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30.7.2007 | Von:
Dirk Loerwald

Ökonomische Bildung für bildungsferne Milieus

Bildungsdefizite als typisches Unterschichtenproblem

Unterschiedliche Bildungsniveaus innerhalb einer Bevölkerung sind nicht untypisch, und es stellt sich die Frage, warum eine Gesellschaft den Bildungsfernen besondere Aufmerksamkeit schenken sollte. Wenn Bildung öffentlich bereitgestellt und jedem der Zugang zum Bildungssystem grundsätzlich ermöglicht wird, sind die Bildungsfernen dann nicht im kantischen Sinne selbstverschuldet unmündig? Diese Frage muss sowohl mit "ja" als auch mit "nein" beantwortet werden, denn nicht nur der Mangel an Verstand oder der fehlende Entschluss, selbigen zu nutzen, müssen als Erklärungsvariablen für ein niedriges Bildungsniveau herangezogen werden. Seit vielen Jahrzehnten besteht unter Bildungsforschern Einigkeit darüber, dass neben individuellen kognitiven Leistungen auch leistungsunabhängige Faktoren für den Bildungserfolg verantwortlich sind.[7]

Als Inkarnation der Bildungsbenachteiligung galt in den 1960er Jahren das "katholische Arbeitermädchen vom Lande". In diesem Bild wurden vier für die damalige Zeit typische, leistungsunabhängige Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg vereint: die Konfession, das Geschlecht, die regionale Herkunft und der soziale Hintergrund. Bis heute hat sich der Zusammenhang zwischen diesen vier Merkmalen und dem Bildungsniveau unterschiedlich entwickelt. Konnten die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen - gemessen an Bildungsabschlüssen im allgemeinbildenden Schulwesen - im Laufe der Jahre beseitigt werden,[8] so hat sich am signifikanten Zusammenhang zwischen sozialem Hintergrund und Bildungsniveau bis heute nichts geändert. Immer noch ist mangelnde Bildung vor allem ein Problem der sozialen Unterschicht.
  • Ein niedriger Bildungsstand der Eltern hat in der Regel auch schwache Lernleistungen ihrer Kinder zur Folge.[9]
  • Jugendliche aus bildungsfernen Familien nehmen signifikant weniger an höheren Bildungsmaßnahmen teil als Jugendliche, die in bildungsnahen Haushalten aufwachsen.[10]
  • Schülerinnen und Schüler, deren Eltern über einen akademischen Abschluss verfügen, erzielen signifikant bessere Ergebnisse in internationalen Leistungsvergleichsstudien als Jugendliche mit Eltern ohne Sekundarbildung.[11]
Bei der Bildungsbenachteiligung sozial schwacher Schichten handelt es sich um einen seit Jahrzehnten andauernden, sich selbst verstärkenden Prozess, aus dem die Bildungsfernen in der Regel keinen eigenständigen Ausweg finden können. Damit wird die Entschärfung dieses Problems zur gesellschaftlichen Aufgabe.

Fußnoten

7.
Vgl. Reiner Geißler, Bildungsexpansion und Bildungschancen, in: Sozialer Wandel in Deutschland. Informationen zur politischen Bildung, 269 (2000), Bonn 2000, S. 40ff.
8.
Vgl. ausführlich Marianne Horstkemper, Mädchen und Frauen im Bildungswesen, in: Wolfgang Böttcher/Klaus Klemm (Hrsg.), Bildung in Zahlen - Statistisches Handbuch zu Daten und Trends im Bildungsbereich, Weinheim 1995, S. 188 - 216.
9.
Vgl. A. Plünnecke/O. Stettes (Anm. 6), S. 30.
10.
Vgl. Aktionsrat Bildung (Anm. 3), S. 12.
11.
Vgl. Ludger Wößmann, Familiärer Hintergrund, Schulsystem und Schülerleistungen im internationalen Vergleich, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2003) 21 - 22, S. 33 - 38, hier: S. 36.