fühlten, begleitet und zu ihren Motiven, Entwicklungen und biographischen Hintergründen befragt wurden. Vollständig können die Ergebnisse nachgelesen werden in Kurt Möller/Nils Schuhmacher, Rechte Glatzen. Rechtsextreme Orientierungs- und Szenezusammenhänge - Einstiegs-, Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads, Wiesbaden 2007.
16.
Vgl. zuletzt Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände. Folge 5, Frankfurt/M. 2007.
17.
Vgl. K. Möller/N. Schuhmacher (Anm. 15), S. 234ff.
18.
Vgl. dazu als Strategie für Sozialarbeiter: Kurt Möller, Soziale Arbeit gegen Menschenfeindlichkeit. Lebensgestaltung über funktionale Äquivalenzen und Kompetenzentwicklung, in: Wilhelm Heitmeyer (Anm. 16), S. 294 - 311.