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9.8.2007 | Von:
Michaela Schier
Karin Jurczyk

"Familie als Herstellungsleistung" in Zeiten der Entgrenzung

Der Wandel vom fordistischen zum postfordistischen Gesellschaftsmodell

Im Verlauf der Industrialisierung - mit einem besonderen Schub nach 1945 - festigte sich in Deutschland ein Gesellschaftsmodell mit einem stabilen, arbeitsteiligen Verhältnis zwischen Familie und Erwerbsarbeit. Diese bildeten zwei voneinander relativ streng getrennte Sphären, die ideologisch fest verankert und mit klaren geschlechtsspezifischen Zuweisungen verbunden waren. Traditionelle Geschlechterverhältnisse waren zentraler, inhärenter Bestandteil der Arbeitsteilung zwischen Beruf und Familie, ungeachtet eines stets vorhandenen Anteils erwerbstätiger Mütter. Die Ernährerrolle des Mannes blieb unhinterfragt, Eltern waren meist verheiratet und lebten mit ihren Kindern in einem gemeinsamen Haushalt zusammen.

Erwerbsarbeit fand zum größten Teil in dafür eigens bestimmten Räumen statt. So genannte Normalarbeitsverhältnisse, sozialrechtlich abgesicherte Vollzeiterwerbsarbeit mit stabilen, geregelten Arbeitszeiten dominierten. Seinen Beruf ergriff man(n) damals meist für das gesamte Leben.

Inzwischen hat sich dieses Bild grundlegend verändert. Seit den späten 1960er Jahren ist ein gesellschaftlicher und ökonomischer Wandel zu erkennen, der als ein Durchlässigwerden der Grenzen zwischen Arbeit und Leben, Privatem und Öffentlichem, Arbeitszeit und Freizeit beschrieben werden kann.[11] Dabei verändern sich nicht nur die Erwerbswelt, sondern auch die Familie selber und - stets verschränkt mit beiden Sphären - die Geschlechterverhältnisse.

Entgrenzte Erwerbsarbeit: Das so genannte Normalarbeitsverhältnis hat in den vergangenen Jahrzehnten zugunsten atypischer Beschäftigungsformen an Bedeutung verloren. Im Jahr 2005 umfassten atypische Beschäftigungsformen rund ein Drittel aller abhängig Beschäftigten, bei Frauen lag der Anteil sogar bei 54 Prozent.[12] Neben der Pluralisierung der Beschäftigungsformen polarisieren sich die Arbeitzeiten: Einerseits arbeiten Hochqualifizierte und Führungskräfte immer länger, regelmäßige Wochenarbeitszeiten zwischen 55 und 70 Stunden sind nichts Außergewöhnliches. Andererseits wachsen vor allem in Dienstleistungsbranchen gerade die Teilzeit- und Minijobs, während Vollzeitjobs abgebaut werden. Erwerbsarbeit ist in den letzten Jahrzehnten darüber hinaus zeitlich flexibler und unregelmäßiger geworden. Das gilt für die Arbeitszeit im Tages- und Wochenverlauf wie für die lebenszeitliche Verteilung von Arbeit durch diskontinuierlichere Erwerbsbiographien. Der allgemeine Trend zur Ausweitung von Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit sowie zur Vertrauensarbeitszeit ist dabei mit höheren gesundheitlichen Belastungen verbunden.[13]

Der verstärkte Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien forciert die Flexibilisierung des Arbeitsortes. Räumliche Entgrenzungen von Arbeit finden vor allem in Formen neuer Heimarbeit (z.B. Teleheimarbeit) oder intensivierter Außendienstarbeit (z.B. bei Beratertätigkeiten) statt. Studien zu Mobilität und Familie verweisen auf die neue Bedeutung von Umzugs- und Pendelmobilität. Etwa jeder sechste Erwerbstätige ist inzwischen in Deutschland aus beruflichen Gründen mobil.[14]

Erwerbsarbeit wird intensiver und subjektiver zugleich: Intensivierung meint, dass, um Arbeitsleistung zu erbringen, eine stärkere Mobilisierung mentaler, emotionaler und körperlicher Ressourcen notwendig wird. Subjektivierung heißt, dass Betriebe verstärkt die persönlichen Potenziale der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über die engere Fachqualifikation hinaus als Quelle der wirtschaftlichen Produktivität nutzen.[15]Subjektivierung kann dabei an das vermehrte Interesse vieler Beschäftigter anschließen, Lebenssinn und Identität auch in der Arbeitswelt zu entfalten. Insgesamt kann von einem umfassenderen Zugriff auf die Beschäftigten gesprochen werden.

Veränderte Bedingungen des Familienalltags: Ausgehend vom Konstrukt der Normalfamilie zeigen sich auch im Bereich Familie grundlegende Veränderungen hinsichtlich Form, zeitlicher und räumlicher Struktur, Eingebundenheit in gesellschaftliche Teilsysteme sowie der innerfamilialen Geschlechter- und Generationenverhältnisse. In Anlehnung an das Konzept der Entgrenzung von Arbeit sprechen wir von einer Entgrenzung von Familie.

Die Haushalts- und Familienformen sind heute durch eine große Vielfalt und Dynamik geprägt. Immer weniger Menschen leben dauerhaft in einer klassischen "Normalfamilie", als Ehepaar mit leiblichen Kindern. Von 1996 bis 2004 nahm der Anteil anderer Familienformen - wie Alleinerziehende, nichteheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern - in Westdeutschland um 4 Prozent, in Ostdeutschland sogar um 9 Prozent zu. Damit waren im Jahr 2004 im früheren Bundesgebiet 77 Prozent, in den neuen Ländern jedoch nur noch 63Prozent der Familien Ehepaare mit Kindern. Der Anteil Alleinerziehender sowie der Anteil nichtehelicher Lebensgemeinschaften mit Kindern lag hingegen in Westdeutschland bei 18 Prozent bzw. 5 Prozent, in Ostdeutschland sogar bei 25 Prozent bzw. 12 Prozent.[16] Die Daten des Mikrozensus blenden hierbei aus, dass es nach Trennungen und Scheidungen häufig zu neuen Familienkonstellationen kommt, indem durch neue Partnerschaften zu den leiblichen Elternteilen mindestens ein sozialer Elternteil hinzutritt.[17] Im Anschluss an eine Trennung der Eltern spielt sich das Familienleben oft in verschiedenen Haushalten ab. Immer mehr Erwachsene und Kinder machen im Verlauf ihres Lebens Erfahrungen in verschiedenen Formen familialer Organisation und erleben dabei mehrfach Wechsel zwischen Settings. Je nach familialer Situation sind Familien deshalb mit heterogenen Anforderungen bei der Alltagsgestaltung sowie der Verknüpfung von Erwerbsarbeit und Familienleben konfrontiert.

Im Hinblick auf die Entgrenzung von innerfamilialen Geschlechterverhältnissen hat die in den letztenJahrzehnten zumindest in Westdeutschland steigende Erwerbsbeteiligung von Müttern besondere Bedeutung. 2005 waren 56 Prozent der westdeutschen und 61 Prozent der ostdeutschen Mütter erwerbstätig, allerdings ist die Vollzeitquote ostdeutscher Mütter immer noch mehr als doppelt so hoch wie die der westdeutschen Mütter.[18] Während die Geburt von Kindern die Erwerbsbeteiligung von Frauen vor allem in Westdeutschland deutlich beeinflusst, verändern Väter den Modus ihrer Erwerbsbeteiligung kaum. Die allgemeine Motivation von Vätern, sich intensiver um die Kinder zu kümmern, steigt jedoch an.[19] Es bleibt abzuwarten, ob sich die aktuell von 3,5 auf 7 Prozent verdoppelte Teilhabe von Vätern an Elternzeit weiter verstärkt.[20]

Zudem werden Familien aufgrund von Veränderungen im Geschlechterverhältnis und im Generationenverhältnis immer stärker zu Orten der Aushandlung von unterschiedlichen Motivlagen und Bedürfnissen. Unter anderem finden aufgrund der höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen und der Orientierung an neuen Geschlechterbildern verstärkt Aushandlungen zwischen Männern und Frauen hinsichtlich der Arbeitsteilung in Familien statt. Der Datenreport 2006 zeigt, dass im Verlauf der letzten zwei Jahrzehnte die Zustimmung zur traditionellen Arbeitsteilung stark zurückgegangen ist, wenngleich auch hier Unterschiede zwischen Ost und West, den Geschlechtern sowie Alterskohorten bestehen bleiben.[21]
Wachsende gesellschaftliche Ansprüche an die Eltern - vor allem an die Mütter, z.B. bezüglich der Bildungsleistungen für Kinder - sowie umgekehrt auch die Erwartungen und Ansprüche der Eltern selbst an eine gute Erziehung erhöhen die Anforderungen in den Familien zusätzlich.

Verschiebungen im Verhältnis von "Arbeit und Leben": In ihrem Zusammenwirken führen die angesprochenen Entwicklungen zu einem komplexen und anforderungsreichen Familienalltag. Denn die Subsysteme Familie und Erwerb wandeln sich nicht nur intern, sondern es verschieben sich dadurch auch ihre Verhältnisse zueinander. Dieser komplexe Prozess ist im Vergleich zu der Untersuchung moderner alltäglicher Lebensführungen[22] sowie der Subjektivierung von Arbeit[23] noch weitgehend unbestimmt.

Fußnoten

11.
Vgl. Karin Jurczyk/Mechthild Oechsle (Hrsg.), Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen, Münster 2007, i.E.; Karin Gottschall/Günter Voß (Hrsg.), Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag, München - Mering 2003.
12.
Vgl. Berndt Keller/Hartmut Seifert, Atypische Beschäftigungsverhältnisse. Flexibilität, soziale Sicherheit und Prekarität, in: dies. (Hrsg.), Atypische Beschäftigung - Flexibilisierung und soziale Risiken, Düsseldorf 2007, S. 11 - 25.
13.
Vgl. Hartmut Seifert, Arbeitszeit - Entwicklungen und Konflikte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2007) 4 - 5, S. 17 - 24.
14.
Vgl. Norbert Schneider, Berufliche Mobilität, Familie und Wohlbefinden, in: Arbeit! - Newsletter Deutscher Studienpreis, (2007) 42.
15.
Vgl. Manfred Moldaschl/Günter Voß, Subjektivierung von Arbeit, München-Mering 2003.
16.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Leben und Arbeiten in Deutschland, Sonderheft 1: Familien und Lebensformen. Ergebnisse des Mikrozensus 1996 - 2004, Wiesbaden 2006.
17.
Vgl. Walter Bien/Angela Hartl/Markus Teubner (Hrsg.), Stieffamilien in Deutschland. Eltern und Kinder zwischen Normalität und Konflikt, Opladen 2002.
18.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Leben und Arbeiten in Deutschland, Sonderheft 2: Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ergebnisse des Mikrozensus 2005, Wiesbaden 2006.
19.
Vgl. Michael Matzner, Vaterschaft aus der Sicht von Vätern, Wiesbaden 2004.
20.
Vgl. Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 16. 5. 2007.
21.
Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2006, Bonn 2006.
22.
Vgl. Projektgruppe Alltägliche Lebensführung (Hrsg.), Alltägliche Lebensführung. Arrangements zwischen Traditionalität und Modernisierung, Opladen 1995.
23.
Vgl. M. Moldaschl/G. Voß (Anm. 15).