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"Familie als Herstellungsleistung" in Zeiten der Entgrenzung


9.8.2007
Der Begriff "Familie als Herstellungsleistung" zielt auf die Prozesse, in denen Familie als gemeinschaftliches Ganzes permanent neu hergestellt wird (Doing Family) sowie auf die vielfältigen Praktiken und Gestaltungsleistungen der Familienmitglieder im Alltag.

Einleitung



Seit dem Siebten Familienbericht findet in Deutschland der Begriff von "Familie als Herstellungsleistung" breiten Eingang in die Debatten um Familie.[1] Dass familiale Leistungen ins Rampenlicht rückten, ist zunächst den Umrechnungen von Zeitbudgetdaten in wirtschaftliche Bezugsgrößen zu verdanken. Sie zeigen, dass der Zeitaufwand für Leistungen im Privathaushalt deutlich über dem für Erwerbsarbeit liegt. Für die so genannte "unbezahlte Arbeit" wurde im Jahr 2001 das 1,7-fache an Zeit im Vergleich zur Erwerbsarbeit aufgewandt. Die Umrechnung in Werte des Bruttosozialproduktes zeigt, dass die Wertschöpfung der privaten Haushalte 2001 in etwa derjenigen des Produzierenden Gewerbes (ohne Baugewerbe) sowie des Bereichs Handel, Gastgewerbe und Verkehr zusammen entspricht.[2]





Der Begriff von Familie als Herstellungsleistung meint indes mehr. Er ist bislang eher Programm als bereits ausgearbeitetes Konzept, transportiert jedoch als solcher sowohl eine sozialhistorische als auch eine konzeptuelle Botschaft: Familie verändert sich aufgrund gesellschaftlichen Wandels von einer selbstverständlichen, quasi naturgegebenen Ressource zu einer zunehmend voraussetzungsvollen Aktivität von Frauen, Männern, Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen, die in Familien leben bzw. leben wollen. Familie als Herstellungsleistung fokussiert zum einen auf die Prozesse, in denen im alltäglichen und biographischen Handeln Familie alsgemeinschaftliches Ganzes permanent neu hergestellt wird ("Doing Family"),[3] zum anderen auf die konkreten Praktiken und Gestaltungsleistungen der Familienmitglieder, um Familie im Alltag lebbar zu machen. Der Tätigkeits- oder Arbeitscharakter von Familie, der eigene Ressourcen bindet, wird damit - weit über die feministische Hausarbeitsdebatte hinausgehend[4] - sichtbar, ohne jedoch hierdurch die emotionale Bedeutung von Familie zu schmälern. Konzeptuell bedeutet die Rede von Familie als Herstellungsleistung eine stärkere Fokussierung des Handlungsparadigmas gegenüber dem institutionellen Paradigma.[5]




Diese Hinwendung zu einem interaktionstheoretischen Blick auf Familie - so unsere These - ist vor allem vor dem Hintergrund des Wandels vom fordistischen zum postfordistischen Gesellschaftsmodell zu verstehen.[6] Denn Familien und ihre Akteure müssen in Zeiten der Entgrenzung neue und vielfältige Gestaltungsleistungen erbringen. Unter anderem sind die familialen Akteure gefordert, aktiv Gelegenheiten für das Doing Family zu schaffen und hierfür Praktiken neu zu entwickeln, denn die Bedingungen, unter denen Familie hergestellt werden muss und unter denen sie ihre Leistungen erbringt, haben sich grundlegend verändert.


Fußnoten

1.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)(Hrsg.), Siebter Familienbericht. Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit - Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik, Berlin 2006.
2.
Vgl. Dieter Schäfer, Unbezahlte Arbeit und Haushaltsproduktion im Zeitvergleich, in: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Alltag in Deutschland. Analysen zur Zeitverwendung, Wiesbaden 2004, S. 247 - 273.
3.
In Analogie zum sozialkonstruktivistischen Ansatz des "Doing Gender" lässt sich die Herstellung von Familie als zusammengehörige Gruppe, ihre Selbstdefinition und Inszenierung als solche, als "Doing Family" bezeichnen, das von praktischen und symbolischen Verschränkungsleistungen individueller Lebensführungen im Kontext von Familie getragen wird. Vgl. Regine Gildemeister, Doing Gender: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, S. 132 - 141; vgl. auch Karin Jurczyk/Andreas Lange, Familie und die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben. Neue Entwicklungen, alte Konzepte, in: Diskurs, 12 (2002) 3, S. 9 - 18.
4.
Vgl. Ilona Ostner, Beruf und Hausarbeit. Die Arbeit der Frau in unserer Gesellschaft, Frankfurt/M.-New York 1978.
5.
Vgl. Kerry Daly, Family Theory versus the Theories Families Live By, in: Journal of Marriage and Family, 65 (2003) 4, S. 771 - 784.
6.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Kerstin Jürgens und G. Günter Voß in dieser Ausgabe.