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9.8.2007 | Von:
Karlheinz A. Geißler

Der Angriff auf Raum und Zeit

Schnelle Rede - kurzer Sinn

"Ich kann doch nicht immer meinen, was ich alles sage", antwortete jüngst eine kesse junge Radiomoderatorin einer älteren Kollegin auf den Vorwurf, sie widerspreche sich soeben. Die Frage nach dem Sinn und den Konsequenzen des gerade Gesagten, scheint in der heutigen kurzlebigen Zeit zu zeitaufwändig zu sein. Sie passt nicht mehr in die schnelle Gesellschaft. Man kann sie sich, will man beim Rennen in die Zukunft mitkommen, nicht mehr leisten.

Anders als die junge Radionmoderatorin versuchen Politikerinnen und Politiker, ihrer Sinn- und Ratlosigkeit in Pressemeldungen und Fernsehstatements zumindest den Schein der Sinnhaftigkeit zu verleihen. Dabei kommen oft nicht mehr als rasch wechselnde, weitgehend inhaltsleere, auf mediengerechte Zeitmuster zurechtgestutzte, formelhaft vorgetragene Allerweltsstatements heraus:"Sinnburger", rhetorisches Fast-food also. Die Sprechgeschwindigkeit von Rundfunk- und Fernsehmoderatoren hat enorm zugenommen - und dieses Tempo wird auch von den Gesprächspartnern erwartet. Politiker, so eine Untersuchung aus den USA, hatten in den 1960er Jahren im Fernsehen noch dreiundvierzig Sekunden Zeit, ohne Unterbrechung ihre Position zu vertreten, 1992 blieben davon noch acht Sekunden übrig. Heute erscheint das vielen Moderatoren immer noch zu lang. Der Politikwissenschaftler Ulf Torgersen kam bei einer Untersuchung norwegischer Parlamentsreden im Rahmen von Haushaltsberatungen zu dem Ergebnis, dass die von den Parlamentariern pro Minute artikulierten Phoneme (Bedeutungseinheiten) zwischen 1945 und 1995 von 584 auf 863 gestiegen sind. Es wird zwar mehr in kürzerer Zeit geredet, gesagt aber wird dabei meist weniger.

Ob "Sinnburger" im Rundfunk und im Fernsehen oder im Parlament, ob Cheeseburger am Tresen oder am Resopaltisch - die Sättigung ist in allen Fällen nicht nachhaltig. Die Frage nach dem Sinn lässt sich nun einmal nicht auf die Schnelle beantworten. Immer mehr Menschen verzichten heute auf die Klärung tiefgehender Sinnfragen und ersetzen sie durch die nicht weniger große Anstrengung, alles auf einmal machen und erreichen zu wollen. So wimmelt es heute von nichtssagenden Kurzstatements, von oberflächlichen "Briefings", jenem schnellen Weg vom Nichtwissen zum Wissen, der sich in der Wissenschaftsszene bevorzugt in so einfältigen Gewändern wie Thesenpapieren, Exposés und "Abstracts" präsentiert. "Ich lese", so gestehen überlastete und überhastete Hochschullehrer, "nur mehr Einleitungen und Zusammenfassungen." Und Prüflinge beichten, sie hätten bei der Prüfungsvorbereitung hauptsächlich "mal etwas gegoogelt". In einer solchen Welt ist die Frage "Was bin ich?" nicht mehr aktuell - und konsequenterweise fällt sie auch dem Rotstift der Quotenfetischisten zum Opfer. So wird man den Eindruck nicht los, der "Sinn" gehöre vielleicht auch zu jenem "alten Europa", das zu verlassen und zu vergessen wir derzeit mit hohem technischen Aufwand genötigt werden.

Nachdem das Nachdenken schon seit Längerem als Erfolgsstrategie an Ansehen eingebüßt hat, sind dieser Entwertung kürzlich auch noch die ehemals gefeierten "Vordenker" zum Opfer gefallen. "Gleichzeitigkeitsdenker" und "Multitaskingaktivisten" sind gefragt. Bill Gates, Gründer und Chef des Software-Unternehmens Microsoft, hat es allen (wieder mal) gezeigt. Er ist der reichste Mann der Welt. Die rasend schnelle Verbreitung des Multitasking, also der elektronisch gestützten Simultankultur, hat ihm ein milliardenschweres Vermögen eingebracht.Damit kann Herr Gates jetzt vieles machen und vieles andere sein lassen, und zwar in erster Linie deshalb, weil er dafür gesorgt hat, dass auch Milliarden Nutzer inzwischen vieles machen können, was sie vorher nicht tun konnten und dafür anderes jetzt sein lassen können. Was ehemals eine Belästigung war, erleben und erfahren viele als neue Freiheit. Der rasche Erfolg des Multitasking, die Zunahme der Parallelarbeit und die wachsende Simultanaktivität sind dafür der beste Beleg.

Wer diese Entwicklung ausschließlich als Erfolgsgeschichte, die sie ja auch ist, interpretiert, unterschlägt die Risiken und die Zweifel, die mit allen, speziell aber mit allen hastigen Veränderungen verknüpft sind. Woher eigentlich nehmen wir die Zeit dafür, all das, was wir mit dem Computer tun könnten, auch zu tun, was wir neuerdings sehen, hören und erleben könnten, auch zu sehen, zu hören und zu erleben, was wir an Information vorfinden, auch aufzunehmen und zu verarbeiten, was wir an virtuellen Beziehungen eingehen könnten, auch einzugehen? Wie finden wir uns eigentlich in der Unübersichtlichkeit und den labyrinthischen Verwicklungen des Flüchtigen und der Flüchtenden zurecht? Muss der Mensch dem Computer in seiner Reizverarbeitungskapazität, in seiner Funktionsweise und seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten immer ähnlicher werden? Kann man in einer Umgebung massenhafter Möglichkeiten und "Konjunktive" eigentlich gut leben, in einer Welt, in der von Minute zu Minute alles anders sein könnte, und muss der Mensch vielleicht in Zukunft selbst konjunktivisch leben, sich andauernd verändern, um schließlich zu jener komödiantischen Figur des permanenten Rollenwechslers zu werden, die die Italiener "Transformista" nennen?

Kann man sich eigentlich in einer Umgebung noch wohl fühlen, in der die "Normalität" zu einer schützenswerten Seltenheit geworden ist und in der sich die Arbeit und das Leben immer weniger an bisher geltende Regeln halten? Droht uns hinter den neuen Freiheiten nicht vielleicht nur eine Art Vogelfreiheit? Fragen über Fragen, die sich in einer einzigen zusammenfassen lassen: Sind wir eigentlich für jene Welt geschaffen, die wir uns geschaffen haben?