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30.7.2007 | Von:
Benedikt Sturzenhecker

"Politikferne" Jugendliche in der Kinder- und Jugendarbeit

Demokratischen Konflikt ermöglichen

Resonanz und Aussagen von Befragten bringen nicht nur positive Bestätigung, es kommen auch andere Positionen und Gegenmeinungen ins Spiel. Politisch-demokratisch ist es von zentraler Bedeutung, sein Gegenüber zu respektieren und seine Argumente ernst zu nehmen. Eine Kritik oder Gegenmeinung empfinden benachteiligte Jugendliche häufig als bedrohlich und abwertend. Entsprechend leicht geraten sie in Verteidigung, Rückzug oder Gegenangriff. Den Konflikt auszuhalten, weder körperliche oder psychische Gewalt auszuüben noch einfach zu flüchten, ist eine der zentralen Übungen politischer Bildung.

Besondere Wirkung hat das Handeln der Pädagoginnen und Pädagogen in den Konflikten, die sie selber mit den Jugendlichen austragen. Sie sollen ja nicht die Positionen der Jugendlichen nachbeten, sondern müssen sich im Sinne von Authentizität deutlich positionieren, auch und gerade, wenn dies in Konfrontation zu Interessen und Positionen beteiligter Jugendlicher steht. Es geht darum, mit den Jugendlichen zu streiten, ohne diese herabzuwürdigen und argumentativ bloßzustellen oder besiegen zu wollen. Damit wird eine gewaltfreie Streitkultur praktiziert, in der die Jugendlichen erfahren können, dass man nicht immer mit allen einer Meinung ist, aber diese trotzdem in ihrem Anderssein respektiert und schützt. Deshalb stehen Inhalte, Ergebnisse oder gar Überzeugungsveränderungen nicht im Vordergrund, sondern die Beziehungs- und Kommunikationsstruktur und der Prozess eines demokratischen Streitgesprächs.

Vom demokratischen Diskurs über Interessen, Positionen und Argumente arbeitet man sich vor zur grundsätzlichen demokratisch-partizipativen Strukturierung der Entscheidungsprozesse in Einrichtungen der Jugendarbeit. Als Ort politischer Bildung sollte eine Jugendeinrichtung demokratisch organisiert sein, das heißt, die beteiligten Jugendlichen müssen ihre Rechte auf Beteiligung und die strukturellen Möglichkeiten von Partizipation kennen und nutzen können. Die Rechte (etwa in einem Jugendhaus), soziale Regeln mitzubestimmen, Ressourcen zu verteilen und über Themen/Aktivitäten zu entscheiden, müssen im Alltag klar erkennbar, nutzbar, einklagbar sein. Diese Rechte benötigen demokratische Beteiligungsverfahren. Demokratische Partizipation braucht öffentliche Organe der Artikulation und Vertretung von Interessen, der Aushandlung von Lösungen und der gemeinsamen Entscheidung. Diese Organe können basisdemokratisch offen für alle sein (z.B. Hausversammlungen), aber auch repräsentativ-parlamentarisch gewählte Organe (z.B. Hausparlamente) sind nötig. Diese Gremien entscheiden über Inhalte, Aktivitäten, Finanzen, und sie bestimmen die Grundrechte und Regeln. Zusätzlich bedarf es Gremien der Konfliktbearbeitung und "Rechtsprechung" (z.B. Fairnesskomitees, Mediationsräte).[6]

Politisch-demokratische Erfahrungen in der pädagogischen Polis lassen sich nicht ohne weiteres auf die allgemeine Polis, etwa die Kommune übertragen. Deshalb sollte immer wieder der Übergang in die öffentlich-allgemeine Politik des Gemeinwesens gestaltet werden. Die Themenstellungen beziehen sich ja nicht nur auf die Binnenverhältnisse einer pädagogischen Einrichtung, sondern viele haben mindestens Schnittstellen zu allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Fragen. Wer sich zum Beispiel für schnelle Autos interessiert, ist auch mit den Spritpreisen und der Energiepolitik konfrontiert; wer sich für den Umgang mit Alkohol interessiert, ist auch mit den Gesetzen und der öffentlichen Reaktion auf jugendlichen Alkoholkonsum konfrontiert, ebenso wie mit den Strategien der Alkoholindustrie; wer sich mit Ausländerfeindlichkeit beschäftigt, ist auch mit dem politischen Umgang mit Migration befasst; wer sich für Shopping interessiert, hat es auch mit Aufenthaltsrechten etwa in Shopping Malls zu tun; wer sich für "Abhängen" und Pöbeln auf der Straße interessiert, ist auch mit den Reaktionen von Passanten, Ordnungsamt und Polizei konfrontiert.

Auch hier gilt es zu beobachten, wie sich Jugendliche auf den politischen Raum beziehen, welche Interessen und Problemstellungen sie zeigen, um dann mit ihnen (mediale) Möglichkeiten der öffentlichen Artikulation ihrer Interessen herauszufinden und zu erproben. Bei der weiteren Gestaltung politischer Konfliktaustragung können auch Informationen und Aufklärung über formal- strukturelle, rechtliche oder kulturelle Bedingungen politischen Handelns im Gemeinwesen wichtig werden.

Fußnoten

6.
Vgl. zur Realisierung von Demokratie mit Jugendlichen und Partizipation in der Offenen Jugendarbeit Raingard Knauer/Benedikt Sturzenhecker, Partizipation im Jugendalter, in: Benno Hafeneger/Mechthild M. Jansen/Torsten Niebling (Hrsg.), Kinder- und Jugendpartizipation im Spannungsfeld von Akteuren und Interessen, Opladen 2005, S. 63 - 94; vgl. auch www.partizipation-und-bildung.de.