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30.7.2007 | Von:
Joachim Detjen

Politische Bildung für bildungsferne Milieus

Konsum-Materialisten und Hedonisten bringen der politischen Bildung wenig Interesse entgegen. Manche Vorschläge zur Bewältigung dieses Dilemmas sind problematisch.

Einleitung

Seit einiger Zeit bereitet ein alles andere als neuer, aber lange wenig beachteter Sachverhalt den Verantwortungsträgern der politischen Bildung erhebliche Sorgen: Ein Segment der Gesellschaft, das sich großenteils aus den unteren Sozialschichten zusammensetzt, scheint sich ihren Bemühungen weitgehend zu entziehen. Die Angehörigen dieser Schichten verfügen in der Regel über niedrige Bildungsabschlüsse. Ihr Fernsehkonsum ist deutlich höher und deutlich weniger anspruchsvoll als der von Angehörigen höherer Schichten. Sie sind politisch uninformiert, sozial wenig engagiert, partizipatorisch passiv[1] und deshalb für die politische Bildung kaum ansprechbar. Die Kinder dieser Milieus fallen durch Sprachbarrieren, Lernschwierigkeiten, schlechte Schulleistungen und häufig durch abweichende Verhaltensweisen auf. Im Schuljahr 2002/03 verließen etwa acht Prozent die Hauptschule ohne und etwa 25 Prozent mit Abschluss. Diese Jugendlichen wären als relativ "bildungsfern" zu bezeichnen. Es handelt sich insgesamt um ein Drittel aller deutschen Schulabgänger.

Empirische Studien weisen immer wieder nach, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und politischem Interesse gibt.[2] Nach wie vor ist es besser gebildeten Jugendlichen vorbehalten, sich als politisch interessiert zu charakterisieren. Man kann sogar davon sprechen, dass sich das politische Interesse von besser gebildeten Eltern auf ihre Kinder sozial vererbt. Typischerweise sind die für politisch interessierte Jugendliche charakteristischen wichtigsten Freizeitbeschäftigungen "Bücher lesen", sich "in Projekten, Initiativen und Vereinen engagieren" und sich "künstlerisch betätigen".

Das niedrige Bildungsniveau der Bildungsfernen korreliert demgegenüber mit Sprach- und Gesprächsarmut sowie einer eher niedrigen politischen Urteilskompetenz. Das geringe politische Interesse resultiert aus nur sporadisch vorhandenem Wissen über Politik: Wer nicht weiß, was sich hinter der politischen Oberfläche verbirgt, wird von diesem Bereich auch nicht angezogen.[3] Charakteristisch für desinteressierte Jugendliche ist weiterhin die Aussage, dass politische Betätigung eher langweilig sei. Hier spiegelt sich sowohl der fehlende Bezug zur Politik als auch die Einschätzung, dass man durch politische Aktivität keinen Einfluss nehmen könne.[4]

Auf niedrige Bildungsabschlüsse folgen häufig unsichere berufliche Karrieren und prekäre Lebenslagen. Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensverhältnissen führt wiederum häufig zu Unzufriedenheit mit der Demokratie sowie zu Distanz gegenüber dem Gemeinwesen. Je unsicherer die Zukunft erscheint, desto mehr wird die Politik abgelehnt.

Zweifellos ist die politische Stabilität eines Landes gefährdet, wenn einem erheblichen Teil seiner Bürgerinnen und Bürger der Staat fremd bleibt und Apathie sowie antidemokratische Ressentiments verbreitet sind. Dieser Prozess bahnt sich möglicherweise früh an, so dass die politische Bildung der Problemgruppe der Desinteressierten Aufmerksamkeit schenken sollte, denn man darf einen beträchtlichen Teil der Gesellschaft nicht für die Demokratie verloren geben.

Lebensauffassung und Bildungsverhalten bildungsferner Milieus

Um die Einstellungen bildungsferner Jugendlicher besser verstehen zu können, bietet es sich an, sie aus der Perspektive sozialer Milieus zu betrachten: "Milieu bezeichnet gemeinhin die besondere soziale Umwelt, in deren Mitte (au milieu) Menschen leben, wohnen und tätig sind und die ihrem Habitus entspricht. Hier finden sie ihresgleichen, andere Menschen, mit deren Art sie zusammenpassen. Verbindend ist das Gewohnte (ethos) beziehungsweise eine gemeinsame grundlegende Haltung (hexis, habitus), die sich im Zusammenleben nach und nach entwickelt hat. Der Habitus, die gesamte äußere und innere Haltung eines Menschen, umfasst äußerst Vielfältiges: den Geschmack und den Lebensstil, das Verhältnis zum Körper und zu den Gefühlen, die Handlungs- und Beziehungsmuster, die Mentalitäten und Weltdeutungen."[5] Die Milieuforschung fasst Menschen mit ähnlicher Lebensauffassung und Lebensweise zu sozialen Milieus zusammen. Insbesondere das soziale und politische Verhalten jüngerer Alterskohorten ist stark vom zugehörigen Milieu bestimmt. Jugendliche entwickeln auf der Grundlage unterschiedlicher milieuspezifischer Anerkennungsmuster Relevanzstrukturen, die zu abgrenzbaren Präferenzordnungen führen. Die Milieus bestimmen somit maßgeblich die lebensweltlichen Handlungsorientierungen.[6]

Der Milieu-Ansatz ist ein taugliches Instrument zur Identifizierung von Zielgruppen der politischen Bildung. Das Heidelberger Sinus-Institut unterscheidet insgesamt zehn soziale Milieus. Der unteren Mittelschicht bzw. der Unterschicht rechnet es drei Milieus zu: Traditionsverwurzelte, Konsum-Materialisten und Hedonisten. Die beiden letztgenannten Milieus bilden aus mehreren Gründen besonders wichtige und schwierige Adressaten der politischen Bildung. So liegt der Altersschwerpunkt dieser Milieus unter 30 Jahren. Weiterhin machen sie jeweils etwa elf Prozent der Bevölkerung aus. Ihr Wachstumspotenzial weist aber über diese Anteile hinaus. Das Bildungsverhalten der Angehörigen der beiden Milieus ist ausgesprochen passiv und stellt für schulische wie außerschulische Bildungsträger große Herausforderungen dar. Ein näherer Blick auf die beiden Milieus kann verdeutlichen, worin diese bestehen.[7]

Konsum-Materialisten weisen fast ausschließlich den Hauptschulabschluss auf. Nur teilweise haben sie eine Berufsausbildung durchlaufen. Sie versuchen, mangelnde berufliche Qualifikation und prekäre wirtschaftliche Lage durch einen prestigeorientierten Konsumstil zu kompensieren. Sie pflegen einen spaß- und freizeitorientierten Lebensstil. Kennzeichnend ist ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung. Das Milieu ist mehr am Heute als an einer Lebensplanung orientiert, misst Entlastung und Lebensgenuss einen höheren Wert bei als einem Ethos aktiver Verantwortung und Arbeit. Konsum-Materialisten wissen, dass Bildung eine gesellschaftliche Leistungsnorm darstellt und über soziale Akzeptanz, Partizipation und Aufstieg entscheidet. Den meisten ist klar, dass sie große Bildungsdefizite haben. Weiterhin sind sie davon überzeugt, dass der Zugang zu Bildung von der sozialen Herkunft abhängig ist. Das Bildungsverständnis der Konsum-Materialisten ist stark von ihrer sozialen Lage bestimmt: Bildung gilt ihnen als Voraussetzung dafür, nicht ausgenutzt, benachteiligt oder sozial ausgegrenzt zu werden. Bildung hat außerdem die Bedeutung von "Informiertsein über Aktuelles". Dabei bezieht sich das Informiertsein vor allem auf Rechte als Konsumenten. Bildung muss mithin einen unmittelbar praktischen Nutzen haben; sie ist nicht Selbstzweck und hat auch nichts mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Klassische Bildungsangebote rufen bei Konsum-Materialisten leicht Gefühle von Frustration, Minderwertigkeit, Ohnmacht und Überforderung hervor. Ein Ausweg ist das Argument von der praktischen Nutzlosigkeit einer Bildung, die nicht den Alltag zu erleichtern hilft. Die starke Nutzenorientierung schränkt das Spektrum von Bildungsthemen ein. Falls man sich über Politik und Wirtschaft informiert, geht es nicht um die Sache, sondern um jeweils alltagsrelevante Ausschnitte. Kognitiv anspruchsvolle Medien wirken auf Konsum-Materialisten abgehoben. Sie fühlen sich eher von Boulevardzeitungen angesprochen. Das Bücherlesen ist kaum verbreitet.

Hedonisten weisen einfache bis mittlere Schulabschlüsse auf. Sie betonen den Lebensgenuss im Hier und Jetzt, suchen nach Unterhaltung und Bewegung, pflegen einen spontanen Konsumstil sowie einen unkontrollierten Umgang mit Geld und zeigen eine Vorliebe für Unangepasstheit. Sie haben ein ambivalentes Verhältnis zur Bildung: Sie wissen, dass Bildung zu den Bedingungsfaktoren für eine gelungene Lebensbiographie gehören. Dennoch zeigen sie nur wenig Antrieb, für Bildung Zeit und Kraft zu investieren. Sie verhalten sich distanziert zu Bildungsangeboten, denn Bildung bedeutet Verzicht auf Freizeit und ist anstrengend - ein Bereich gesellschaftlicher Leistungsanforderung, dem sie sich am liebsten entziehen würden. Bildung dient den Hedonisten nicht zur Persönlichkeitsentwicklung, hat also keinen intrinsischen Wert. Sie muss vielmehr einen praktischen Nutzen haben. Das meint, dass man als Ergebnis der Bildungsanstrengung mehr Geld verdient und sich mehr leisten kann. Die Idealvorstellung ist, sich Wissen ohne viel Aufwand anzueignen. Freiwillig werden Bildungsveranstaltungen dann besucht, wenn sie den Rahmen der subkulturellen Szenen und Events berücksichtigen, denn das verheißt Unterhaltung ("Edutainment") sowie eine angemessene Form und Sprache.

Bildungsferne Milieus und der öffentliche Bildungsauftrag

Die außerschulische politische Bildung hat es in mehrfacher Hinsicht besonders schwer, mit ihren Angeboten Jugendliche aus bildungsfernen Milieus zu erreichen. Da Angebote der politischen Bildung kaum Hoffnungen vermitteln können, dass sich durch eine Teilnahme die unsicheren biographischen Perspektiven verbessern, sind Ablehnung und Ignorierung durchaus verständlich. Das passt bruchlos zu dem vom Pragmatismus bestimmten Bildungsverständnis unterer sozialer Schichten: Bildung muss sich beruflich-fachlich lohnen und sozialen Aufstieg ermöglichen. Auf weitgehendes Unverständnis stößt eine Vorstellung, die Bildung mit höherer Kultur gleichsetzt.[8]

Konsum-Materialisten verhalten sich gegenüber politischen Themen, die sie nicht persönlich-materiell betreffen, sehr distanziert - mit einer Ausnahme: Es erscheint ihnen sozial opportun, wenigstens ein Mindestmaß an Informationen über aktuelle politische Probleme sowie ein Grundwissen über Politik zu besitzen. Zweck dieses Wissens ist es, in der sozialen Umgebung mitreden zu können, um mit diesem Wissen zu beeindrucken und anerkannt zu werden. Konsum-Materialisten rechtfertigen ihr mangelndes Interesse an umfassender politischer Bildung mit dem Argument, dass viele politische Themen sie nicht persönlich beträfen. Außerdem koste die Bewältigung des Alltags so viel Kraft, dass man sich nicht auch noch um Dinge kümmern könne, die keinen unmittelbaren Einfluss auf das eigene Leben hätten. Wenn man Angebote der politischen Bildung wahrnehmen solle, müsse ein praktischer persönlicher Nutzen erkennbar sein. Interessant sind daher Themen, die einen starken Bezug zum eigenen Leben und Auswirkungen auf die finanzielle Situation haben. Dies trifft beispielsweise auf die Renten-, Steuer- und Gesundheitspolitik zu. Es geht Konsum-Materialisten bei diesen Themen aber weniger um Erkenntnis des eigentlich Politischen als vielmehr um das praktische Ergebnis für den Einzelnen. Bei der Vermittlung politischer Themen ist die Verständlichkeit besonders wichtig. Die eingesetzten Medien dürfen nicht überfordern oder gar Wissensdefizite bewusst machen. Fachbegriffe und Fremdwörter sind nach Möglichkeit zu vermeiden. Komplex aufbereitete Informationen evozieren Gefühle von Frustration und Unvermögen. Schließlich sollen Medien unterhaltsam sein. Politische Bildung darf nicht anstrengen, sie soll nebenher erfolgen und im optimalen Fall Spaß machen.

Hedonisten messen fundiertem Wissen in der politischen Bildung nur geringen Wert zu. Das Interesse an politischer Bildung ist allenfalls rudimentär entwickelt. Wenn sie politische Themen rezipieren, dann zielt dies nicht auf die Bildung einer eigenen Meinung, die man auch vor anderen vertreten würde. Sie fühlen sich fremd und unsicher in dem jenseits ihrer Interessen liegenden Feld gesellschaftlicher und politischer Themen. Informationen über Gesellschaft und Politik filtern sie im Wesentlichen nach Kriterien persönlicher Betroffenheit und dem Unterhaltungswert. Hierzu passt ihre Abneigung gegen Bildungsangebote, deren Aneignung ihnen zu mühsam ist.

Das Bildungsverhalten von Konsum-Materialisten und Hedonisten wirkt wie ein unüberwindbares Hindernis für die Erfüllung des öffentlichen Bildungsauftrages der politischen Bildung. Denn die schulische wie auch die außerschulische politische Bildung sind der politischen Mündigkeit des Individuums verpflichtet. Diese setzt einen Kernbestand an politischem Wissen, politische Urteilskompetenz und politische Handlungsfähigkeiten sowie bestimmte politische Tugenden voraus.[9] Politische Mündigkeit ist aus Sicht des Einzelnen Bedingung für erfolgreiches Handeln in der Öffentlichkeit. Aus Sicht des Gemeinwesens ist sie unerlässlich für die Weiterentwicklung einer demokratischen politischen Kultur, darüber hinaus für die Stabilität des freiheitlichen Staates.

Wie groß die Distanz der Bildungsfernen zum Auftrag der politischen Bildung ist, lässt sich an allen Komponenten der politischen Mündigkeit zeigen. So gehören zum Wissensbestand des mündigen Bürgers Einsichten in das Funktionieren der Politik. Entsprechende Einsichten basieren auf der Unterscheidung in die Dimensionen polity, politics und policy und daraus abgeleitet auf dem Wissen der Bedeutung der Kategorien Macht, Recht, Interessen, Ideologie, Konflikt, Konsens und Gemeinwohl. Über dieses kategoriale Wissen muss verfügen, wer politische Konflikt- und Entscheidungssituationen rational analysieren will. Mindestens genauso wichtig ist das Verständnis zentraler Konzepte des freiheitlichen Verfassungsstaates. Dazu gehören die Volkssouveränität, die Repräsentation, die Wahlrechtsgrundsätze, das Mehrheitsprinzip, die Funktionen der Opposition, die Gewaltenteilung, das Prinzip der Herrschaftsbegrenzung, die Herrschaft des Rechts, die Grundrechte und der gesellschaftliche Pluralismus. Die politische Urteilskompetenz besteht im Wissen um die Rationalitätskriterien Effizienz und Legitimität und die Urteilsperspektiven der politischen Akteure und der von Politik Betroffenen. Das Urteilen setzt sich aus den drei Schritten Situationsanalyse, Möglichkeitserörterung und Entscheidungsfällung zusammen. In jedem dieser Schritte sind die politischen Kategorien anzuwenden.

Die politischen Handlungsfähigkeiten kreisen um Tätigkeiten, die zur Bewältigung politischer Partizipation vonnöten sind. Da Partizipation in erheblichem Maße in kommunikativen Akten besteht, ist die Bedeutung basaler sprachlicher Fähigkeiten kaum zu überschätzen. Man muss Fragen gezielt stellen, Argumente präzise formulieren, eine Sache auf den Punkt bringen und komplexe Zusammenhänge verständlich darstellen können. Hinzu kommen organisatorische sowie rhetorische Befähigungen. Politisch handlungsfähig ist, wer Ideen formulieren, Konzepte entwickeln, Veranstaltungen organisieren, Versammlungen leiten, politische Diskussionen moderieren, Redebeiträge vor größerem Publikum liefern, öffentliche politische Reden halten sowie Gefolgschaften organisieren und mobilisieren kann. Das Gemeinwesen bedarf zu seiner Erhaltung bestimmter politischer Tugenden. Die wichtigsten sind Loyalität zur politischen Ordnung, Rechtsgehorsam, Kooperationsbereitschaft, Fairness, Toleranz, Partizipationsbereitschaft, sozialer Gerechtigkeitssinn und Solidarität.[10]

Auswege aus dem Bildungsdilemma

Die politische Bildung muss sich auf die relativ geringe Informationsaufnahme und die mangelnden Informationsverarbeitungskapazitäten der Angehörigen bildungsferner Schichten einstellen. Sie muss einen Weg finden, der sowohl die Psychologik dieser Adressatengruppe als auch die Sachlogik der Politik berücksichtigt. Es gibt eine Fülle von Vorschlägen zur Bewältigung dieses Bildungsdilemmas. Sie lassen sich danach gruppieren, ob sie den Fokus eher auf die Psychologik der Subjekte oder eher auf die Sachlogik der Politik legen.

Eindeutig auf die Psychologik fixiert sind Anregungen, die eine Anpassung der eingesetzten Medien an bildungsferne Zielgruppen vorschlagen. Dies bedeutet, audiovisuelle und digitale Medien zu Lasten traditioneller textbasierter Medien zu stärken. Sofern Texte unverzichtbar sind, ist leichte Verständlichkeit oberstes Gebot. Eine Mischung aus wenigen bzw. kurzen Texten und vielen eingestreuten Bildern gilt als zielgruppenadäquat. Empfohlen wird weiterhin, die Informationsvermittlung mit einem hohen Unterhaltungswert zu verbinden. Schließlich soll in inhaltlicher Hinsicht der Aspekt des praktischen Alltagsnutzens für die Zielgruppen beachtet werden.

Ebenfalls auf die Motivationsdefizite bildungsferner Jugendlicher bezieht sich der Vorschlag, Veranstaltungen mit Eventcharakter, also Konzerte, Festivals oder sportliche Wettkämpfe, für die politische Bildung zu nutzen. Es wird zugestanden, dass solche Veranstaltungen keinen unmittelbaren Zusammenhang mit klassischen politischen Kontexten haben, zugleich aber hofft man, "dass an den Rändern dieser Treffen jenen Praktiken Raum gegeben wird, die die Befähigung zur demokratischen Partizipation erhöhen. An diesen Rändern etwa wäre eine mediale Vermittlung von der Seite her ohne großen Aufwand möglich, indem etwa Multimediastationen aufgebaut würden - beispielsweise zum Chatten mit Prominenten aus der Jugend-, Familien- oder Bildungspolitik, zur Teilnahme an einer virtuellen Wahlmaschine für Jugendliche unter 18 Lebensjahren."[11]

Eine weitere Idee greift die Einbindung von Sozialarbeit und Jugendhilfe in die politische Bildungsarbeit auf. Mit Hilfe von Methoden aus der Erlebnis-, Theater- und Medienpädagogik sollen Jugendliche für soziales Verhalten sensibilisiert werden. So ist an musikalisch-choreographische Tanz- und Theaterprojekte, an Schreibwerkstätten, an die Produktion von Videoclips und Mediencollagen sowie an die Einbindung Jugendlicher in die Aufrechterhaltung des Wohnumfeldes gedacht. Selbstkritisch wird eingeräumt, dass solche Projekte eher kulturellen Charakter trügen. Dennoch hätten sie sozial positive Auswirkungen, und dies entspreche den Intentionen der politischen Bildung.[12]

Ebenso zu den vorrangig die Psychologik berücksichtigenden Empfehlungen gehört das Konzept der so genannten vorpolitischen politischen Bildung, welches eine kompensatorische Empowerment-Strategie verfolgt. Zielmarke ist die Erhöhung des Selbstvertrauens und Selbstwertgefühls. Die Erwartung ist, dass auf dem Fundament eines persönlichen Kompetenzbewusstseins die Ausbildung sozialer und partizipatorischer Kompetenzen weniger unwahrscheinlich ist.[13] Ferner wird vorgeschlagen, politische Bildung auf die so genannte Lebenshilfe zu konzentrieren. Dahinter steht die Überlegung, dass bildungsferne Jugendliche sich nur dann mit Aussicht auf Erfolg ansprechen lassen, wenn man an ihre Bedürfnisse und Präferenzen anknüpft. Für soziale Unterschichten ist es aber besonders wichtig, zu erfahren, wo man welche materiellen Leistungen bekommen und wie man diese beantragen und empfangen kann. Politische Bildung als Lebenshilfe fungiert mithin als materiell einträgliches Informationsmedium.

Völlig anders als die bisher vorgestellten Konzepte ist der Vorschlag beschaffen, auch für bildungsferne Zielgruppen Politik in das Zentrum der politischen Bildung zu stellen.[14] Ausdrücklich orientiert sich dieser Vorschlag an der Sachlogik der Politik. Die Psychologik der Lernenden kommt insofern zur Geltung, als eine Elementarisierung der politischen Inhalte postuliert wird. Die Vermittlung zentraler politischer Sachverhalte müsse so vorgenommen werden, dass sie von breiten Schichten der Bevölkerung verstanden werden könnten. Die komplizierte Materie müsse in Einzelelemente aufgegliedert und mit viel Anschaulichkeit, Phantasie und Kreativität dargestellt werden. Die Verständlichkeit dürfe jedoch nicht auf Kosten der Komplexität gehen. Im Mittelpunkt müsse die Darstellung der Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen.[15]

Darf politische Bildung auf die Thematisierung von Politik verzichten?

Mit Ausnahme des zuletzt referierten Vorschlages neigen die übrigen Konzepte mehr oder weniger großzügig dazu, die Thematisierung der Politik nicht allzu ernst zu nehmen. Wichtiger ist den Vertretern dieser Konzepte, überhaupt einen Zugang zu bildungsfernen Jugendlichen zu gewinnen und Inhalte anzubieten, die im Zweifelsfall nur entfernt mit Politik zu tun haben. Beschönigend wird von einer "Entgrenzung der Politik" sowie von einem "breiten Verständnis von Politik" gesprochen, das von der Jugend geteilt werde. In diesem Sinne gelten die Strukturierung und Gestaltung der alltäglichen Lebensräume und der Besuch von Rockkonzerten mit politischen Texten als politische Akte.[16] Fast bedauernd wird allerdings auch festgestellt, dass Jugendliche in Befragungen weiterhin von einem herkömmlichen, auf Staat und Gesellschaft bezogenen Politikverständnis ausgingen.[17]

Trotz des schwierigen Publikums der Bildungsfernen gibt es gute Gründe, an einer politischen Bildung festzuhalten, die sich nicht vor einer Thematisierung der Politik und der Vermittlung der Prinzipien des demokratischen Verfassungsstaates scheut. Denn nur eine diese Leistung erbringende politische Bildung trägt dazu bei, dass die politische Ordnung in den Verständnishorizont der jungen Generation rückt. Auf jeden Fall gilt das Gebot, Politik im engen Sinne zu thematisieren, für die politische Bildung in allen Schulformen. Schon aus Gründen des Gleichheitsgebotes darf es nicht sein, dass nur in bestimmten Schulformen tatsächlich Politik Gegenstand des Politikunterrichts ist. Vor diesem Hintergrund mag es dann angehen, in der außerschulischen, auf Freiwilligkeit beruhenden politischen Bildung differenzierte Angebote zu machen und dabei Politik in Maßen zu "entgrenzen".

Es dürfte jedoch eine vergebliche Hoffnung sein, ausnahmslos alle Menschen für Politik zu interessieren und sie zu Citoyens zu formen. Es wird immer Desinteressierte geben. Aber natürlich bilden die Desinteressierten eine ständige Herausforderung. Ihre Zahl zu verringern und aus Desinteressierten wenigstens im Ansatz reflektierte Zuschauer zu machen, ist der politischen Bildung dauerhaft aufgegeben. Sie sollte sich nicht entmutigen lassen, wenn ihre Erfolge auf diesem Feld nur sehr bescheiden sind.[18]
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Fußnoten

1.
Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung nennt neun politische Milieus. Für das untere Drittel ergeben sich folgende Einstellungen zur Politik: 1. Selbstgenügsame Traditionalisten: ausgesprochen politikfern; unterdurchschnittliches politisches Interesse und Teilnahmeverhalten; wenig Zutrauen in die Problemlösungskompetenz der Politik; große Probleme, die Sprache der Politiker zu verstehen. 2. Autoritätsorientierte Geringqualifizierte: wenig Politikinteresse; unterdurchschnittliches politisches Kommunikationsverhalten; wenig gesellschaftspolitisches Engagement; große Distanz zu Politik und Politikern. 3. Abgehängtes Prekariat: unterdurchschnittliches Politikinteresse, passives Kommunikations- und Teilhabeverhalten. Vgl. Gero Neugebauer, Politische Milieus in Deutschland, Bonn 2007, S. 80ff.
2.
Vgl. Wolfgang Gaiser/Martina Gille/Johann de Rijke/Sabine Sardei-Biermann, Zur Entwicklung der Politischen Kultur bei deutschen Jugendlichen in West- und Ostdeutschland. Ergebnisse des DJI-Jugendsurvey von 1992 bis 2003, in: Hans Merkens/Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Jahrbuch Jugendforschung, 5. Ausgabe, Wiesbaden 2005, S. 172, S. 191; Ulrich Schneekloth, Politik und Gesellschaft: Einstellungen, Engagement, Bewältigungsprobleme, in: Shell Deutschland (Hrsg.), Jugend 2006. Eine pragmatische Generation unter Druck, Frankfurt/M. 2006, S. 106, S. 118, S. 123.
3.
Vgl. Helmut Fend, Identitätsentwicklung in der Adoleszenz, Bern-Stuttgart-Toronto 1991, S. 211f.
4.
Vgl. U. Schneekloth (Anm. 2), S. 129. Ebenso Wolfgang Gaiser/Johann de Rijke, Partizipation und politisches Engagement, in: Martina Gille/Winfried Krüger (Hrsg.), Unzufriedene Demokraten. Politische Orientierungen der 16- bis 29-Jährigen im vereinigten Deutschland, Opladen 2000, S. 281ff.
5.
Michael Vester/Peter von Oertzen/Heiko Geiling/Thomas Hermann/Dagmar Müller, Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/M. 2001, S. 168f.
6.
Vgl. Uwe H. Bittlingmayer/Klaus Hurrelmann, Medial vermittelte politische Bildung für Jugendliche aus bildungsfernen Milieus aus soziologischer Sicht. Expertise für die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), 2005, S. 6.
7.
Die bpb stellte dem Verfasser freundlicherweise Materialien über das Bildungsverhalten bildungsferner Milieus zur Verfügung, die großenteils auf den folgenden Studien des sozialwissenschaftlichen Instituts Sinus-Sociovision beruhen: Carsten Wippermann, Politische Bildung in jungen Lebenswelten, Heidelberg 2003; ders./Katja Wippermann, Politische Bildung in politikfernen Lebenswelten: Konsum-Materialisten, Heidelberg 2006. Die folgenden Ausführungen basieren auf diesen Materialien.
8.
Vgl. Helmut Bremer, Eine lange Geschichte. Zur Kontinuität milieuspezifischer Weiterbildungsteilhabe unter "wissensgesellschaftlichen" Bedingungen, in: Uwe H. Bittlingmayer/Ullrich Bauer (Hrsg.), Die "Wissensgesellschaft", Wiesbaden 2005, S. 454.
9.
Vgl. zum Folgenden Joachim Detjen, Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland, München 2007, Kap. 11, bes. S. 211ff., S. 226ff., S. 238ff.
10.
Vgl. Hubertus Buchstein, Bürgergesellschaft und Bürgerkompetenzen, in: Politische Bildung, 33 (2000) 4, S. 13.
11.
U. H. Bittlingmayer/K. Hurrelmann (Anm. 6), S. 18.
12.
Vgl. Hans-Joachim Roth u.a., "Das ist nicht nur für Deutsche, das ist auch für uns" - Politische Bildung für Jugendliche aus bildungsfernen Milieus unter besonderer Berücksichtigung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Expertise für die bpb, 2005, S. 25ff.
13.
Vgl. U. H. Bittlingmayer/K. Hurrelmann (Anm. 6), S. 22ff. Die Autoren beziehen sich auf das Unterrichtsprogramm "Erwachsen werden" der Stiftung Lions Quest. Das zum Ansatz der Life-Skills-Erziehung gehörende Programm stärkt das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl vor allem von Hauptschülern.
14.
Vorschlag von Siegfried Schiele, dem früheren Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.
15.
Im Erscheinen begriffen ist ein von Siegfried Schiele und Gotthard Breit verfasstes Studienbuch zur politischen Bildung für bildungsferne Jugendliche mit dem Titel "Vorsicht Politik!", in dem es um die Vermittlung der Politik wie auch der freiheitlichen Demokratie geht.
16.
Vgl. U. H. Bittlingmayer/K. Hurrelmann (Anm. 6), S. 16ff. sowie Klaus Hurrelmann/Ruth Linssen/Mathias Albert/Holger Quellenberg, Eine Generation von Egotaktikern? Ergebnisse der bisherigen Jugendforschung, in: Shell Deutschland (Hrsg.), Jugend 2002. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus, Frankfurt/M. 2002, S. 41f.
17.
Vgl. H.-J. Roth u.a. (Anm. 12), S. 20, S. 65.
18.
Vgl. Joachim Detjen, "Der demokratiekompetente Bürger" - Politikwissenschaftliche Anmerkungen zu einer normativen Vorstellung Politischer Bildung, Wolnzach 1999, S. 28.