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9.8.2007 | Von:
Kerstin Jürgens
G. Günter Voß

Gesellschaftliche Arbeitsteilung als Leistung der Person

"Arbeit" und "Leben" im Post-Fordismus

Die fordistische Trennung von "Arbeit und Leben" gerät seit einigen Jahren durch Strukturwandlungen nicht nur in der Arbeitwelt, sondern durch Veränderungen in beiden sozialen Bereichen unter Druck.

In der Erwerbssphäre lassen sich bereits seit Ende der 1980er Jahre neue Formen der Arbeits- und Betriebsorganisation erkennen, die auf eine Abkehr von bisher vorherrschenden fordistisch-tayloristischen Prinzipien einer strikten Aufteilung und Fremdkontrolle von Arbeitsvorgängen und Betriebsabläufen hinweisen. Im Zuge der sprunghaft gestiegenen internationalen Konkurrenz in der Wirtschaft und einer daraus folgenden zunehmenden Marktorientierung von Unternehmen bis hinein in die unternehmensinternen Beziehungen ("Vermarktlichung") verlieren nicht nur nationalstaatliche Grenzen an Bedeutung, sondern es fallen auch Grenzen innerhalb nationaler Ökonomien, Grenzen zwischen Betrieb und Markt sowie Grenzen innerhalb der betrieblichen Arbeitsorganisation. Diese "Entgrenzung von Arbeit" umfasst ein Nebeneinander von Neuem und Altem, das heißt ein Fortwirken bisheriger Organisationsprinzipien bei gleichzeitiger Herausbildung verstärkt flexibler Formen der Arbeitsorganisation.[4]

Zentrales Kennzeichen neuer Arbeitsformen ist eine verstärkte Selbstkontrolle der Beschäftigten. Nicht mehr allein Vorgesetzte, sondern zunehmend auch die Arbeitenden selbst steuern die jeweiligen Arbeitsprozesse: Sie prüfen Arbeitsinhalte, planen Arbeitszeit, definieren den Arbeitsort oder entscheiden über notwendige Kooperationen. In Zielvereinbarungen werden lediglich zu erreichende Leistungen definiert - der hierfür erforderliche Arbeitsprozess muss eigenverantwortlich strukturiert werden. Damit scheinen sich alte Forderungen zur Humanisierung des Arbeitslebens einzulösen - zumindest auf den ersten Blick. Die neue Autonomie hat jedoch Grenzen und geht mit neuen Belastungen einher: Die Anforderungen werden komplexer, die Leistungspensen steigen und die Mitbestimmung über betriebliche Arbeitsabläufe bleibt meist eingeschränkt. Störungen innerhalb der Arbeitsprozesse, strukturelle Hindernisse oder unzureichende Qualifikationen sind dadurch nur noch bedingt Probleme des Betriebs. Verantwortlich sind nun die einzelnen Beschäftigten, die zur Lösung anstehender Probleme nicht nur ihre fachliche Qualifikation individuell weiterentwickeln sollen, sondern ihr gesamtes persönliches Potenzial einsetzen müssen ("Subjektivierung von Arbeit"). Als besonders problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang, dass sich die Beschäftigten dabei mehr als bisher mit den Unternehmenszielen identifizieren und die Marktlogik verinnerlichen müssen. Den Interessenkonflikt, in dem sie stehen, erkennen sie nur noch diffus; Erfahrungen des Scheiterns schreiben sie allein sich selbst zu.

Gleichzeitig zeichnen sich in der Privatsphäre Veränderungen ab, die das Verhältnis der Bereiche Arbeit und Leben neu konturieren. Vor allem die Lebensentwürfe und Einstellungen von Frauen zu Elternschaft und Erwerbstätigkeit haben sich grundlegend gewandelt. Eine in den Nachkriegsjahrzehnten herrschende Familienorientierung wird abgelöst von einem Nebeneinander von Beruf und Familie; statt eines Phasenmodells dominiert Gleichzeitigkeit: Familienbedingte Ausstiege aus dem Erwerbsleben werden kürzer. Aufgrund mangelnder Infrastruktur in der Kinderbetreuung hat dies nicht nur erhebliche Doppelbelastungen erwerbstätiger Mütter zur Folge; es führt auch dazu, dass bisherige Muster der Arbeitsteilung in der Familie in Frage gestellt werden. Frauen leisten nach wie vor das Gros der privaten Sorgearbeit, doch geraten Männer zunehmend unter Druck, sich stärker zu beteiligen. Eine aktivere Vaterrolle ist jedoch nicht nur dem Anpassungsdruck an eine gesteigerte Erwerbseinbindung von Frauen geschuldet, sondern entspricht - zumindest für eine kleine Gruppe - auch veränderten männlichen Lebensentwürfen, die sich als beginnende Abkehr von der Ernährerrolle deuten lassen. Zudem haben sich die Erwartungen an Familienleben generell verändert: Die Entscheidung zur Elternschaft ist an Motive der Selbstverwirklichung gekoppelt, Partnerschaftsentwürfe zielen auf romantische Liebesideale - und gleichzeitig soll genügend Raum für "eigenes Leben" bleiben.

Veränderungen zeigen sich zudem in den Lebensläufen: Die Ausbildungszeiten verlängern sich und die Berufseinstiege werden "prekärer"; gleichzeitig verlagern sich Eheschließung und Familiengründung auf einen späteren Zeitpunkt. Dies kann dazu führen, dass Familiengründung und berufliche Etablierungsphase zeitlich zusammenfallen - oder aber der Zeitpunkt für Partnersuche und Familiengründung "verpasst" wird und in ungewollter Kinderlosigkeit mündet.

Auf die vielfältigen Veränderungen in privaten Lebensformen kann hier nicht näher eingegangen werden. Boomende Ratgeberliteratur zu "Beziehungsarbeit", höhere Erwartungen an Eltern aufgrund des "PISA-Schocks" oder die veränderten Wohn- und Sozialumwelten von Familien verweisen auf neue Anforderungen auch im privaten Bereich.

Neben diesen Veränderungen in den jeweiligen Lebensbereichen ist ein Wandel auch im Verhältnis von "Arbeit und Leben" festzustellen. Wurde in der fordistischen Phase auf die strikte Trennung von Produktion und Reproduktion gesetzt, lassen sich heute neuartige Vermischungen identifizieren, wie exemplarisch noch einmal an den Dimensionen Zeit und Raum gezeigt werden kann:

Seit den 1980er Jahren zeichnet sich eine weitreichende Flexibilisierung der Arbeitszeit ab. Inzwischen sind mehr als die Hälfte der abhängig Beschäftigten in Deutschland nicht mehr im Rahmen des so genannten "Normalarbeitstages" tätig, sondern müssen atypische Arbeitszeiten, etwa in Schicht-, Wochenend- oder Nachtarbeit, akzeptieren. Doch nicht nur Lage und Dauer der Arbeitszeit werden zunehmend flexibler, sondern auch deren Verteilung: So führen etwa Arbeitszeitkonten dazu, dass Beschäftigte phasenweise sehr lange Arbeitszeiten hinnehmen müssen und dafür erst später (wenn überhaupt) einen Zeit- oder Geldausgleich erhalten. Acht Prozent der Beschäftigten hatten bereits 2003 keine Zeiterfassung mehr, sondern arbeiteten in der so genannten "Vertrauensarbeitszeit", das heißt, sie regelten ihre Arbeitszeit individuell. Diesen und ähnlichen "neuen" Modellen ist gemeinsam, dass sie potenziell eine erweiterte Zeitsouveränität und partielle Befreiung von den Nöten alltäglicher Synchronisation ermöglichen. Gleichwohl belegen Forschungsergebnisse, dass die Flexiblisierung überwiegend nach betrieblichen Belangen erfolgt. Die Berücksichtigung privater Zeitbedarfe findet sich meist nur dort, wo Betriebs- und Personalräte Obergrenzen der Arbeitszeit und Fristen zur Entnahme von Zeitguthaben regulieren konnten.[5]

In zeitlicher Hinsicht ergeben sich also vielfältige Anforderungen an die Betroffenen: In der Erwerbssphäre müssen Arbeitstempo, Pausen und das Zeit-Leistungs-Verhältnis individuell austariert werden; im Privatbereich kommt es zu Synchronisationsproblemen bei der Abstimmung von Sozial- und Familienzeiten. Sind die Arbeitszeiten einseitig an den Anforderungen des Marktes ausgerichtet und daher individuell kaum planbar, zieht dies private Konflikte nach sich. "Fremdbestimmte" Flexibilisierung erweist sich insofern oft als weitere Belastungsquelle im Konfliktfeld "Arbeit-Leben".[6]

Darüber hinaus setzt die nach wie vor angespannte Arbeitsmarktlage Berufstätige zunehmend unter Druck, auf Freizeit zu verzichten. Viele leisten freiwillig (unbezahlte) Mehrarbeit, bilden sich in ihrer Freizeit (auf eigene Kosten) weiter, nehmen lange Pendelzeiten oder Wochenendbeziehungen in Kauf. Nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich ergeben sich damit erhebliche Anpassungserfordernisse, die das Verhältnis von "Arbeit und Leben" verändern. Hinzu kommen Vermischungen der beiden Sphären, die durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien forciert werden - etwa flexible Erwerbstätigkeit an unterschiedlichen Orten ("Mobilarbeit") oder am heimischen PC ("Teleheimarbeit").

Fußnoten

4.
Vgl. exemplarisch Karin Gottschall/G. Günter Voß (Hrsg.), Entgrenzung von Arbeit und Leben, München-Mering 2005(2); Nick Kratzer, Arbeitskraft in Entgrenzung, Berlin 2003; G. Günter Voß, Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 31 (1989) 3, S.473 - 487.
5.
Vgl. als Überblick sowie zu empirischen Daten: Kerstin Jürgens, Die Ökonomisierung von Zeit im flexiblen Kapitalismus, in: WSI-Mitteilungen, (2007) 4, S. 167 - 173.
6.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Karlheinz A. Geißler in diesem Heft.