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9.8.2007 | Von:
Karlheinz A. Geißler

Der Angriff auf Raum und Zeit

Wir wollen alle Tage sparen und brauchen alle Tage mehr

Grenzüberschreitungen sind heute zur dominierenden ökonomischen Produktivkraft geworden. Niemand kann sich ihnen mehr entziehen. Besonders spürbar wird diese Dynamik der Entgrenzung bei der ehemals als Zentrum der Orts- und Zeitbezogenheit (der Privatheit) fungierenden eigenen Wohnung. Hier verlieren die Zeiten des sozialen Lebenszusammenhanges immer häufiger ihre Verortung. Verantwortlich dafür ist unter anderem die moderne Technik, die mit ihren Hochgeschwindigkeitstechnologien den Anschluss an das Weltgeschehen herstellt: jederzeit und an jedem Ort. So sind heute weder die Fabrik noch das Büro die einzigen Orte, an denen gearbeitet wird. Computer, Fernsehen, Telefax, Telefon (mit Mailbox) und viele andere Multifunktionsgeräte machen es möglich - mit der Folge des Abschieds vom Privatleben als gesondertem zeitlichen Soziotop. Die Privatwohnung hat sich inzwischen zu einem nicht selten konfliktreichen und entscheidungsintensiven Spannungsfeld zwischen globalisierten Raum- und Zeitmustern einerseits sowie Ort und Zeit der Familiendynamik andererseits gewandelt. Geschäfte werden vom Wohnzimmer aus getätigt, die Arbeit wird am Wochenende nach Hause oder - dem Laptop sei Dank - auf die Ferienreise mitgenommen. Ein stetig wachsender Teil der im Büro Beschäftigten tut das inzwischen - laut Statistik 30 Prozent - mit deutlich steigender Tendenz. Dies geht zu Lasten der Familienzeit.

Der private Lebensraum mutiert nicht nur zur Arbeitsstätte, er wird auch zum Depot für Informationen und Nachrichten, die sogar mittels Fernabfrage von außerhalb jederzeit zugänglich sind. Die Globalisierung jenes Lebensraumes, der in Deutschland grundgesetzlich als privater Ort geschützt ist, wurde längst Realität: "Stärken Sie Ihren Internet-Browser, und schon stehen Sie mit der ganzen Welt in Verbindung" - verspricht Microsoft. Und eine Mehrheit folgt dem Versprechen.

Wie so vieles in diesem Leben, hat auch dieser "Fortschritt" seine Licht- und seine Schattenseiten. Durch die zügig vonstatten gehende Entprivatisierung der eigenen vier Wände lockern sich auch jene traditionellen Zwänge, durch welche die nicht selten spießige und einengende Ordnung des privaten Heims stets auch charakterisiert war. Die Entgrenzungsdynamik eröffnet folglich eine Menge neuer Möglichkeiten und Erfahrungen, birgt aber auch Gefahren: Mit der zunehmenden Zeit- und Ortslosigkeit des Privaten kann es zu massiven Orientierungs- und Identitätsproblemen kommen, die zu steigenden Belastungen der auf Kontinuität und Abgrenzung angewiesenen sozialen Kleinsysteme - der Familien - führen. Das speziell bei jüngeren Familienmitgliedern beliebte "location-hopping", das permanente "Auf-dem-Sprung-Sein", um interessantere Alternativen nicht auszuschließen, das chronisch gewordene Ablenkungsbedürfnis - all das lässt sich mit stabilen, zeitlich und sozial langfristigen Bindungen nur mehr eingeschränkt vereinbaren. Allerdings erhöhen sich hierdurch die Chancen, interessante Menschen kennen zu lernen, neue Kontakte zu knüpfen und an bisher unbekannten Erfahrungen teilhaben zu können.

Ist die eigene Wohnung erst einmal multimedial hochgerüstet, entgrenzt sie sich nicht nur lokal, sondern auch zeitlich. ISDN und UMTS funktionieren unabhängig von der zeitlichen Ordnung der alltäglichen Lebensführung. Die neuen Technologien folgen nicht mehr den von sozialen und/oder natürlichen Rhythmen vorgegebenen Ordnungsprinzipien. Sie kennen weder den Feierabend noch einen Sonntag, also jene Chronotope, die sich in ihrer zeitlichen Alltagsgestaltung grundlegend vom kräftezehrenden Werktag unterscheiden. Man ist heute rund um die Uhr erreichbar, zumindest auf der Mailbox des Telefons oder Mobilgerätes, durchs Faxgerät, per E-Mail oder SMS aufs Handy. Es sind nicht mehr länger allein die an Ort und Stelle anfallenden Aufgaben, welche die zeitliche Gestaltung des sozialen Alltags bestimmen, hinzu kommen die Zeitbedarfe externer und entgrenzter Kommunikationspartner, welche die Intimität der eigenen vier Wände aufbrechen. "Double your time" lautet das Motto dieser Entwicklung.

Der nicht zu unterschlagende beachtliche Gewinn an neuen Freiheiten und erweiterten Wahlmöglichkeiten hat seinen Preis. Bezahlt wird er mit der zunehmenden Auslieferung des Selbst und des Privaten sowie mit stetig wachsender Hetze und steigendem Zeitdruck.

Jenes Beharrungspotenzial, das mit der Regelmäßigkeit natürlicher, sozialer und aufgabenorientierter Rhythmizität eng verbunden ist, geht zunehmend verloren. Es wird durch den Druck zu kurzfristigen Entscheidungen, zu permanenter Aktivität und durch den Zwang zu zeitraubendem Zeitmanagement erodiert. Der damit einhergehende Aufwand an zusätzlichen Orientierungsleistungen, an permanent anfallenden Strukturierungs- und Koordinierungsaufgaben muss jetzt vonjedemIndividuum in Eigenregie erbracht werden. Jener Teil des Alltags, der sich in den eigenen vier Wänden abspielt, gewinnt hierdurch immer mehr Arbeitscharakter. Das wiederum hat zur Folge, dass sich auch Arbeit und Konsum örtlich und zeitlich entgrenzen. Dies nun betrifft nicht nur die Angestellten der Westdeutschen Landesbank, die auf großen Plakaten "droht": "Bei uns hat der Arbeitstag 24 Stunden. Und fünf Kontinente".

Die Effekte sind sichtbar, spürbar und unvermeidlich. Auch der Autor dieses Beitrages sieht sich damit konfrontiert.