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9.8.2007 | Von:
Michaela Schier
Karin Jurczyk

"Familie als Herstellungsleistung" in Zeiten der Entgrenzung

Familie als alltägliche Herstellungsleistung - eine Annäherung

Familie ist ein Netzwerk besonderer Art, das um verlässliche persönliche Fürsorgebeziehungen zentriert ist. Die Konnotation von Familie mit Ehe, traditionellen Geschlechterrollen sowie mit Zusammenleben in einem Haushalt ist hierfür nicht zwingend.[7] Multilokale familiale Fürsorgebeziehungen umfassen Eltern und ihre minderjährigen Kinder, getrennte oder pendelnde Elternteile sowie auch erwachsene Kinder, ihre alten Eltern und weitere Verwandte. Familie als Lebens- und Lernzusammenhang ist - so verstanden - ein haushaltsübergreifendes Netzwerk emotionsbasierter, persönlicher Austauschbeziehungen, die umso mehr gestaltet werden müssen, je komplexer und dynamischer das Netz ist.

In Familien treffen mehrere individuelle Lebensführungen mit unterschiedlichen Strukturen, Bedürfnissen und Interessen aufeinander, die miteinander ausbalanciert werden müssen. Sie werden in permanenter Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu einer - mehr oder weniger - gemeinsamen Lebensführung verschränkt, die Familie alltäglich und biografisch als spezifisches System konstituiert und nicht als eine Addition von Menschen. Dieses System ist fragil und wechselhaft, es basiert auf Interaktionsprozessen zwischen den familialen Akteuren, die sich zu Handlungsmustern verdichten, und kommt nicht ohne ein Minimum gemeinsamer Handlungen, Ressourcen, Emotionen und Deutungen aus.[8]

Die Charakteristika von Familie als System mit Eigenlogik und Eigensinn machen deutlich, wie sehr es von aktiven Gestaltungsleistungen abhängt, wie störanfällig ihr Gelingen im Alltag aber auch ist. Denn Gestaltungsleistungen werden nicht als monolithische Handlungen, sondern in Form von fein austarierten Interaktionsprozessen zwischen den Familienakteuren erbracht. Da Familie nicht auf lineare Zweckerfüllung zielt, sondern auf emotionale und oft körpergebundene Prozesse, deren besondere Qualität und Sinnsetzung gerade darin besteht, nicht rational kalkuliert zu sein, sondern zu "geschehen", erfolgt das Doing Family nicht unbedingt immer zielgerichtet, intentional und geplant, sondern häufig beiläufig. Dabei sind Prozesse der Herstellung von Familie oft "vermischtes Tun",[9] indem beispielsweise Trösten und Zuhören während der Essenszubereitung stattfinden.

Wichtige Bedingung für Interaktionsprozesse ist die physische Anwesenheit der Interaktionspartner, die räumliche Kopräsenz. Denn um Familie als Gemeinsamkeit zu leben und nicht als bloßes Nebeneinander von Individuen, die sich nur die Klinke in die Hand geben, braucht es Gelegenheiten. Bedingung für Familie sind räumlich kopräsente Zeiten und Zeit für Familie, qualitativ gefüllt mit Kapazitäten für Aufmerksamkeit und Gefühlen. Um Fürsorgeleistungen zu erbringen und soziales Leben in Familien überhaupt zustande kommen zu lassen, benötigt Familie deshalb ein Minimum planbarer, stabiler und verlässlicher Rahmenbedingungen. Ebenso müssen diese aber flexibel genug sein, um auf die im Alltag und im Lebenslauf wechselnden Bedürfnisse von Familien reagieren zu können.[10]

Die Entgrenzung von Erwerbsarbeit und Familie ändert jedoch die Konstellationen, unter denen Fürsorge bislang erbracht und Familie hergestellt wurde. Hierauf gehen wir im Folgenden näher ein.

Fußnoten

7.
Vgl. Walter Bien/Jan Marbach (Hrsg.), Partnerschaft und Familiengründung - Ergebnisse der dritten Welle des Familien-Survey, Opladen 2003.
8.
Vgl. Maria Rerrich, Gemeinsame Lebensführung: Wie Berufstätige einen Alltag mit ihren Familien herstellen, in: Karin Jurczyk/Maria Rerrich (Hrsg.), Die Arbeit des Alltags. Beiträge zu einer Soziologie der alltäglichen Lebensführung, Freiburg 1993, S. 310 - 333; Kerstin Jürgens, Familiale Lebensführung, in: Günter Voß/Margit Weihrich (Hrsg.), Tagaus tagein. Neue Beiträge zur Soziologie alltäglicher Lebensführung, München - Mering 2001, S. 33 - 60.
9.
Vgl. Ilona Ostner/Barbara Pieper, Problemstruktur Familie - oder: Über die Schwierigkeit, in und mit Familie zu leben, in: dies. (Hrsg.), Arbeitsbereich Familie, Frankfurt/M.-New York 1980, S. 96 - 170.
10.
Vgl. BMFSFJ (Anm. 1)