APUZ Dossier Bild

30.7.2007 | Von:
Dirk Loerwald

Ökonomische Bildung für bildungsferne Milieus

Der Beitrag der ökonomischen Bildung

Um Bildungsfernen ein selbstbestimmtes Leben in sozialer Verantwortung ermöglichen zu können, ist (auch) - das ist meine zentrale These - ein Mindestmaß an ökonomischer Bildung notwendig. Um ein solches Mindestmaß bestimmen zu können, muss aus dem enormen Bestand eines Faches das für die Bildungsfernen Unverzichtbare herausgearbeitet werden. Spätestens seit dem Entstehen der ersten Curricula stehen die an institutionalisierten Bildungsprozessen beteiligten Fächer vor der Herausforderung, den bildungsrelevanten Kern ihrer Disziplin zu bestimmen. Damit eine solche didaktische Reduktion bzw. Rekonstruktion der fachlichen Inhalte nicht in Beliebigkeit mündet, werden Kriterien benötigt.

In der Diskussion zur ökonomischen Bildung existieren zahlreiche fachdidaktische Konzeptionen zur Ermittlung ihres bildungsrelevanten Kerns.[15] Dabei handelt es sich nicht um vollkommen unterschiedliche oder gar gegensätzliche Positionen, sondern eher um unterschiedliche Akzentuierungen eines Gesamtkonzepts. Vier Gemeinsamkeiten lassen sich identifizieren, die - in jeweils unterschiedlicher Gewichtung - in allen einschlägigen Konzeptionen eine wichtige Rolle spielen:
  • Erstens hat sich ökonomische Bildung - wie Bildung insgesamt - an den Lebenssituationen zu orientieren, denen die Adressaten von Bildungsprozessen ausgesetzt sind.
  • Zweitens sind Struktur- und Funktionsprinzipien der Wirtschaftsordnung eines Landes ein relevanter Bezugsrahmen.
  • Drittens ist das Theorie- und Methodenwissen der Ökonomik das domänenspezifische Proprium für die ökonomische Bildung.
  • Viertens sind es nicht die wirtschaftswissenschaftlichen Theorien und Methoden, die den Kern der ökonomischen Bildung ausmachen, sondern ihre Übersetzung in bildungsrelevante Kategorien.
Die Auswahl des für Bildungsferne Unverzichtbaren steht vor der besonderen Herausforderung, das elementare Mindestmaß einer ökonomischen Bildung zu bestimmen. Eine solche Aufgabe unterscheidet sich von der Erstellung eines Curriculums, wie dies für institutionalisierte Lehr-Lern-Prozesse angebracht erscheint. Ist ein Curriculum darauf angelegt, einen vollständigen, zeitlich definierten Bildungsprozess zu beschreiben, so haben Bildungsferne bereits einen Großteil ihrer Bildungsbiographie (erfolglos) durchlaufen. Bildungsferne Milieus zeichnen sich nicht nur durch ein niedriges Bildungsniveau aus, sondern auch durch ein lückenhaftes "Inselwissen". Dort anzusetzen impliziert, die typischen sowie die folgenreichsten Bildungslücken adressatenbezogen zu ermitteln und Inhalte und Kompetenzen zu beschreiben, die notwendig sind, um diese Lücken zu schließen. Als folgenreich sind vor allem Bildungsdefizite zu bezeichnen, die den Bildungsfernen das Leben im Alltag erschweren und die ihnen eine verantwortete Teilhabe an Gesellschaft verwehren. Bildung für Bildungsferne muss immer auch Bezüge zu und Auswege aus ihrer prekären Lage aufzeigen.

Der Bezug zu den Lebenssituationen erscheint mit Blick auf die Bildungsfernen als besonders relevant. Als ökonomisch geprägte Lebenssituationen werden üblicherweise "Konsum", "Arbeit/Beruf" und "Wirtschaftspolitik" genannt.[16] Die Menschen agieren in diesen Lebenssituationen in den entsprechenden Rollen als Konsumenten, als Erwerbstätige und als Wirtschaftsbürger, und sie stehen in diesen Rollen vor zahlreichen Entscheidungsproblemen in individuellen und kollektiven Kontexten, auf deren Bewältigung ökonomische Bildung vorbereiten kann. Ökonomisch geprägte Lebenssituationen lassen sich in modernen, funktional ausdifferenzierten Volkswirtschaften eben nicht mehr allein durch Lebenserfahrungen bewältigen, sondern erfordern vom Einzelnen ökonomische Handlungskompetenz. Insbesondere die Vorbereitung auf die Bewältigung zukünftiger Lebenssituationen - und was ist Bildung anderes? - kann nur auf der Basis eines fundierten und in gewissem Maße zeitüberdauernden Wissens über ökonomische Struktur- und Funktionsprinzipien gelingen. Die Orientierung an Lebenssituationen birgt die Gefahr, dass ökonomische Bildung vorschnell auf bloße "Lebenshilfe" reduziert wird. Ökonomische Bildung kann aber keine einzelfallbezogenen Rezepte für ökonomische Probleme liefern. Sie muss vielmehr darauf ausgerichtet sein, die Chancen und Herausforderungen des Wirtschaftslebens verständlich und die strukturellen Gesetzmäßigkeiten nachvollziehbar zu machen. Auf diese Weise kann sie auf unterschiedliche, aber strukturell gleichartige Lebenssituationen vorbereiten und ihrem Bildungsauftrag gerecht werden.[17]

Der Bildungsauftrag der ökonomischen Bildung soll im Folgenden mit Blick auf die Lebensbereiche konkretisiert werden, in denen Bildungsferne mit wirtschaftlichen Sachverhalten konfrontiert werden, in denen sie also (unmittelbar) ökonomisch urteilen, entscheiden und handeln müssen.

Fußnoten

15.
Zu nennen sind der Lebenssituationenansatz (Ochs/Steinmann), der kategoriale (Dauenhauer/May/Kruber), der institutionenökonomische (Krol/Karpe/Zoerner) und der ordnungstheoretische Ansatz (Kaminski). Einen Überblick über die Konzeptionen bieten Birgit Weber, Stand ökonomischer Bildung und Zukunftsaufgaben, in: sowi-onlinejournal, (2001) 2, sowie Reinhold Hedtke, Ökonomisches Lernen, in: Wolfgang Sander (Hrsg.), Handbuch politische Bildung, Bonn 2005, S. 335 - 346.
16.
Vgl. für viele Klaus-Peter Kruber, Ökonomische Bildung - ein Beitrag zur Allgemeinbildung? Eine immer wieder neue Frage an den Wirtschaftsunterricht, in: Georg Weißeno (Hrsg.), Politik und Wirtschaft unterrichten, Bonn 2006, S. 187 - 202.
17.
Vgl. ausführlich Gerd-Jan Krol/Dirk Loerwald/Andreas Zoerner, Ökonomische Bildung, Praxiskontakte und Handlungskompetenz, in: Bernd O. Weitz (Hrsg.), Kompetenzentwicklung, -förderung und -prüfung in der ökonomischen Bildung, Bergisch Gladbach 2006, S. 61 - 110.