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9.8.2007 | Von:
Karlheinz A. Geißler

Der Angriff auf Raum und Zeit

Vermarktlichung und Globalisierung gehen mit Beschleunigung einher. Diese ist Folge der Zeitverdichtung, die durch die Parallelisierung von Abläufen und Prozessen in Gang gesetzt wird. Das ändert unseren gewohnten Umgang mit Raum und Zeit gravierend.

Einleitung

Der Fall: Wie vereinbart, kommt Herr Dr. Habermann jeden Freitag um 14:00 Uhr in die Beratung von Frau Dr. Wedekind. Heute jedoch ist er nicht pünktlich. Frau Dr. Wedekind wartet auf ihren Klienten. Um 14:10 Uhr erreicht sie ein Anruf von Dr. Habermann: "Entschuldigen Sie bitte, Frau Dr. Wedekind, ich kann heute leider nicht pünktlich bei Ihnen sein, da ich in einem Verkehrsstau stecke. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, können wir ja mit der Beratung sogleich schon mal beginnen."






Die Grenzen von Raum und Zeit sind in Bewegung. Ihr ehemals starres Regime steht zur Disposition. Beratung kann überallstattfinden, nicht nur in dafür vorgesehenen Räumlichkeiten. Ohne den Fuß vom Gaspedal nehmen zu müssen, lassen sich in der Europäischen Union inzwischen die Staatsgrenzen überwinden. Weitgehend "entortet" und "entzeitlicht" ist heute auch das, was man kauft, was man isst und trinkt, und vieles von dem, was es zu erfahren und zu erleben gibt. Das Orts-, das Zeitgebundene wird hingegen zur "Folklore".

Grenzen fallen auch an anderen Orten: Tankstellen etwa, ehemals ausschließlich dazu da, Kraftstoffe, Dienstleistungen und Produkte zur Autopflege anzubieten, machen inzwischen einen Großteil ihres Umsatzes mit Gebrauchs- und Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs: rund um die Uhr und mit der Folge, dass Tankwarte jetzt mitunter mehr Brötchen backen als die dafür ausgebildeten Bäcker. In Einzelhandelsgeschäften kann man dafür neuerdings im Gegenzug auch Autos, Autozubehörteile und sogar Immobilien kaufen, im Stehkaffee Versicherungspolicen, Goldschmuck und Gartenmöbel erstehen. Dementsprechend hat sich die Erwartung all derer, die etwas einkaufen, und jener, die vom Stress des Alltags in den Urlaub fliehen, auf die möglichst vollständige Nutzung der angebotenen Optionsvielfalt ausgerichtet. Wer etwa eine Urlaubsreise plant, dem geht es nur noch selten ausschließlich um die Befriedigung des Erholungsbedürfnisses. Bevorzugt wird heute eine Kombination von Kultur, Erholung, Bildung, Unterhaltung und wahlweise auch Wellness. So hofft man einerseits Zeit zu sparen, andererseits das Leben zu intensivieren - so weit, bis man sich sicher ist, zwei Leben in einem leben zu können.

Entgrenzung allüberall, auch an unseren Verkehrsknotenpunkten, insbesondere an Bahnhöfen und Airports: Die Zentren der Mobilität werden zu Einkaufs-, Unterhaltungs- und Begegnungsarealen, die zugleich viele Möglichkeiten offerieren, sich auf schnellem Weg zur nächsten Option davonzumachen: meist aber nur dorthin, wo es genauso aussieht und wo ebenso viele Wahlmöglichkeiten warten wie an jenem Ort, dem man soeben entflohen ist. Die Tore zur Welt sind selbst zur Welt geworden und stellen sich dabei meist recht einfältig dar: überall die gleiche eintönige Auswahl an Produkten und Leistungen in gleichen oder einander ähnelnden Geschäften - überall dieselbe Hast. Junge Menschen wachsen in die Gesellschaft der Entgrenzung von Ort und Zeit mit all ihren technischen Möglichkeiten hinein: Dank der Erfolgsgeschichte des Walkman können sie zu jeder Zeit an jedem Ort in die Welt von Bibi Blocksberg und Momo eintauchen. 79 Prozent aller 6- bis 13-Jährigen besitzen in Deutschland eines dieser Illusionsgeräte.

Karl Marx hatte diese Entwicklung vorhergesehen. Im ersten Buch des Kapitals schreibt er von der "Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes". Und in der Tat - die Entgrenzung, der wir gern das Etikett der "Globalisierung" aufkleben, ist ein Ergebnis des "Weltweitwerdens" kapitalistischer Marktdynamiken. Sie ist in erster Linie auf jene räumlichen und zeitlichen Prozesse gerichtet, die das Ziel haben, die Dinge und die Abläufe zu beschleunigen.

Der britische Gesellschaftsanalytiker Antony Giddens beschreibt die Tendenz zur Entgrenzung mit dem Begriff der "Entbettung". Er kennzeichnet damit das "Herausheben sozialer Beziehungen aus ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen und ihre unbegrenzte, Raum-Zeit-Spannungen übergreifende Umstrukturierung". Dies führt, so Giddens, zu jener Form der Globalisierung, die sich als "Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen" darstellt, "durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an einem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt."[1]

Weniger denn je wird der Raum über Grenzen definiert und verortet. Die Medien- und die Informationstechnologie und deren rasante Verbreitung haben ihn "verflüssigt", entmaterialisiert und virtualisiert. Er wird "getötet" - eine Formulierung, die bereits Heinrich Heine anlässlich der inzwischen mehr als 150 Jahre zurückliegenden Eröffnung der Eisenbahnlinie von Paris nach Rouen einfiel.

Wir wollen alle Tage sparen und brauchen alle Tage mehr

Grenzüberschreitungen sind heute zur dominierenden ökonomischen Produktivkraft geworden. Niemand kann sich ihnen mehr entziehen. Besonders spürbar wird diese Dynamik der Entgrenzung bei der ehemals als Zentrum der Orts- und Zeitbezogenheit (der Privatheit) fungierenden eigenen Wohnung. Hier verlieren die Zeiten des sozialen Lebenszusammenhanges immer häufiger ihre Verortung. Verantwortlich dafür ist unter anderem die moderne Technik, die mit ihren Hochgeschwindigkeitstechnologien den Anschluss an das Weltgeschehen herstellt: jederzeit und an jedem Ort. So sind heute weder die Fabrik noch das Büro die einzigen Orte, an denen gearbeitet wird. Computer, Fernsehen, Telefax, Telefon (mit Mailbox) und viele andere Multifunktionsgeräte machen es möglich - mit der Folge des Abschieds vom Privatleben als gesondertem zeitlichen Soziotop. Die Privatwohnung hat sich inzwischen zu einem nicht selten konfliktreichen und entscheidungsintensiven Spannungsfeld zwischen globalisierten Raum- und Zeitmustern einerseits sowie Ort und Zeit der Familiendynamik andererseits gewandelt. Geschäfte werden vom Wohnzimmer aus getätigt, die Arbeit wird am Wochenende nach Hause oder - dem Laptop sei Dank - auf die Ferienreise mitgenommen. Ein stetig wachsender Teil der im Büro Beschäftigten tut das inzwischen - laut Statistik 30 Prozent - mit deutlich steigender Tendenz. Dies geht zu Lasten der Familienzeit.

Der private Lebensraum mutiert nicht nur zur Arbeitsstätte, er wird auch zum Depot für Informationen und Nachrichten, die sogar mittels Fernabfrage von außerhalb jederzeit zugänglich sind. Die Globalisierung jenes Lebensraumes, der in Deutschland grundgesetzlich als privater Ort geschützt ist, wurde längst Realität: "Stärken Sie Ihren Internet-Browser, und schon stehen Sie mit der ganzen Welt in Verbindung" - verspricht Microsoft. Und eine Mehrheit folgt dem Versprechen.

Wie so vieles in diesem Leben, hat auch dieser "Fortschritt" seine Licht- und seine Schattenseiten. Durch die zügig vonstatten gehende Entprivatisierung der eigenen vier Wände lockern sich auch jene traditionellen Zwänge, durch welche die nicht selten spießige und einengende Ordnung des privaten Heims stets auch charakterisiert war. Die Entgrenzungsdynamik eröffnet folglich eine Menge neuer Möglichkeiten und Erfahrungen, birgt aber auch Gefahren: Mit der zunehmenden Zeit- und Ortslosigkeit des Privaten kann es zu massiven Orientierungs- und Identitätsproblemen kommen, die zu steigenden Belastungen der auf Kontinuität und Abgrenzung angewiesenen sozialen Kleinsysteme - der Familien - führen. Das speziell bei jüngeren Familienmitgliedern beliebte "location-hopping", das permanente "Auf-dem-Sprung-Sein", um interessantere Alternativen nicht auszuschließen, das chronisch gewordene Ablenkungsbedürfnis - all das lässt sich mit stabilen, zeitlich und sozial langfristigen Bindungen nur mehr eingeschränkt vereinbaren. Allerdings erhöhen sich hierdurch die Chancen, interessante Menschen kennen zu lernen, neue Kontakte zu knüpfen und an bisher unbekannten Erfahrungen teilhaben zu können.

Ist die eigene Wohnung erst einmal multimedial hochgerüstet, entgrenzt sie sich nicht nur lokal, sondern auch zeitlich. ISDN und UMTS funktionieren unabhängig von der zeitlichen Ordnung der alltäglichen Lebensführung. Die neuen Technologien folgen nicht mehr den von sozialen und/oder natürlichen Rhythmen vorgegebenen Ordnungsprinzipien. Sie kennen weder den Feierabend noch einen Sonntag, also jene Chronotope, die sich in ihrer zeitlichen Alltagsgestaltung grundlegend vom kräftezehrenden Werktag unterscheiden. Man ist heute rund um die Uhr erreichbar, zumindest auf der Mailbox des Telefons oder Mobilgerätes, durchs Faxgerät, per E-Mail oder SMS aufs Handy. Es sind nicht mehr länger allein die an Ort und Stelle anfallenden Aufgaben, welche die zeitliche Gestaltung des sozialen Alltags bestimmen, hinzu kommen die Zeitbedarfe externer und entgrenzter Kommunikationspartner, welche die Intimität der eigenen vier Wände aufbrechen. "Double your time" lautet das Motto dieser Entwicklung.

Der nicht zu unterschlagende beachtliche Gewinn an neuen Freiheiten und erweiterten Wahlmöglichkeiten hat seinen Preis. Bezahlt wird er mit der zunehmenden Auslieferung des Selbst und des Privaten sowie mit stetig wachsender Hetze und steigendem Zeitdruck.

Jenes Beharrungspotenzial, das mit der Regelmäßigkeit natürlicher, sozialer und aufgabenorientierter Rhythmizität eng verbunden ist, geht zunehmend verloren. Es wird durch den Druck zu kurzfristigen Entscheidungen, zu permanenter Aktivität und durch den Zwang zu zeitraubendem Zeitmanagement erodiert. Der damit einhergehende Aufwand an zusätzlichen Orientierungsleistungen, an permanent anfallenden Strukturierungs- und Koordinierungsaufgaben muss jetzt vonjedemIndividuum in Eigenregie erbracht werden. Jener Teil des Alltags, der sich in den eigenen vier Wänden abspielt, gewinnt hierdurch immer mehr Arbeitscharakter. Das wiederum hat zur Folge, dass sich auch Arbeit und Konsum örtlich und zeitlich entgrenzen. Dies nun betrifft nicht nur die Angestellten der Westdeutschen Landesbank, die auf großen Plakaten "droht": "Bei uns hat der Arbeitstag 24 Stunden. Und fünf Kontinente".

Die Effekte sind sichtbar, spürbar und unvermeidlich. Auch der Autor dieses Beitrages sieht sich damit konfrontiert.

"Die Zeiten ändern sich"

"Die Zeiten ändern sich" - so lautet der Titel eines Vortrages, den mich die Leitung eines großen ausländischen Pharmaunternehmens kürzlich zu halten bat. Die schriftliche Bestätigung der telefonischen Vereinbarung traf wenige Tage später ein und führte bei mir zu einer Stimmungsmelange zwischen Irritation, Neugier und Vergnügen. Der Grund: Als Vereinbarung war mir ein zu unterschreibender Liefervertrag zugesandt worden. Er besaß eine Lieferantennummer, die angeforderte Leistung - der Vortrag - tauchte in der Rubrik "Liefermaterial" auf. Darüber hinaus waren die Liefermenge (1,000 Stück), der Liefertermin und der Preis pro Einheit vermerkt. Der Hinweis: "Wir bestellen unter Ausschluss etwaiger Verkaufsbedingungen" blieb mir in seinen Konsequenzen unerforschlich fremd. Die Bestellung der Lieferung war konsequenterweise von einem Herrn unterschrieben worden, der sich mit der Bezeichnung "Einkäufer" auswies.

Niemals zuvor habe ich mich mit dem Sachverhalt konfrontiert gesehen, zu einem Vortrag als Lieferant mit abgeschlossenem Liefervertrag anreisen zu müssen. Hatte der mir unbekannte "Einkäufer" das Vortragsthema: "Die Zeiten ändern sich" möglicherweise als willkommene, mich zur Kreativität anregende Herausforderung verstanden, die veränderten Zeiten sogleich auch zu demonstrieren? Wollte er mir beweisen, dass die Zeiten sich wirklich ändern? - Nachdem ich durch telefonische Rücksprache erfahren hatte, dass als Lieferung nichts weiter als eine ca. vierzigminütige Aneinanderreihung von Worten, die in eine themenbezogene, verständliche Reihenfolge gebracht und mündlich vorgetragen werden sollten, erwartet wurde, begab ich mich, um Vertragstreue bemüht, auf die Reise zum Auftraggeber.

Ökonomie und Technologie erobern die Kopfarbeit und integrieren sie in ihre Sprach- und Organisationssysteme. Das ist nichts grundlegend Neues. Neu sind Umfang und Dynamik dieser Tendenz. Im Gleichklang mit der Entgrenzung von Ort und Zeit nimmt die ohnehin herrschende Dominanz ökonomischer Denk- und Handlungsmuster weiter zu. Existierende Unterschiede werden, wenn es ökonomisch profitabel erscheint, eingeebnet. So wird in dem referierten Beispiel kein Unterschied mehr gemacht, ob eine Kiste Schrauben geliefert wird oder ein aus flüchtigen Worten zusammengesetzter Vortrag.

Die Intensität, mit der die neuen Technologien auch an anderer Stelle zu Gleichzeitig- und Gleichartigkeit führen, schildert Michel Serres im Vorwort des von ihm herausgegebenen "Thesaurus der exakten Wissenschaften" am Beispiel der Arbeitsformen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen:[2] "Bis vor zwanzig Jahren brauchte man die Wissenschaften gar nicht zu kennen, um sie grob zuordnen zu können. Wenn jemand seltsame Zeichen auf eine schwarze Wandtafel malte, wusste man, das war ein Mathematiker. Hantierte eine Frau im grauen Kittel an elektrischen Schaltkreisen herum, erkannte man in ihr sofort die Physikerin. Wer sich in einem löchrigen, schmutzigen, ehemals weißen Kittel an gläsernen Gefäßen mir farbigen Flüssigkeiten zu schaffen machte, war Chemiker, und wer die Nacht damit verbrachte, in einem Haus mit geöffnetem Dach durch ein Rohr den Himmel zu betrachten, war Astronom. Die Ärztin erkannte man am Stethoskop, mit dem sie die Kranken abhorchte. Der Historiker wühlte im Staub der Archive und Bibliotheken. Ohne jemanden zu täuschen, tanzten die Körper der Fachwissenschaftler auf ihre je eigene Weise. Auch wenn ein gänzlich dem Intellekt verschriebenes Vorurteil niemals Notiz von dieser je eigenen Körperlichkeit der einzelnen Fachgebiete nahm, besaß jedes seine eigenen disziplinären Haltungen, Gebärden und Instrumente. Wer heute irgendein Labor oder wissenschaftliches Institut betritt, sieht überall dasselbe Bild: Menschen, die vor Computerbildschirmen sitzen und auf ihren Tastaturen hämmern. Der Tanz der Körper lässt keine Unterschiede mehr zwischen ihnen erkennen. Ob Gelehrter, eine im Verschwinden begriffene Spezies, ob Biologe oder Physiker, ob Chemiker oder Topologe, sie alle mühen sich an derselben Maschine ab. Mit dem neuen Jahrtausend vereinheitlichen sich die Haltungen und Gebärden. Früher schrieben all diese Wissenschaftler Bücher oder Aufsätze. Nun lassen sie ihre Augen und Finger nicht mehr über das Papier huschen, sondern starren alle auf Bildschirme und schlagen auf Tasten."

Nichts anderes tun auch Personen, die Vorträge mit Lieferscheinen bestellen und Vortragende, welche die zu liefernden Reden konzipieren und mit PowerPoint Unterstützung präsentieren. Die von Serres so treffend geschilderte Vereinheitlichung der wissenschaftlichen Arbeitsformen geht weit über den akademischen Bereich hinaus. Sie tangiert inzwischen die gesamte Berufswelt, darunter auch die nichtakademischen Tätigkeiten.

Die Geschichte belegt, dass sich mit der Veränderung dessen, was Serres "Ausstattungsmittel" nennt, auch das Denken und Handeln der Menschen grundlegend wandelt. Nicht zuletzt ist der Druck, heute lebenslang lernen und umlernen, also unaufhörlich an sich selbst arbeiten zu müssen, ein Zeichen dafür, dass wir uns ohne Aussicht auf ein erlösendes Ende mit der Dynamik von Veränderungen arrangieren müssen. Damit einher geht der Zwang, von einem Großteil der teilweise mühsam angeeigneten Wahrnehmungsformen, Denkqualitäten und Handlungsmuster, die bisher Stabilität und Orientierung verliehen haben, Abschied nehmen zu müssen. Der Beruf, einst traditioneller Stabilisator der Existenz, kann seine für die Einzelnen und die Gesellschaft wichtige Orientierungsfunktion heute nicht mehr erfüllen, er wird vom "Job" und von unterschiedlichen Projektarbeiten abgelöst. Konventionen des Alltagshandelns werden ebenso ihrer Selbstverständlichkeit beraubt, wie vieles andere, das eben noch als wichtige, neue Erkenntnis propagiert und publiziert wurde, über Nacht zum alten Eisen verkommt.

Das schlägt sich auch in der Sprache, in Wortneuschöpfungen, die der Illusion des Zeitgewinnes geschuldet sind, nieder. Der "Quick-Check" am Flughafen wie beim Hausarzt und im Business-Hotel, das "Express-Frühstück" in Bildungshäusern, an Fernbahnhöfen und im Café hochflexibler Tagungszentren, überall "Last-Minute-Orders" die von "Last-Second-Bestellungen" übertroffen werden. Der schnelle Mittagsschlaf heißt "Power-Nap", das Wochenende wird zur "Speed-Wellness" genutzt, der überraschende Arbeitsplatzverlust mutiert nicht selten zum "Outsourcing".

In dieses Kapitel gehört auch die hochmobile Schnäppchenjagd, die stetige Hast, ja nur kein Sonderangebot zu verpassen. Dafür investiert der Schnäppchenjäger enorm viel Zeit: Hektische Daueraktivität und hoher Energieverbrauch sind der Preis fürs Geldsparen. Doch die Rechnung geht nicht auf: Das Leben als "Dabeiseinsspezialist" mit "Überallereichbarkeit" macht den Schnäppchenjäger schließlich zum gehetzten Opfer seiner eigenen Jagdleidenschaft. Letztlich erstarrt seine unproduktive Produktivität in "rasendem Stillstand".[3]

Schnelle Rede - kurzer Sinn

"Ich kann doch nicht immer meinen, was ich alles sage", antwortete jüngst eine kesse junge Radiomoderatorin einer älteren Kollegin auf den Vorwurf, sie widerspreche sich soeben. Die Frage nach dem Sinn und den Konsequenzen des gerade Gesagten, scheint in der heutigen kurzlebigen Zeit zu zeitaufwändig zu sein. Sie passt nicht mehr in die schnelle Gesellschaft. Man kann sie sich, will man beim Rennen in die Zukunft mitkommen, nicht mehr leisten.

Anders als die junge Radionmoderatorin versuchen Politikerinnen und Politiker, ihrer Sinn- und Ratlosigkeit in Pressemeldungen und Fernsehstatements zumindest den Schein der Sinnhaftigkeit zu verleihen. Dabei kommen oft nicht mehr als rasch wechselnde, weitgehend inhaltsleere, auf mediengerechte Zeitmuster zurechtgestutzte, formelhaft vorgetragene Allerweltsstatements heraus:"Sinnburger", rhetorisches Fast-food also. Die Sprechgeschwindigkeit von Rundfunk- und Fernsehmoderatoren hat enorm zugenommen - und dieses Tempo wird auch von den Gesprächspartnern erwartet. Politiker, so eine Untersuchung aus den USA, hatten in den 1960er Jahren im Fernsehen noch dreiundvierzig Sekunden Zeit, ohne Unterbrechung ihre Position zu vertreten, 1992 blieben davon noch acht Sekunden übrig. Heute erscheint das vielen Moderatoren immer noch zu lang. Der Politikwissenschaftler Ulf Torgersen kam bei einer Untersuchung norwegischer Parlamentsreden im Rahmen von Haushaltsberatungen zu dem Ergebnis, dass die von den Parlamentariern pro Minute artikulierten Phoneme (Bedeutungseinheiten) zwischen 1945 und 1995 von 584 auf 863 gestiegen sind. Es wird zwar mehr in kürzerer Zeit geredet, gesagt aber wird dabei meist weniger.

Ob "Sinnburger" im Rundfunk und im Fernsehen oder im Parlament, ob Cheeseburger am Tresen oder am Resopaltisch - die Sättigung ist in allen Fällen nicht nachhaltig. Die Frage nach dem Sinn lässt sich nun einmal nicht auf die Schnelle beantworten. Immer mehr Menschen verzichten heute auf die Klärung tiefgehender Sinnfragen und ersetzen sie durch die nicht weniger große Anstrengung, alles auf einmal machen und erreichen zu wollen. So wimmelt es heute von nichtssagenden Kurzstatements, von oberflächlichen "Briefings", jenem schnellen Weg vom Nichtwissen zum Wissen, der sich in der Wissenschaftsszene bevorzugt in so einfältigen Gewändern wie Thesenpapieren, Exposés und "Abstracts" präsentiert. "Ich lese", so gestehen überlastete und überhastete Hochschullehrer, "nur mehr Einleitungen und Zusammenfassungen." Und Prüflinge beichten, sie hätten bei der Prüfungsvorbereitung hauptsächlich "mal etwas gegoogelt". In einer solchen Welt ist die Frage "Was bin ich?" nicht mehr aktuell - und konsequenterweise fällt sie auch dem Rotstift der Quotenfetischisten zum Opfer. So wird man den Eindruck nicht los, der "Sinn" gehöre vielleicht auch zu jenem "alten Europa", das zu verlassen und zu vergessen wir derzeit mit hohem technischen Aufwand genötigt werden.

Nachdem das Nachdenken schon seit Längerem als Erfolgsstrategie an Ansehen eingebüßt hat, sind dieser Entwertung kürzlich auch noch die ehemals gefeierten "Vordenker" zum Opfer gefallen. "Gleichzeitigkeitsdenker" und "Multitaskingaktivisten" sind gefragt. Bill Gates, Gründer und Chef des Software-Unternehmens Microsoft, hat es allen (wieder mal) gezeigt. Er ist der reichste Mann der Welt. Die rasend schnelle Verbreitung des Multitasking, also der elektronisch gestützten Simultankultur, hat ihm ein milliardenschweres Vermögen eingebracht.Damit kann Herr Gates jetzt vieles machen und vieles andere sein lassen, und zwar in erster Linie deshalb, weil er dafür gesorgt hat, dass auch Milliarden Nutzer inzwischen vieles machen können, was sie vorher nicht tun konnten und dafür anderes jetzt sein lassen können. Was ehemals eine Belästigung war, erleben und erfahren viele als neue Freiheit. Der rasche Erfolg des Multitasking, die Zunahme der Parallelarbeit und die wachsende Simultanaktivität sind dafür der beste Beleg.

Wer diese Entwicklung ausschließlich als Erfolgsgeschichte, die sie ja auch ist, interpretiert, unterschlägt die Risiken und die Zweifel, die mit allen, speziell aber mit allen hastigen Veränderungen verknüpft sind. Woher eigentlich nehmen wir die Zeit dafür, all das, was wir mit dem Computer tun könnten, auch zu tun, was wir neuerdings sehen, hören und erleben könnten, auch zu sehen, zu hören und zu erleben, was wir an Information vorfinden, auch aufzunehmen und zu verarbeiten, was wir an virtuellen Beziehungen eingehen könnten, auch einzugehen? Wie finden wir uns eigentlich in der Unübersichtlichkeit und den labyrinthischen Verwicklungen des Flüchtigen und der Flüchtenden zurecht? Muss der Mensch dem Computer in seiner Reizverarbeitungskapazität, in seiner Funktionsweise und seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten immer ähnlicher werden? Kann man in einer Umgebung massenhafter Möglichkeiten und "Konjunktive" eigentlich gut leben, in einer Welt, in der von Minute zu Minute alles anders sein könnte, und muss der Mensch vielleicht in Zukunft selbst konjunktivisch leben, sich andauernd verändern, um schließlich zu jener komödiantischen Figur des permanenten Rollenwechslers zu werden, die die Italiener "Transformista" nennen?

Kann man sich eigentlich in einer Umgebung noch wohl fühlen, in der die "Normalität" zu einer schützenswerten Seltenheit geworden ist und in der sich die Arbeit und das Leben immer weniger an bisher geltende Regeln halten? Droht uns hinter den neuen Freiheiten nicht vielleicht nur eine Art Vogelfreiheit? Fragen über Fragen, die sich in einer einzigen zusammenfassen lassen: Sind wir eigentlich für jene Welt geschaffen, die wir uns geschaffen haben?

Und die Antworten?

Wer polarisierende Ja-Nein-Antworten erwartet, hat nicht allzu viel aus der Menschheitsgeschichte gelernt. Jede Entwicklung, so die Erkenntnisse aus der Evolutionsgeschichte und auch die Erfahrungen vorangegangener Generationen, birgt beides in sich: Risiken und Gefahren, Chancen und Bedrohungen. Sie verläuft nie eindimensional. Nutzen und Kosten, Gewinne und Verluste lassen sich dabei nicht in die Schemata einer Bilanz einordnen. Auch können weder biologisch-genetische Dynamiken (Evolution) noch gesellschaftliche Veränderungen (Reformen und Revolutionen) in ihren Verläufen vorab präzise kalkuliert werden. Klüger ist man immer nur im Nachhinein. Das unterscheidet das Leben und das Lebendige von der Technik und allen technologisch dominierten Personen.

Auch in der Vergangenheit waren Menschen mit der Dynamik von Entwicklungen konfrontiert und in diese verwickelt, die sie in ihrem sozialen und individuellen Selbstverständnis bedrohten. Auch in längst vergangenen Epochen mussten Wahrnehmungsweisen, Denk- und Handlungsformen, die man für selbstverständlich hielt und die man liebgewonnen hatte, gewechselt, verändert oder gar abgelegt werden. Die Formen des Zusammenlebens und der Vergemeinschaftung waren einem steten, zumindest begrenzten Wandel ausgesetzt. Und immer wurden sie auch mit dem Ziel verändert, die Lebensverhältnisse zu verbessern. Nur - gelungen ist dies, wie man aus Erfahrung weiß, bei Weitem nicht in allen Fällen.

Dass die gesellschaftlichen, sozialen und individuellen Veränderungen einerseits Ängste verursachen, andererseits große Hoffnungen, Erwartungen und interessierte Neugier auf das, was sich ankündigt, erzeugen, ist daher auch nicht neu. Den homo simultans wird es freuen, denn so kann er wieder mal etwas vergleichzeitigen: das Neue und das Alte, die Vergangenheit und die gegenwärtige Zukunft, die Hoffnung und die Angst.
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Fußnoten

1.
Antony Giddens, Konsequenzen der Moderne, Frankfurt/M. 1995, S. 33 und 85.
2.
Michel Serres, Vorwort, in: Thesaurus der exakten Wissenschaften, Frankfurt/M. 2001, S. XI.
3.
Karlheinz A. Geißler, Alles. Gleichzeitig. Und zwar sofort; Freiburg 2005 und ders., Alles Espresso. Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung, Stuttgart 2007.