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30.7.2007 | Von:
Benedikt Sturzenhecker

"Politikferne" Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit

Jugendlichen eine Stimme geben

Für politisches Handeln scheint es mir zwei zentrale Bedingungen zu geben: Zum einen muss das Subjekt seine Interessen kennen und klären können, um sie zum anderen öffentlich einzubringen, Aufmerksamkeit für sie zu verlangen und sie in Bezug zu gemeinsamen Themen und Entscheidungsfragen setzen. Dazu muss das Individuum in der Lage sein, überhaupt erst eine eigene Position zu entwickeln, es muss sie und sich für prinzipiell berechtigt halten, und es muss Kompetenzen haben, dem Eigenen Ausdruck zu verleihen, sowie eine gewisse Hoffnung, auch Gehör zu finden.

Vorschlag: Höre ihre Geschichte! Benachteiligte Jungen und Mädchen drücken sich selten in abstrakten Formulierungen aus. Statt dessen erzählen sie Geschichten. Diese "Epen" enthalten verdichtet Relevanzen, Selbst-, Fremd- und Gesellschaftsbilder. Sie enthalten prototypische Probleme, Konflikte und mögliche Lösungen. Diese Geschichten erzählen sie zwar untereinander, sind es aber nicht gewohnt, dass Erwachsene zuhören. Eine eigene Stimme entwickelt sich aus der Resonanz der Zuhörer. Der/die Erzählende muss ihr "Echo" vernehmen, um sich in ihm selber hören und wiedererkennen zu können.

Vorschlag: Thematisiere ihre Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Diskriminierung! Gerade benachteiligte Jungen und Mädchen erfahren gesellschaftliche Zusammenhänge häufig in Form von Ausgrenzung, Begrenzung, Misstrauen, Kontrolle und Abwertung. Statt von ihnen zu verlangen, andere nicht zu diskriminieren und zu bekämpfen, setzt politische Bildung bei ihren eigenen Erfahrungen mit Ungerechtigkeit und Desintegration an. Dazu kennen sie viele Geschichten, die wiederum ihren Blick auf gesellschaftliche Lebensbedingungen enthalten.

Vorschlag: Mache die Personen (sich selbst) sichtbar! Die ihres Selbst unsicheren Jugendlichen brauchen ein Gesehen-Werden, brauchen Resonanz, um Selbstgefühl entwickeln zu können und sich und ihren Interessen, Meinungen, Haltungen zu trauen und sie einzubringen. Deshalb sollte die Sichtbarmachung von Geschichten, Interessen, Positionen immer auch die Person darstellen, ihre Eigenart würdigen, die Bereicherung des Gemeinsamen durch ihre Spezialität demonstrieren. Diesen Aspekt von Anerkennung nennt Honneth "Solidarität": die Anerkennung der besonderen Fähigkeiten, in denen sich die Menschen unterscheiden, aber die von konstitutivem Wert für Gemeinschaften sind.

Vorschlag: Mache ihre Geschichte, ihre Aussage, ihr Interesse sichtbar! Das erzählte Wort bleibt in der narrativen (Beziehungs-) Situation gefangen. Deshalb ist es wichtig, den Jugendlichen Ausdrucksmittel anzubieten, mit denen sie ihre Geschichte festhalten, präzisieren und anderen öffentlich mitteilen können. Eine mediale Dokumentation sollte an die jugendkulturellen Ausdrucksweisen der jeweiligen Szene oder Clique anknüpfen. Mädchen zeichnen gerne und mit hoher Kompetenz Bildgeschichten im Stil japanischer Mangas. Ganz simpel ist die Dokumentation von Geschichten und Interviews mit mp3-Rekorder oder auf Video. Texte selbst geschriebener HipHop-Songs, SMS, Handyfotos, Fotostorys, selbstgemalte Bilder, Skulpturen aus Knete, Schrott und vielem mehr, Gedichte, Flugblätter, selbstgemachte Zeitungen, Blogs, besprayte oder mit Eddings beschriebene Wände, elektronische Laufbandschriften können genutzt werden. Wenn Jugendliche beginnen, politischen Ausdruck zu probieren, nutzen sie häufig Thematisierungs- und Gesprächsweisen, die sie aus dem Fernsehen kennen. So sind z.B. Talk- und Gerichtsshows für sie eine Form, um Artikulation, Auseinandersetzung und Entscheidungen zu erproben. Einerseits gefällt den Jugendlichen solch medialer Ausdruck ihrer Geschichten, und sie arbeiten engagiert daran, andererseits misstrauen sie ihren Ausdruckskompetenzen und Inhalten und fürchten, verlacht oder abgewertet zu werden. Deshalb ist im Prozess der ästhetisch-medialen Erarbeitung ihres Ausdrucks eine ständige Unterstützung und Bestätigung nötig.[5]

Vorschlag: Ermögliche Resonanz und Dialog! Die medial gestalteten Geschichten, Interessen und Positionen der Jugendlichen müssen in einem zweiten Schritt einer Öffentlichkeit präsentiert werden und von ihr Resonanz erhalten. Das kann zunächst die Öffentlichkeit der eigenen Clique, Gruppe oder des Jugendhauses sein. Da die Jugendlichen häufig Misserfolge bei der Präsentation von Leistungen (besonders in der Schule) gewohnt sind, haben sie Schamgefühle und Ängste, sich und ihre Aussagen öffentlich zu zeigen. Deshalb ist ein vorsichtiges Üben und Steigern der Konfrontation mit Öffentlichkeiten empfehlenswert. Zuhörer/Zuschauer und Beteiligte brauchen Gelegenheit und Mittel, ihre Reaktion auf die Präsentationen zu dokumentieren. Auch dieses kann unter Verwendung verschiedenster Medien geschehen. Damit beginnt eine rudimentäre Form des Dialoges: Auf eine Positionierung folgt eine Reaktion, und ein (politisches) Gespräch kann sich entwickeln.

Vorschlag: Fragt die anderen, erweitert die Perspektiven! Sich Sichtweisen, Interessen und Positionen anderer zu stellen, kann geübt werden, in dem man die Jugendlichen in Kontakt zu Menschen bringt, die von Themen, Interessen oder Haltungen der Jugendlichen betroffen sind. Häufig leben "politikferne" Jugendliche in begrenzten sozialen Räumen mit auf andere Jugendliche und pädagogische Betreuer und Wächter eingeschränkter Kommunikation. Um "Gesellschaft" außerhalb ihres Horizonts zu entdecken, ist es hilfreich, dass Jugendliche andere Betroffene kennen lernen und befragen. Das Interview (wieder dokumentiert!) ist für die Jugendlichen eine Möglichkeit, sich nicht selbst sofort positionieren und konfrontieren zu müssen, sondern sich aus der Deckung des Fragestellers in andere Perspektiven hineinzuversetzen. Reden die Jugendlichen über "Schwule", befragt diese; bewundern sie Drogendealer, befragt diese (man findet sie im Knast); interessieren sie sich für "Nutten", befragt diese; reden sie über "geile Wummen" (Pistolen), fragt Menschen, die Pistolen tragen, und welche, auf die geschossen wurde; reden sie über "Mobbing", fragt Opfer, Richter, Berater. Immer wieder sollten Essentials öffentlich dokumentiert werden: als Grafik, Foto, Netzwerk, Collage.

Fußnoten

5.
Vgl. Manuela Mechtel, S wie Schlampe, Z wie Zichopat. Neuköllner Märchen: Was die Kinder vom Berliner Reuterplatz in einer Poesie-Werkstatt erzählen, in: Süddeutsche Zeitung vom 12.4. 2006. Zum ästhetischen Ausdruck des Eigenen vgl. Benedikt Sturzenhecker/Christoph Riemer (Hrsg.), Playing Arts. Impulse ästhetischer Bildung für die Jugendarbeit, Weinheim-München 2005; vgl. auch www.playing-arts.de.